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»Beim Käfer hast g'wusst, 'hoppla, jetzt musst langsam tun'«

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Heute vor 60 Jahren wurde in Deutschland zum ersten Mal geblitzt. In Traunstein sind die Messungen seit 1958 dokumentiert.

Traunstein – »Mei damals beim Käfer, der hatte 24 PS, da hat ab 80 das Bodenblech mitvibriert, da hast g'wusst, 'hoppla, jetzt musst langsam tun'«, erinnert sich Johann Schmauß. »Mit den heutigen Autos bist schnell mal 20, 30 zu schnell dran und merkst es kaum.« Heute vor 60 Jahren wurde in Deutschland zum ersten Mal geblitzt, und zwar in Düsseldorf. Bereits 1958 findet sich der erste Nachweis für Kontrollen im Landkreis Traunstein.


Seitdem scheiden sich die Geister an der Notwendigkeit der Geschwindigkeitsüberwachung. »Bei dem Wort 'Radarfalle' stellt's mir die Haare auf. Da macht man etwas, um die Leute zu schützen, und dann ist's auch nicht recht. Auf der anderen Seite ist nicht jeder, der ein bisserl zu schnell dran ist, auch gleich ein gewissenloser Raser«, erklärt Schmauß das Dilemma der Beamten.

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Schmauß war lange Zeit oberster Verkehrspolizist in der Polizeiinspektion (PI) Traunstein und Vorsitzender der Kreisverkehrswacht. Er erinnert sich an einen kuriosen Fall: 2009 wurde ein prominenter Sportler bei Bergen auf der Autobahn geblitzt – mit 163 km/h in der 80er-Zone. Bestraft wurde er nicht – sein Anwalt hatte einen privaten Gutachter gefunden, der die Messung wegen »vorauseilender Lichtreflexe« in Zweifel zog.

Unter den Prominenten, die erwischt wurden, waren Fußballspieler genauso wie Sportreporter, Opernsänger und Autorennfahrer, erklärt Bernhard Ott, Leiter der technischen Verkehrsüberwachung bei der Verkehrspolizeiinspektion (VPI) Traunstein mit Sitz in Siegsdorf. In deren Chronik wird 1958 die Geschwindigkeitskontrolle als eine der Hauptaufgaben genannt. Seitdem überwachen die Siegsdorfer Beamten den fließenden Verkehr immer dort, wo sie von den Inspektionen angefordert werden.

»Die sagen uns, wann sie Personal und ein Auto haben, und wir sagen, wo sie messen sollen«, erklärt der Sachbearbeiter Verkehr bei der Polizeiinspektion Traunstein, Johann Mayer. Dabei richte man sich nach den bayerischen Verkehrsüberwachungsrichtlinien. Oberste Priorität haben Unfallbrennpunkte mit besonders vielen sehr schweren Unfällen, gefolgt von Unfallgefahrenpunkten mit nicht ganz so vielen Unfällen, aber Gefahrenstellen, Anwohnern, die sich durch Lärm und Abgase belästigt fühlen, und sonstigen Kontrollstellen.

Grundsätzlich soll das Fahrzeug auch gesehen werden, so Mayer. »Aber man darf sich schon auch hinter natürliche Hindernisse wie Hecken, Zäune oder Schneehaufen stellen.« Mayer räumt mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf: »Für den Beamten spielt es keine Rolle, ob er einen oder viele erwischt. Uns geht es vor allem um massive Raser.«

Unterscheiden müsse man auch zwischen einem Radarfahrzeug der VPI, fest installierten Anlagen und Handlasermessungen. So wurde an der Kreuzung in St. Georgen wegen der vielen schweren Unfälle eine Messanlage installiert – »mit Erfolg«, so Mayer. Denn fest installierte Anlagen sprechen sich herum, »es wird langsamer gefahren, die Unfallzahlen sinken.« Anders sei es bei Unfallhäufungsstrecke: »Da wird dann langsam gefahren, wo geblitzt wird, aber ein paar hundert Meter weiter wird genauso gerast wie zuvor«.

Neben den Messfahrzeugen der VPI stehen auch Beamte der Inspektionen mit der »Laserpistole« an gefährlichen Stellen. Sie müssen immer zu zweit sein und die Schnellfahrer sofort anhalten, denn sie machen keine Beweisfotos. Anders als die VPI. Ihre Fotos werden in Rosenheim ausgewertet und an die Zentrale Bußgeldstelle in Viechtach geschickt. Dabei finde sich zum Teil Erstaunliches: »Masken und Grimassen, aber auch Leute beim Kaffee trinken oder beim Zeitunglesen haben wir schon erwischt. Lkw-Fahrer machen das ganz gern mal«, erklärt Ott.

»An der Messstelle reichen die Ausreden von Unglauben – 'was, da ist eine Geschwindigkeitsbeschränkung?' – über Einsicht bis hin zu Beschimpfungen – 'habt ihr nichts Besseres zu tun?'«, so Ott. Von körperlichen Auseinandersetzungen ist ihm bisher nichts bekannt – »zumindest in unserem Dienststellenbereich«. Natürlich hatte es der eine oder andere wirklich besonders eilig, etwa Fahrer von Rettungswagen oder Feuerwehrfahrzeugen. Sie müssen natürlich nicht mit einer Strafe rechnen.

Wer aber selbst dringend eine Frau in den Kreißsaal oder ein Kind ins Krankenhaus bringen muss, der sollte laut Ott lieber die Rettungskräfte zu Hilfe rufen. »Diese sind dafür ausgebildet und haben die entsprechenden Einsatzmittel wie Fahrzeuge, Funk, Blaulicht und Martinshorn.« coho