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Bald keine Hausärzte mehr im ländlichen Raum?

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Traunstein. Droht im ländlichen Raum in der Region ein Engpass in der hausärztlichen Versorgung der Bevölkerung? Mit dieser Frage beschäftigte sich nun der Ausschuss für Gesundheitsfragen und soziale Angelegenheiten im Landratsamt.


Deutlich wurde dabei, dass man in der stationären Versorgung durch die kommunalen Klinikverbünde (Kreiskliniken Mühldorf, RoMed Kliniken, Kreiskliniken Altötting-Burghausen und die Kliniken Südostoberbayern GmbH) mit fast 3300 Betten eine gute stationäre Versorgung habe.

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Oft kein Nachfolger in ländlichen Gemeinden

Schnelle Hilfen im Notfall würden über die Integrierte Leitstelle mit der Nummer 112 ermöglicht, die eine Fläche von 3748 Quadratkilometer und eine Bevölkerung von 493 000 Bürgern in 105 Kommunen versorgt. Man sehe auch noch einen vergleichsweise hohen Versorgungsgrad mit in der Region praktizierenden Hausärzten.

In der vom Stellvertretenden Landrat Sepp Konhäuser vorgetragenen Sitzungsvorlage kristallisierte sich aber heraus, dass die hausärztliche Versorgung der Bevölkerung mittelfristig gefährdet ist. So gibt es beispielsweise im Norden der Region Südostoberbayern bereits zahlreiche Gemeinden, die über keine Hausarztpraxis mehr verfügen. Daneben werden viele der in den fünf Landkreisen tätigen Hausärzte in den kommenden Jahren aus Altersgründen ausscheiden, wobei in ländlichen Gemeinden viele Praxen wohl nicht mehr besetzt werden. Gemäß Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns aus dem Jahr 2010 sind von den 628 praktizierenden Hausärzten 172 über 60 Jahre und werden ihre Tätigkeit damit bald beenden.

Diese Befürchtungen decken sich auch mit einem Berufsmonitoring, das die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung in Zusammenarbeit mit der Universität Trier veröffentlicht hat: Demnach planen Medizinstudenten als spätere Tätigkeit bevorzugt als angestellter Arzt im Krankenhaus oder als Facharzt in eigener Praxis zu arbeiten, wogegen die Beschäftigung als Hausarzt in eigener Praxis nur im Mittelfeld der Mediziner-Pläne aufgeführt sind. Dem Trend steuert nun auch der Gesetzgeber entgegen, der in verschiedenen gesetzlichen Erleichterungen unter anderem für Ärzte die Residenzpflicht aufgehoben hat und um Beruf und Familie einfacher miteinander zu vereinbaren im Fall der Geburt eines Kindes die Möglichkeit geschaffen hat, sich in Zukunft bis zu zwölf Monate vertreten zu lassen.

Gründe für den Hausärzteschwund auf dem Land sieht man neben Fragen der Vergütung vor allem auch im Bereich der Dienstbereitschaft und der »zunehmenden Feminisierung des ärztlichen Berufs« (70 Prozent der Studierenden in der Fachmedizin sind weiblich). »Die Landarzttätigkeit in Einzelpraxis ist ein Auslaufmodell«, machte Konhäuser seine Einschätzung deutlich.

Gut entwickeln werden sich den Einschätzungen zufolge die Landkreiszentren Traunstein, Traunreut und Trostberg, da man hier als Zukunftsmodelle verstärkt Gemeinschaftspraxen und Medizinische Versorgungszentren erwartet. Handlungsbedarf, der seinen Niederschlag im Fortschreibungsentwurf des Landesentwicklungsprogramms Bayern findet, sehen die Ausschussmitglieder unter anderem dergestalt, dass die starre Trennung zwischen stationärer und ambulanter Gesundheitsversorgung aufgebrochen werden müsse, was auch für den Bereich der Finanzierung gelten müsse. Weitere Maßnahmen wurden erörtert und vorgeschlagen. Der Landkreis hat daneben zwischenzeitlich einen Datenpool zusammengestellt, der im südostoberbayerischen Raum unter anderem Hausärzte, Apotheken, Hebammen, Physiotherapeuten und Zahnärzte beinhaltet, mit denen man im Bedarfsfall direkt Kontakt aufnehmen und Abfragen starten könne.

Diskussion: Ausbildung zum Allrounder gefordert

In der Diskussion betonte Stellvertretender Landrat Konhäuser, dass man die Versorgungssicherheit in jedem Fall halten müsse. Bergens Bürgermeister Bernd Gietl (CSU) sagte, dass gerade die Frage nach einer finanziellen Ablöse für die Praxis eine Hürde in einer möglichen Nachfolgeregelung sei. Dr. Herwart Rudolf Schmidt, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes, zeichnete ein düsteres Zukunftsbild: 33 Prozent der Hausärzte würden in den kommenden Jahren nicht mehr praktizieren. »Da wird es schwer, einen Nachfolger zu finden.« Er forderte die Ausbildung zum Allrounder und beklagte gleichzeitig eine fehlende Wertschätzung für die Hausärzte. Auch im Zusammenhang mit der Honorierung der Leistungen übte er Kritik, es werde »für unnötige Kniegelenksoperationen immer mehr Geld ausgegeben«. Dr. Stephan Gebrande vom Gesundheitsamt Traunstein machte deutlich, dass man im kommunalen Bereich über gute Strukturen verfügen müsse, um für Hausärzte attraktiv zu sein. Hierzu würden vor allem Bildungseinrichtungen für Kinder und Arbeitsplätze für den Partner zählen. Auch ein guter Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs vom Wohnort der Bürger hin zu den Versorgungszentren sei wichtig.

Ausschussmitglied Waltraud Wiesholer-Niederlöhner (SPD) wollte die zuvor geäußerte Kritik der »Feminisierung des Ärzteberufs« nicht gelten lassen. »Gott sei Dank haben wir mehr Frauen in der Medizin.« Es sei aber wichtig, hier entsprechende Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten, um Beruf und Familie miteinander verbinden zu können. »Der Bedarf ist da«, sagte sie. Ausschussmitglied Dr. Thomas Graf (ÖDP) machte deutlich, dass ihm auch aus persönlicher Tätigkeit eine sachliche Argumentation wichtig sei: »Wir machen gerne Hausbesuche«, betonte der Kinderarzt. awi