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Bairisch ist eine Sprache, kein Dialekt

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Gustl Lex aus Grabenstätt ist Mundartdichter und zweiter Vorsitzender des Vereins »Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau-Inn«. (Foto: P. Mix)

Traunstein – An den heutigen Internationalen Tag der Muttersprache erinnert der Verein »Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau-Inn« mit seinen etwas mehr als 800 Mitgliedern. »Unser Ziel ist es, die bairische Sprache als Umgangssprache zu erhalten«, betont Vorsitzender Rudi Mörtl aus Traunstein.


Für ihn und seine Vereinskollegen steckt mehr dahinter als die Sprache – auch die geschichtliche und kulturelle Entwicklung ist ihnen wichtig, denn »Bairisch ist ein Kulturgut«. Bei Veranstaltungen zeigt der Verein Hintergründe auf, erklärt, woher die Sprache kommt, dass beispielsweise viele Begriffe vom Lateinischen abgewandelt sind.

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Obwohl gerade in großen Städten wie München der Rückgang der Mundart dramatisch ist, zeigt sich Mörtl optimistisch, dass sie zumindest auf dem Land erhalten werden kann: »Auf dem Dorf hört man noch viel Bairisch auch bei den jungen Leuten.« Morgen gehen einige Mitglieder in Schulen und Kindergärten und bringen den Kindern die bairische Sprache näher.

In Kindergarten und Schule fangen sie an »zu preißeln«

Viele Kinder redeten in den ersten Lebensjahren noch bairisch, weil sie es daheim so hören, erklärt Mörtl. In Kindergarten oder Schule wechselten sie dann aber ins Schriftdeutsche, »fangen an zu preißeln«.

Brauchtumsexperte Siegi Götze aus Marquartstein meint: »Wenn ich das wunderbare Bairisch höre, das einige Darsteller der Rosenheim Cops in deren gleichnamiger Kriminalserie sprechen, und was auf den Smartphones unserer jungen Leute alles an Bairisch fröhliche Urständ feiert, so ist mir generell um unsere Sprache nicht bang. Aber wenn das zusammenfällt mit Minderwertigkeitsempfinden, dann wird’s problematisch.« Bairisch sei nun einmal eine eigene Sprache und absolut kein »verkümmertes oder verludertes Schrift- oder Hochdeutsch«.

Seiner Meinung nach ist es aber auch wichtig zum Erhalt der Mundart, dass man bei Bedarf jederzeit ins Hochdeutsche umschalten kann. In Filmen der 1960er Jahre und auch noch später hätte man sich bemüht, Schauspielern den Anstrich zu geben, sie sprächen Bairisch, »nur um sie als etwas dümmlich erscheinen zu lassen«. Dialektsprecher habe man damals als Blödel dargestellt und Schulen und Bildungsstätten hätten ein Übriges dazugetan, Mundartsprecher zu diskreditieren.

Daraus habe man aber zumindest in Bayern nach und nach gelernt und auch in Lehrplänen gegengesteuert. Überhaupt: »Wenn Franz Beckenbauer Bairisch gesprochen hat, dann sind die Südschweden unter den Deutschen hingeschmolzen, weil's halt gar so erdig war.«

Verschwundene Begriffe wie Bua und Dirndl

Götze hat viele Begriffe auf Lager, die aus dem täglichen Sprachgebrauch immer mehr verschwinden: der »Bua« ist längst zum »Jungen« geworden, »wobei Bua (von pueri = lateinisch) eine Geschlechtsbezeichnung ist, Junge eine Altersbezeichnung. Die Bezeichnung »Dirndl« für ein Mädchen kommt vom mittelhochdeutschen »Tiorna – Tiorndl – Tirndl – Dirndl = junge Frau«.

Schade findet es Götze auch, dass statt Blaukraut nur noch Rotkohl im Supermarkt zu finden ist und statt Wammerl ein Bauchfleisch auf der Speisenkarte steht. »In einem Café fragte mich letzten Sommer eine Bedienung, ob ich Sahne auf den Zwetschgendatschi wolle, worauf ich antwortete 'Naa, i hätt ganz gern an Schlagrahm drauf'. Spontan kam die Antwort 'Haben wir nicht'. Im anschließenden Plausch haben wir aber doch ein Ergebnis erzielt.« Ähnlich ging es ihm mit den »Geschwollenen«. Als die Bedienung sagte »haben wir nicht«, verwies er auf die Speisenkarte – da standen halt »Wollwürste«.

Götze erinnert sich: »Als Bub hab ich der Großmutter zum Backen noch einen 'Germ' geholt um fünf Pfennig.« Heute kauft man Hefe. Schindeln heißen Dachziegel und statt »eikaffn« geht man »shoppen – Schoppen war für den Bayern immer schon den Mund vollstopfen beim Essen. Oder aber es geht um Wein.« Weitere fast vergessene Worte fallen ihm ein: Impn (von Althochdeutsch »Imbe«) fliegen heute nicht mehr umeinander, um Honig zu sammeln, sondern nur noch Bienen und der »Göd« (Vater in Gott) ist allenthalben zum Paten geworden sowie die »Godn« (Mutter in Gott) zur Patin wurde.

Seine Gedichte und Geschichten verfasst auch Gustl Lex aus Grabenstätt in Mundart, die jedoch der Schriftsprache angelehnt ist, um sie einfacher lesbar zu machen. »Der Dialekt ist ja von Region zu Region verschieden, da wollte ich eine einheitliche Schreibweise finden, die jeder versteht«, erklärt er. Aber es müssten bekannte bayerische Idiome vorkommen und die Grammatik spiele eine Rolle wie beispielsweise die, in Bayern typische, doppelte Verneinung. Wichtig ist ihm, dass das Lesen Freude macht und nicht anstrengend ist. Am besten käme die Sprache rüber, wenn man seine Werke laut liest.

»Ich will meine Herkunft nicht verleugnen«

Als zweiter Vorsitzender des Vereins für bairische Sprachen und Mundarten im Chiemgau setzt sich Lex für den Erhalt seiner Muttersprache ein. »Auch wenn ich mit bestimmten Leuten nach der Schrift rede, darf man ruhig hören, woher ich komme, ich will meine Herkunft nicht verleugnen«, meint er. »Für uns war die deutsche Schriftsprache damals die erste Fremdsprache.«

Bedauerlicherweise sprächen junge Leute heute oft »Schlotterdeutsch«. Er will verhindern, dass alte Begriffe ganz verloren gehen, und greift sie in seinen Texten gerne auf, wo man ihre Bedeutung aus dem Kontext erkennen kann. Wer wisse denn heute noch, was der »Irda« ist, die alte Bezeichnung für den Dienstag? Den früher gebräuchlichen Ausdruck »Auswärts« für den Frühling kennen ebenfalls nicht mehr viele. mix

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