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Baby beinahe tot geschüttelt – Acht Jahre Haft für Vater

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Foto: dpa/Symbolbild

Sein ganzes Leben lang schwerst körperlich und geistig behindert bleiben wird ein inzwischen zwei Jahre alter Bub aus Kolbermoor nach einem im Alter von sechs Monaten erlittenen massiven Schütteltrauma.


Update, Dienstagmittag: Urteil verlesen

Der 40-jährige Vater als Kolbermoor wurde heute von der sechsten Strafkammer mit vorsitzendem Richter Dr. Jürgen Zenkel schuldig gesprochen und zu acht Jahren Haft verurteilt. Der 40-Jährige zeigte sich heute im Verlauf der Verhandlung geständig: Er wollte, so wörtlich, nicht mehr mit der Lüge leben und beschrieb, wie er ungeduldig und unüberlegt seinen sechs Monate alten Sohn massiv geschüttelt hat.

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Der Richter fügte nach dem Verlesen der Anklage hinzu, dass der Angeklagte roh und gefühllos gehandelt habe. "Sie haben Ihrem Kind ein ganz normales Leben genommen", so der Richter. Ohne Geständnis wäre die Haftstrafe deutlich höher ausgefallen. Das Urteil wurde heute nicht kechtskräftig, der Anwalt des 40-Jährigen kündigte eine Revision an.

Einen ausführlichen Bericht über die Verhandlung am Dienstag lesen Sie hier: "Ich habe die Fassung verloren und ihn geschüttelt".

Erstmeldung, Montag:

Der 40-jährige Vater, der damals mit dem Baby allein in der Wohnung war, muss sich seit gestern wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen vor dem Landgericht Traunstein verantworten.

Der Angeklagte räumte ein »festes Schütteln« ein – aber nur, weil er dachte, der Säugling habe etwas verschluckt und atme nicht mehr: »Ich hatte Angst, dass der Bub stirbt. Das war der größte Fehler meines Lebens.« Der Prozess geht am heutigen Dienstag um 9.30 Uhr weiter.

Die 38-jährige Mutter war am 24. August 2015 zu einem Kurs in eine Klinik nach Rosenheim gefahren. Der Mann sollte sich um das gemeinsame Kind kümmern. Gemäß Anklage von Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner packte der Angeklagte den Buben aus unbekannten Gründen und schüttelte ihn heftig. Der Babykopf wurde in lebensgefährlicher Weise herumgeschleudert. Aufgrund der Hirnverletzungen musste der Säugling notoperiert und mehrere Monate stationär im Krankenhaus bleiben. Das Krankenhaus Vogtareuth hatte damals den Kriminaldauerdienst der Rosenheimer Polizei eingeschaltet wegen Misshandlungsverdachts. Der 40-Jährige wurde am 21. September 2015 vorläufig festgenommen und saß seither in Untersuchungshaft.

Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim erklärte namens seines Mandanten, dieser habe den Buben nach Weggang der Kindsmutter auf die Couch unter einen Spielebogen gelegt. Anschließend habe er auf der Terrasse eine Zigarette geraucht. Als er zurückkam, sei ihm das Kind durch das Licht der roten Vorhänge in dem Zimmer »bläulich« erschienen. Der Vater habe gedacht, der Sohn atme nicht mehr, ihn hochgenommen und mehrmals geschüttelt. »Ihm war bewusst, dass das gefährlich ist. Er ist in Panik geraten.« Schließlich habe der 40-Jährige den Rettungsdienst verständigt.

Der Angeklagte ergänzte, vor dem Rauchen sei der Säugling »quietschfidel« gewesen. Bei der Rückkehr habe er gemerkt, dass etwas nicht stimmt: »Er hatte eine komische Farbe und reagierte nicht. Als ich ihn hochgehoben habe, war er schlapp, die Augen waren halb auf. Er zuckte. Ich kann nicht sagen, ob er bewusstlos war. Er hatte so eine Art Schnappatmung. Ich dachte, er hat was verschluckt. Ich habe gerufen: Schatzi wach auf, wach auf.«

Vorsitzender Richter Dr. Jürgen Zenkel schenkte dem geschilderten Ablauf keinen Glauben. Rechtsmediziner hätten eindeutig Anzeichen für ein massives Schütteltrauma festgestellt. Vorstellbar sei: »Sie sind gestresst, das Kind quengelt beim Schuhe anziehen. Dann schütteln Sie es. Sie haben den Zustand des Kindes verursacht. Es gibt keine Hinweise auf eine andere Ursache.«

Die Kindsmutter berichtete zum Zustand des inzwischen Zweijährigen: »Er ist bei mir. Er kann sich nicht normal bewegen. Mittlerweile kann er Essen schlucken, braucht aber noch eine Magensonde. Er leidet unter Epilepsie. Gegenüber seinem Bruder ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.« Die 38-Jährige umriss den Angeklagten als ungeduldig mit dem Kind. Handgreiflich sei er gegen das Baby nie geworden.

Professor Dr. Florian Heinen, Kinderneurologe am Hauner'schen Kinderspital in München, sprach von »einem Maximum an Schädigungen«: »Das Kind ist schwerst motorisch und sensorisch geschädigt. Der Entwicklungsstand des Zweijährigen entspricht dem eines vier Wochen alten Säuglings.«

Der Bub werde lebenslang von Versorgung rund um die Uhr abhängig bleiben. Die Gewalt gegen das Gehirn des Kinds sei, »wie mit 60 Stundenkilometern gegen die Wand zu fahren«. kd