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Ausschuss gewährt Rufbus eine Gnadenfrist

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Traunstein – Sollten sich die Nutzerzahlen nicht grundlegend ändern, steht der Rufbus im Nordwesten des Landkreises Traunstein vor dem Aus. Das flexible ÖPNV-Angebot ist seit seinem Start im Oktober 2015 hochdefizitär – und bleibt dies wohl auch, obwohl die Fahrpreise zum 1. März in etwa verdoppelt wurden. Im Kreistags-Ausschuss für Landkreisentwicklung und Verkehrsfragen (KEVA) überwog der Pessimismus – sofort einstampfen wollte man das Projekt aber auch nicht. In der Sitzung Ende des Jahres will das Gremium informiert werden, wie sich die Nutzerzahlen angesichts der veränderten Bedingungen entwickelt haben. Nach Auswertung der Zahlen soll entschieden werden, ob der Rufbus bis zum Auslaufen der dreijährigen staatlichen Förderung am 30. September 2018 fortgeführt werden soll.


Das System ist als Ergänzung zum Linienverkehr gedacht. Der Rufbus verkehrt innerhalb der und zwischen den Gemeinden Altenmarkt, Engelsberg, Kienberg, Obing, Pittenhart, Schnaitsee und Tacherting – mit Anbindung zu den Bahnhöfen Bad Endorf, Garching und Wasserburg. In Trostberg werden fünf weitere Haltepunkte angefahren.

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Fast 180 000 Euro Zuschuss erforderlich

Im Dezember hatte der KEVA beschlossen, den Rufbus heuer wie bereits 2016 mit maximal 48 300 Euro aus Landkreismitteln zu fördern. Damit verbunden hatte das Gremium etliche Forderungen, etwa eine Einschränkung des Fahrangebots, bessere Erreichbarkeit der Zentrale, Bündelung der Fahrgäste und Erhöhung des Fahrpreises.

Laut den Erfahrungsberichten nimmt der Personenkreis, für den der Rufbus gedacht war – Bewohner abgelegener Außenbereiche oder nicht fahrtüchtige Senioren – den Bus kaum in Anspruch. Im Schnitt saßen 2016 bei einer Fahrt nur 1,2 Personen im Rufbus. 2016 wurden fast 180 000 Euro an öffentlichen Mitteln für das Angebot ausgegeben. Vom Freistaat kamen 112 700 Euro, der Landkreis leistete 58 300 Euro, und die Gemeinden etwa 8950 Euro.

Landrat Siegfried Walch meinte, das System sei vom Zweck her gut gemeint gewesen, müsse angesichts der Zahlen jedoch angepasst und nach einer gewissen Zeit daraufhin überprüft werden, ob es mit der Lebensrealität der Menschen zusammenpasst. »Momentan ist das nicht der Fall.« In den Außenbereichen funktioniere offenbar die aktive Bürgergesellschaft: »Die Leute sprechen sich ab und kommen ohne Rufbus gut klar.«

Trostberger mitnehmen und Traunreut ansteuern

Sepp Hohlweger (Grüne) brachte etliche Verbesserungsvorschläge ins Spiel, um mehr Fahrgäste anzulocken: »Nur dann wird der Rufbus für uns billiger.« So sollte der Bus weitere attraktive Zielpunkte anfahren – etwa den Bahnhof Traunreut – und auch Trostberger befördern, die zum Beispiel nach Garching möchten: »Das geht derzeit nicht, obwohl die Nachfrage da wäre.« Auch eine kürzere Anrufzeit von beispielsweise nur eineinhalb statt drei Stunden vor Fahrtantritt würde den Rufbus attraktiver machen.

Walch und weitere Kreisräte bezeichneten dies als »Rumdoktern an Symptomen«, was am Kernproblem aber nichts ändere: »Es fahren leider nicht mehr mit als in jedem Taxi. Die Bündelung, die man im ÖPNV möchte, findet nicht statt – da können wir auf- und niederspringen. De facto subventionieren wir einen Taxi-Betrieb.« Der Landkreis sei zwar kein profiorientierter Konzern. »Trotzdem können wir den Menschen nicht ein System überstülpen, das nicht genutzt wird. Und wir sind schließlich dem Steuerzahler gegenüber verantwortlich.« Mehrere Kreisräte berichteten von Problemen mit dem Rufbus. So sei etwa die Zentrale nicht erreichbar gewesen oder der Bus nicht zur vereinbarten Zeit gekommen. Jeden Fall solle man ans Landratsamt melden, forderte Walch. »Wenn wir schon so viel Geld ausgeben, müssen wir auch darauf achten, dass die Verträge ordentlich erfüllt werden.«

»Gestorbenes Kind« ist »grandios gescheitert«

In der Aussprache mehrten sich die kritischen Stimmen: Für Sepp Daxenberger (CSU) ist ein Bus angesichts von 1,2 Fahrgästen »das verkehrte Fahrzeug«. Der Rufbus sei »grandios gescheitert«. Jetzt nachzubessern und dann zu entscheiden, sei aber in Ordnung. Wenn sich an den Fahrgastzahlen nichts ändere, müsse man offen sagen: »Das Rufbus-System war nicht das richtige, das muss anders geregelt werden.«

Fraktionskollege Stephan Bierschneider berichtete, dass in der Gemeinde Altenmarkt von den 46 Rufbus-Haltestellen 24 noch nie benutzt wurden: Intensiv habe er für den Rufbus geworben – mit wenig Erfolg. Das versicherte auch Engelsbergs Bürgermeister Martin Lackner (CSU). Er sprach von einem »guten System«, das aber nicht genutzt werde: »Wenn man sich die Zahlen anschaut, wird es schwierig, das mit Gewalt weiterzubetreiben. Wir müssen wohl einen Schlussstrich ziehen und uns etwas anders einfallen lassen.«

Auch für Manfred Kösterke (FW/UW) steht das Aus für den Rufbus fest. Der ÖPNV funktioniere in den Ballungszentren bei enger Taktung und verlässlichen Fahrzeiten. Selbst dort müsse man noch subventionieren, »was die öffentliche Hand gerne macht, weil die Städte sonst unter dem Verkehr zusammenbrechen würden«. Flexibilität auf dem Land werde man mit ÖPNV-Systemen jedoch nie hinbekommen: »Wenn die Fahrzeit nicht einigermaßen vergleichbar zum eigenen Auto ist, nehmen die Menschen das Angebot nicht an.« Noch deutlicher wurde Fraktionskollege Franz-Xaver Obermayer: Der Rufbus sei ein »gestorbenes Kind, das nie zum Leben gekommen ist«. Sinnvoller sei es, Menschen aus den Außenbereich in den Schulbussen mitzunehmen und auf den Hauptstrecken Bahn- und Busangebot besser zu koordinieren. rse