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Aus Misstrauen wurde Freundschaft

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Beim gemeinsamen Singen mit Josip (rechts) sprang der Funke über. (Foto: Mergenthal)

Ruhpolding. Wenn Josip (20) an seiner Gitarre ein israelisches Friedenslied anstimmt, reißt er alle mit. Nach außen wirkt der junge Mann unbeschwert; in der Musik kann er das Trauma des Bosnienkriegs vergessen. Die Folgen belasten die junge Generation, auch wenn sie den Krieg nicht mehr bewusst erlebt hat. Die Sommerakademie der Stiftung »Wings of Hope« im Labenbachhof mit 30 jungen Leuten aus Bosnien-Herzegowina, Israel, Palästina und Deutschland nennt Josip eine der »besten Erfahrungen« seines ganzen Lebens.


»Raise your voice – erhebt eure Stimme!« lautete das Motto der 6. Friedens-Sommerakademie. Die beteiligten jungen Männer und Frauen engagieren sich in ihren Ländern für eine friedliche, gewaltfreie Gesellschaft. Miteinander suchten sie nun nach neuen Wegen, um alte Muster ethnischer und religiöser Konflikte aufzubrechen. Zum Programm der zwei Wochen gehörten neben Workshops und Diskussionen Freizeitaktionen wie Bergsteigen an der Hörndlwand mit Übernachten in der Bergwachthütte, Rafting oder Klettern.

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Als Praktikantin wirkte dieses Jahr Sofia Renner (24) aus Ruhpolding mit. Sie studiert in Magdeburg »Frieden und Konfliktforschung« und absolvierte dafür bei der Stiftung ein fünfwöchiges Praktikum. Ein umfassendes Bild bekam sie dank der Mitwirkung bei jedem Workshop und auch bei der zweiwöchigen Vorbereitung des Friedenscamps. »Das ist eine gute Ergänzung zur Theorie im Studium. Ich habe hier gesehen, wie Völkerverständigung wirklich funktioniert«, erzählt sie.

Es faszinierte sie auch, die feinen Nuancen der Begegnung der Teilnehmer untereinander, die anfangs von Angst geprägt war, zu beobachten. »Jetzt sind tiefe Freundschaften entstanden«, betont sie. Ihr Fazit: »Die zwei Wochen waren toll. Klar, das war total viel Arbeit.« Später würde sie gern für interkulturelle Austauschprogramme oder in der Integrationspolitik arbeiten. Ehrenamtlich engagiert sich die Ruhpoldingerin bereits jetzt an ihrer Uni für die Integration ausländischer Studenten.

Erstmals waren bei der Akademie auch vier deutsche Teilnehmer dabei, darunter die Biologiestudentin Kirsten Ott (23) von der Evangelischen Jugend Nürnberg. Weil immer wieder Fragen zu Deutschland und zur deutschen Geschichte aufgetaucht waren, hatte sich »Wings of Hope« deutsche gleichaltrige Gesprächspartner gewünscht. Den jungen Menschen aus Konfliktgebieten zu begegnen, sei für sie anfangs nicht einfach gewesen, gesteht Ott. »Erfahrungen wie sie haben wir natürlich nicht gemacht.« Viele ruhige Gespräche hätten geholfen, die inneren Mauern abzutragen. Sie musste viele Fragen beantworten, etwa »wie wir mit Neonazis, mit unserer Geschichte, dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust umgehen«. Daheim möchte sie ihre neuen Erfahrungen in Projekte zur Förderung interreligiöser Toleranz einfließen lassen.

»Wir haben alle Probleme. Wir teilen sie«, bringt es Josip aus Bosnien-Herzegowina auf den Punkt. Sein Vater kämpfte im Krieg. Erst seit einem Jahr spreche er darüber, sagt Josip. »Er möchte uns nicht damit belasten«, vermutet er. Mit Gleichgesinnten organisiert der 20-jährige Musiker Festivals für junge Leute aus verschiedenen Städten und arbeitet auch mit Kindern. »Wir wollen Stadtkultur machen. Ich denke, das ist der Weg zum Frieden.« vm