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Aufstehen gegen zunehmende Empathielosigkeit

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Die selbstgefalteten Boote konnten gegen eine Spende erworben werden und dokumentierten die praktische Verbundenheit der Anwesenden mit den Überfahrern und den privaten Seenotrettungsorganisationen, standen aber auch für die Zahl von vermuteten 1600 Ertrunkenen in diesem Jahr. (Foto: Wittenzellner)

Traunstein – Rund 80 Interessierte setzten auf dem Traunsteiner Stadtplatz ein Zeichen für die zivile Seenotrettung an Europas Außengrenzen. Man demonstriere nicht gegen »irgendwelche Asylrichtlinien, es geht um die Seenotrettung, es geht um ein ‚menschliches’ Thema« so die private Initiatorin Nina Boxhammer aus Trostberg. Und um sich bei dem gerade auch in den sozialen Medien heiß und oft mit verbaler Härte bis zur völligen Entgleisung diskutierten Thema nicht vor einen politischen Karren spannen zu lassen, hatte sie dazu auch nur Redner aus verschiedenen Flüchtlings- und Friedensorganisationen, einer kirchlich-karitativen Einrichtung und vor allem verschiedene in der Flüchtlingsarbeit engagierte Helfer geladen. So manche Partei, die sich gegen die derzeitige Linie der Bundesregierung stellt, nutzte mit Transparenten und Plakaten trotzdem die öffentlichkeitswirksame Darstellung ihrer Position.


»Ich will mit meiner Aktion wachrütteln«, betonte die Initiatorin, die symbolisch für vermutete 1600 in diesem Jahr bei der versuchten Überfahrt im Mittelmeer ertrunkene Menschen kleine orangefarbene Schiffchen in gleicher Anzahl gefaltet hatte, die auf einer das Mittelmeer symbolisierenden blauen Folie verteilt waren. Diese konnten für einen ideellen Preis von einem Euro aufwärts erworben werden. »Sie stehen symbolisch für jedes Leben, für jeden Menschen, der nicht gerettet wurde«, so Boxhammer. Die Annahme, dass die Seenotrettung der Nichtregierungsorganisationen die Schlepperei fördere sei falsch. »Die kriegen ihr Geld sowieso.«

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Ihren Fokus auf die sozialen Medien legte Katarina Koper, Jugendsekretärin des DGB. Likes und Smileys stünden dort unter »menschenverachtendem Geschwafel« wenn über ertrunkene Menschen berichtet werde. Sie monierte, dass die europäische Politik mehr darauf ausgerichtet sei, Geld in den Schutz der Außengrenzen zu pumpen, statt Ertrinkende zu retten. Dabei würden zivile Rettungsorganisationen nur die Arbeit übernehmen, die eigentlich die EU und ihre Mitgliedsstaaten leisten müssten. Letztlich sei für die Gewerkschafterin aber der Kapitalismus die Wurzel allen Übels, der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital.

Sabrina Teifel, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit in Reit im Winkl engagiert, äußerte ihr Unverständnis, dass man überhaupt darüber diskutiere, ob man Menschen vor dem Ertrinken rette oder nicht. Menschen würden sich aufgrund völliger Perspektivlosigkeit auf den Weg machen. »Niemand geht freiwillig, wenn es dahinter im Land noch eine Chance für ihn gibt.« Marlene Meister, die in Trostberg als Flüchtlingshelferin tätig ist, machte deutlich, dass die Frage nach den Gründen für die Fluchtbewegung für sie zweitrangig sei: »Egal warum sie losziehen. Jedes Leben ist ein Menschenleben. Es geht um Menschen.« Ihre Schilderungen real erlebter Erfahrungen von zum Teil anwesenden Flüchtlingen machten deutlich, wie lebensgefährlich die Überfahrt auf dem Mittelmeer ist.

Renate Schunk von der Friedensinitiative Traunstein-Traunreut-Trostberg kritisierte, dass der Artikel eins des Grundgesetzes (»Die Würde des Menschen ist unantastbar«) verletzt werde. Die Bundesregierung breche geltendes Recht mit ihrer politischen Haltung. Es dürfe nicht sein, dass Seenotretter kriminalisiert und Menschen vor Europas Grenzen in den Tod getrieben würden. Sie zog Parallelen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Schiffe mit jüdischen Emigranten und Flüchtlingen abgewiesen wurden und viele später im Holocaust von den Nazischergen ermordet wurden. In der politisch fundierten Rede forderte sie ein Aufstehen gegen den Rechtsruck im Lande. Sie forderte mehr politisches Engagement der Bevölkerung: »Mit Schweigemarsch und Kerzlein ist es nicht mehr getan.«

Robert Münderlein vom Diakonischen Werk Traunstein kritisierte, dass man Helfer handlungsunfähig mache und sie kriminalisiere. »Die Helfer werden zum Problem gemacht.« Hier sei die Position der Evangelischen Kirche klar, man beteilige sich an der Seenotrettung. »Sie sind ein Segen für uns und Europa.« Das christliche Menschenbild kenne keine Unterschiede in der Wertigkeit der Menschen: »Alle sind Ebenbilder Gottes in der Einen Welt.«

Die symbolische Rettungsaktion brachte am Ende der knapp zweistündigen Veranstaltung 617 Euro, die an drei zivile Seenotrettungsorganisationen überwiesen werden sollen. awi

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