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Auf Verbrecherjagd im Darknet

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Kriminalhauptkommissar Stefan Knöckl jagt als »Cybercop« die »bösen Buben« im Netz. Internetbetrug mit EC- oder Kreditkarten, Erpressung durch Schadsoftware und Computersabotage gehören zu seinen Hauptaufgabenfeldern. (Foto: Wannisch)

Traunstein – Als ich meine Kreditkartenabrechnung sehe, werde ich stutzig. Mehrere Zahlungen wurden mit meiner Kreditkarte getätigt, Beträge zwischen 50 und 500 US-Dollar abgebucht, für Spiel-casinos in den USA.


US-Dollar, Spielcasinos? Mein letzter Besuch in den Vereinigten Staaten liegt lange zurück, meine Kreditkarte habe ich seit Monaten nicht mehr genutzt. Aber auf meinem Konto herrscht nun gähnende Leere. Ganz offensichtlich hat jemand meine Kreditkartendaten ohne mein Wissen benutzt und mein Konto leer geräumt – ein Fall für die Cybercops.

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Auch wenn mein Betrugsfall schon etwas zurückliegt, ist dies ein ganz typischer Internetbetrugsfall für Kriminalhauptkommissar Stefan Knöckl. Der 51-Jährige arbeitet als Cybercop bei der Kriminalpolizei Traunstein. Bisher sind die Cybercops noch eine Unterabteilung des Kommissariats 2, das für »Eigentumsdelikte« zuständig ist.

Warenbetrug, Erpressung, Betrug mit EC- und Kreditkartendaten, Computersabotage durch Schadsoftware und Kinderpornografie – dieses breite Spektrum umfasst das Arbeitsfeld der Cybercops. »Es ist eine abwechslungsreiche Arbeit in der virtuellen Welt, bei der aber nicht nur hinter dem Schreibtisch ermittelt wird, sondern auch in der realen Welt«, räumt Knöckl mit dem Vorurteil des im dunklen Kellerzimmer operierenden Internet-Ermittlers auf.

Ins öffentliche Bewusstsein dringt der Arbeitsalltag der Cybercops meist nur dann, wenn es wirklich schmutzig wird. Wie im Fall des mutmaßlichen Kindsschänders aus Traunreut, der Ende Januar verhaftet werden konnte. »Solche Fälle machen zum Glück aber nur einen Bruchteil unserer Ermittlungen aus«, sagt Knöckl.

Sein Arbeitsalltag dreht sich meist um »klassischen« Internetbetrug. Benutzt werden dabei meist gestohlene Passwörter von gehackten Internetaccounts wie Amazon, Ebay oder PayPal, aber auch gestohlene Pin-Nummern und Sicherheitscodes für EC- oder Kreditkarten. Letztere stellen mit rund einem Viertel der Fälle die Mehrheit bei den Ermittlungen dar.

Cybercrime: Schaden in Millionenhöhe

Wen die Cybercrime-Attacken treffen, hängt von der jeweiligen Straftat ab. Die Masse der Cyberkriminalität betrifft Privatpersonen durch Identitätsdiebstahl oder Computerbetrug mit gehackten Kreditkartendaten und Phishing. Finanziell besonders schädigend sind Attacken, die Unternehmen treffen, etwa durch Computersabotage mit Verschlüsselungs- oder Crypto-Trojanern oder Telefonanlagenhacking. Und damit richten Betrüger immensen Schaden an. Allein die Traunsteiner Cybercops ermittelten 2015 und 2016 in über 1800 Cybercrime-Fällen. Die Schadenshöhe belief sich dabei insgesamt auf rund 1,7 Millionen Euro – allein im Zuständigkeitsbereich der Kripo Traunstein.

Um den Täter eines Internetbetrugs überhaupt zu ermitteln und dann bestenfalls zu verhaften, begeben sich die Ermittler auf Spurensuche im Netz, um IP-Adressen auszuforschen und damit den oder die Täter zu ermitteln. Doch das erfordert bisweilen viel Geduld. Häufig verstreicht für die Internet-Ermittler wertvolle Zeit. Denn die Ermittlungsarbeiten stehen meist im Spannungsfeld der eng gesteckten Grenzen zwischen Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung.

»Viele Daten stehen uns aus Datenschutzgründen nur sehr kurz oder eben gar nicht zur Verfügung«, erklärt Kommissar Knöckl das Dilemma. Telekommunikationsanbieter würden Bestandsdaten wie IP-Adressen, die einem Nutzer dann zugeordnet werden können, oftmals gar nicht oder maximal sieben Tage speichern. Daher haben viele Ermittlungen etwa im Bereich gestohlener Zugangsdaten für Online-Accounts kaum eine Chance auf Erfolg.

Taten werden meist viel zu spät entdeckt

So wie im Fall meiner gestohlenen Kreditkartendaten. »Meist sehen die Kunden erst am Monatsende, wenn sie ihre Kreditkartenabrechnung erhalten, dass etwas nicht stimmt. Aus Erfahrung wissen wir, dass die meisten Taten aber am Monatsanfang passieren«, beschreibt Knöckl das Dilemma. Für die Ermittler eine schwierige Situation. Besonders wenn – wie in meinem Fall – die Taten im außereuropäischen Ausland passierten.

»In diesem Fall hätten wir ein Rechtshilfegesuch an die zuständigen US-Behörden stellen müssen, mit leider wenig Aussicht auf Erfolg«, sagt der Cybercop. Daher werde in diesen Fällen abgewogen, bei welchen Fällen sich intensive Ermittlungen rechnen, und – wie in meinem von der Staatsanwaltschaft eingestellten Fall – eben nicht.

Schwachstelle ist immer die Übergabe

Tatenlos zusehen, wie Kriminelle im Internet ihr Unwesen treiben, müssen Stefan Knöckl und seine Kollegen aber keineswegs. Gute Chancen haben Cybercops, das letzte Glied in der Täterkette zu fangen – an die Hintermänner heranzukommen ist dagegen schwierig. »Die Schwachstelle ist immer die Übergabe«, klärt Kriminalhauptkommissar Knöckl auf. Dann, wenn aus der virtuellen Tat, eine reale Aktion wird: Etwa, wenn im Darknet (siehe Kasten) bestellte Drogen übergeben werden, oder Waren bei einer Paketstation abgeholt werden. Denn auch Drogenhändler wählen ganz selbstverständlich das enge Liefernetz von Paketzustellern wie DHL.

»Zunächst versuchen wir, herauszufinden, wer vom Konto abgebucht hat, und stellen dazu beim entsprechenden Anbieter eine Anfrage«, beschreibt der Polizist die Ermittlungsarbeit. Wurde Ware verschickt, ist damit die Lieferadresse bekannt. Meist führt diese aber nicht zum eigentlichen Täter. »Die Hintermänner schalten sogenannte 'Waren- oder Finanzagenten' dazwischen, an die die Ware zum Umetikettieren geschickt wird«, beschreibt Knöckl die Betrugsmasche. Durch Observation kann dann womöglich ein Täter identifiziert werden oder mit einem richterlichen Beschluss, ein verdächtiges Objekt durchsucht werden.

Obwohl es wie eine Sisyphusarbeit erscheint, gibt es für Kriminalhauptkommissar Stefan Knöckl und seine Kollegen keinen Grund, klein beizugeben: »Die Täter, die wir dingfest machen können, spornen uns an, jeden Tag weiterzuermitteln.« Verena Wannisch