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Die angehende Ärztin Katrin Schönfeld aus Traunstein sticht heute mit der Hilfsorganisation Sea-Eye in See

Auf ungewisser Fahrt

Traunstein – Nicht nur zusehen, sondern selber aktiv werden,  das  dachte sich Katrin Schönfeld aus Traunstein. Heute sticht die 39-jährige angehende Ärztin mit dem Schiff »Seefuchs« der Hilfsorganisation Sea-Eye von Malta aus in See: um schiffbrüchige Flüchtlinge zu retten. Dafür »spendet« sie zwei Wochen Urlaub, um Menschen in Not zu helfen.

Die Medizinerin Katrin Schönfeld aus Traunstein sticht heute  mit  dem  Schiff  Seefuchs  der  Hilfsorganisation Sea-Eye von Malta aus in See, um Schiffbrüchige aus dem Mittelmeer zu retten. (Foto: Wannisch)

Respekt ist inzwischen der Angst vor der großen Herausforderung gewichen, gibt Katrin Schönfeld zu. Für die Medizinerin ist dies ein »wichtiges und sinnvolles Projekt«, das sie für zwei Wochen als ehrenamtliche Helferin unterstützen wird. Dass man sich engagieren muss, um etwas zu verändern, hat die angehende Fachärztin für psychosomatische Medizin schon in ihrer Kindheit gelernt. Als Mädchen träumte sie davon, später als Entwicklungshelferin zu arbeiten. Die Not vieler Menschen in Afrika war ihr als Kind stets präsent, da sich ihre Mutter in Eine-Welt-Kreisen engagierte. Schönfeld selbst ging nach dem Abitur nach Argentinien, um dort Freiwilligendienst zu leisten. Anpacken statt zuzuschauen, am besten in einer Gemeinschaft, lautet ihre Devise.

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Sich dem Helfer-Team der Organisation Sea-Eye anzuschließen, war für die 39-Jährige in ihrem aktuellen Lebensabschnitt daher konsequent. Auch wenn sie weiß, dass Ertrinkende aus dem Mittelmeer zu retten, »nicht die Lösung des Problems ist«. Für die angehende Ärztin steht aber die aus ihrer Sicht viel drängendere Frage im Vordergrund: »Was wäre die Alternative – die Menschen ertrinken zu lassen?«

Die zwei Schiffe der in Regensburg ansässigen, privaten Hilfsorganisation – Sea-Eye und Seefuchs – kreuzen seit April 2016 durch internationale Gewässer vor der libyschen Küste, um Schiffbrüchige und Ertrinkende zu retten und Erste Hilfe zu leisten, und um diese an von der Seenotleitzentrale der italienischen Küstenwache geschickte Rettungsschiffe zu übergeben. Schönfeld hatte im Frühjahr bei einem Besuch in ihrer Heimatstadt Regensburg von der Arbeit der Organisation erfahren und sich spontan um einen Einsatz beworben. Seit Juli weiß die Ärztin, dass sie mit an Bord ist.

Im August hatte die Organisation die Seenotrettung im Mittelmeer noch ausgesetzt. Die schwierige Sicherheitslage vor der libyschen Küste hatte die Helfer dazu gezwungen, da die libysche Marine angekündigt hatte, das nach internationalen Standards auf 12-Seemeilen definierte Hoheitsgewässer auf unbekannte Größe auszudehnen. Auch drohte Libyen privaten Hilfsorganisationen. Um die Crews zu schützen, blieben die Schiffe in sicheren Häfen. Seit Anfang September stechen die beiden, zu Rettungsschiffen umgebauten, Fischkutter wieder in See. Nun in gehörigem Sicherheitsabstand von 60 Seemeilen zur libyschen Küste.

In den nächsten 14 Tagen komprimieren wenig greifbare Weltpolitik und hautnah erlebbare Einzelschicksale und sicher auch Tod im Alltag der Medizinerin zu einer unbekannten Belastungsprobe. Schönfeld weiß, dass es eine gewaltige Herausforderung ist, auf die es keine adäquate Vorbereitung gibt. Sie habe vorab viele Erfahrungsberichte anderer Sea-Eye-Helfer gelesen, sich bei einer Vorbesprechung in Regensburg genau informiert. Und sich immer wieder selbst die Frage gestellt: »Schaffe ich das?« Die Antwort kennt sie (noch) nicht.

Gestern ist Schönfeld nach Malta geflogen, um ihre zwölfköpfige Crew kennenzulernen, Ängste und Bedenken nochmals in der Gruppe offen anzusprechen und ihre Aufgabe an Bord zu erfahren. Nach einem Übungs- und Eingewöhnungstag in den Gewässern vor Malta, wird es dann ernst. Doch sie weiß, dass Respekt nicht nur der Angst gewichen ist, sondern auch »Lust und Freude« dazugekommen sind, diese Erfahrung machen zu dürfen. vew

Wie es Katrin Schönfeld bei ihrem Einsatz ergangen ist, wird sie dem Traunsteiner Tagblatt nach ihrer Rückkehr berichten.