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Auf Umwegen zum Traumberuf

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Morgens kurz nach sechs Uhr auf der Fahrt mit dem Edelstahl-Boot zu den Netzen. Im Hintergrund (von rechts) Kampenwand, Hochplatte, Kaisergebirge und Hochgern. (Foto. Kretzmer)

Übersee – Der 24-jährige Martin Kreuz, erst seit zwei Jahren Berufsfischer am Chiemsee, wusste von Kind an, was er werden wollte: Die Fischertradition liegt in der Familie. Großvater und Vater übten diesen Beruf aus, möglicherweise auch schon Männer früherer Generationen.


Vergessen ist, wer die rudernden Fischer in dem Holzkahn auf einem Schwarz-Weiß-Foto aus dem 19. Jahrhundert waren, das in Martins kleinem Lädchen hängt. Holzkähne verwenden die 16 Berufsfischer am Bayerischen Meer heute nicht mehr. Sie fahren im Edelstahl-Boot mit Außenbordmotor bei fast jedem Wetter hinaus.

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Fünf Renkenfangplätze steuert er an

Fünf Renkenfangplätze steuert Martin Kreuz beim Besuch des Traunsteiner Tagblatts an. Um sechs Uhr ist es abgesehen von den Raubmöven noch ruhig auf dem Wasser. Das 150 Meter lange Renkennetz reicht zwölf Meter in die Tiefe. Die Maschenweite regelt, dass nur erwachsene Tiere sich darin verfangen. Der erste Netzstandort ist nicht ergiebig: »Ich weiß nie, wo die Fische sind. Sie wandern umher, halten sich in unterschiedlicher Wassertiefe auf. Jahreszeit, Wetterverhältnisse, Seegang, Wassertemperatur – all das spielt eine Rolle.«

Beim zweiten Netz, weit draußen zwischen Delta der Tiroler Achen und Chieming, holt er deutlich mehr Renken aus dem Netz, ebenso beim dritten, weiter westlich liegenden. Vor dem östlichen Spitz der Feldwieser Bucht holt Kreuz zahlreiche Renken und einen etwa dreipfündigen Hecht aus dem Netz. EinemHecht mit Untermaß gibt er die Freiheit wieder. Der Junghecht entkommt´ den Möven, die rund um das Fischerboot lauern. Auch das letzte Bodennetz bringt reichen Renkenertrag. »Wenn viele Fische in den Netzen sind, dann macht mir mein Beruf besonders Freude. Ist wenig drin, ist das für mich als Selbständigen gar nicht lustig«, stellt der Fischwirt fest. Er kann von der Fischerei leben. Allerdings ist auch reichlich Arbeit damit verbunden. Nur wenn der Chiemsee zugefroren ist, bleibt Kreuz zuhause.

Daheim ist Vorsortieren angesagt

Daheim ist Vorsortieren angesagt. »Normale« Renken sind etwa vier Jahre alt, sechs Jahre die größeren. Ausgesondert wird, was sich gut zum Filettieren eignet. Die Renken werden geschuppt und ausgenommen. Gegen zehn Uhr ist Kreuz mit dem Fischputzen fertig. Der Arbeitsraum muss gereinigt werden. Die lebensmittelrechtlichen Vorschriften sind auch für den Verkauf streng. Ein- bis zweimal die Woche ist Selchen angesagt, eine stundenlange Prozedur mit ständigem Überwachen der Glut unter dem Selchkasten, in dem die am Ende goldfarbenen Fische aufgehängt sind.

Die Netze müssen gewartet, im Herbst geflickt oder ersetzt werden. Den ganzen Tag über hat der Fischer mit dem Verkauf zu tun. In manchem Lokal ruft er sofort an – damit man schon mittags die »frische gebratene Chiemsee-Renke mit Salzkartoffeln« auf die Tageskarte setzen kann.

Der jüngste Berufsfischer am Chiemsee ist Mitglied der seit 1897 bestehenden Fischereigenossenschaft Chiemsee, die die Bewirtschaftung des Sees regelt. Sie gibt die Zahl der erlaubten Netze und die Maschenweiten vor, wacht über die Einhaltung der Schonzeiten und die »Fünf-Tage-Woche«. Denn Berufsfischer dürfen ihre Netze nur fünf Tage pro Woche im Wasser lassen – von Montag bis Freitag oder Dienstag bis Samstag. Wer wo am Chiemsee fischt, ist nirgends festgeschrieben. Tabu für alle ist das Sperrgebiet vor dem »Mündungsdelta Tiroler Achen«.

Jährlich werden Millionen Fische ausgesetzt

Die Genossenschaft sichert den Fischbestand. In ihrer Brutanstalt in Prien-Harras werden jährlich etwa 50 Millionen Renken, circa 400 000 Seesaiblinge und 50 000 Seeforellen erbrütet, die übers Jahr ausgesetzt werden. Hinzu kommen rund 500 000 Hechtbrütlinge. Ein Teil des Fischnachwuchses kann in Seegehegen heranwachsen. Nach wie vor ist die Renke der »Brotfisch« des Chiemsees. Brachse, Aal und Hecht sind noch relativ häufig. Selten geworden sind Rutte, Seeforelle, Seesaibling, Zander, Schied, Karpfen oder Schleie.

Zur Fischerei kam Martin Kreuz auf einem Umweg. Nach der Hauptschule fand er mit 16 Jahren am Chiemsee keine Lehrstelle in seinem Traumberuf. So schloss er zunächst eine Maurerlehre ab. Am Tegernsee konnte er dann die Ausbildung beginnen. Parallel besuchte er die Schule für Fischwirte in Starnberg. Am Chiemsee schloss er 2014 den Pachtvertrag mit der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung, modernisierte das Fischkammerl samt Laden im elterlichen Bauernhof.

Einen Großteil der Fische verkauft er fangfrisch an Gaststätten und Privatkunden. Einen Teil veredelt er, etwa durch Räuchern mit Schwarzerlenholz in der »Selch«, einem separaten Häuschen. Renkenfilets werden zu saurem Brautfisch oder nach Matjes-Art eingelegt. Beliebtes Schmankerl ist seine Fischcreme aus geräuchertem Fischfilet, Frischkäse und Gewürzen. Um nicht völlig vom Tagesfang abhängig zu sein, kauft er in Dachau gezüchtete Forellen und Saiblinge zu, die er in seine Weiher bringt. Dort kann er sie bei Bedarf jederzeit herausholen.

In den zwei Jahren hat sich Kreuz einen guten Namen erworben. Den einzigen Rückschlag bescherte ihm der Neubau der Ortsdurchfahrt Übersee. Durch die Baustelle war er auf der Nordseite der Autobahn quasi abgeschnitten von seinen Abnehmern. Wer von Feldwies zu ihm wollte, musste einen Umweg über Grabenstätt von hin und zurück 18 Kilometer fahren. Laut Gemeinde soll die Verbindung zwischen Feldwies und Unterland ab dem heutigen Montag wieder frei befahrbar sein. kd