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Auf dem Bau neue Lebensperspektive finden

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Ausbildungsmeister Martin Huber zusammen mit Flüchtlingen, die in der Praxislernklasse   des Bildungszentrums Traunstein umfassend auf einen neuen Beruf vorbereitet werden. (Foto: Effner)

Traunstein – Ein Projekt im Bildungszentrum Traunstein der Handwerkskammer für München und Oberbayern zeigt, wie Integration durch Ausbildung und Arbeit gelingen kann – die sogenannte Praxislernklasse für Flüchtlinge, die auch vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird. Aufgrund des guten Erfolgs werden aktuell sogar wieder neue Bewerber im Landkreis und darüber hinaus gesucht.


Im ersten Stock des Bildungszentrums Traunstein herrscht reges Treiben. Fünf von aktuell sieben Asylbewerbern sind hier emsig bei der Sache, die Bauteile für eine Holzbank zu schreinern und sie mit tatkräftiger Unterstützung der beiden Ausbildungsmeister Manuel Bürger und Martin Huber zusammenzusetzen. Die Bank ist Teil eines provisorischen Klassenzimmers, das gerade auf der Empore des großen Werkraums entsteht.

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»Mit knapp 16 Asylbewerbern haben wir vor einem knappen Jahr mit dem Projekt begonnen, inzwischen sind neun von ihnen bereits weitervermittelt«, sagt Franz Ertl, Regionalleiter des Bildungszentrums Traunstein. Die am Projekt beteiligte Sozialpädagogin Lisa Rock hatte sich vor dem Start in Absprache mit Flüchtlingshelfern und Experten aus den Kommunen um geeignete Teilnehmer für das Projekt bemüht. Die sollten zum einen möglichst gut Deutsch sprechen, motiviert sein und einen anerkannten Asylstatus mit Aussicht auf eine Arbeitserlaubnis haben.

In der Praxislernklasse lernen die Flüchtlinge im engen Zusammenwirken mit Ausbildungsmeistern aus dem Handwerk schwerpunktmäßig Bauberufe wie Schreiner, Zimmerer, Maurer, Maler und Lackierer sowie Metallbauer kennen. Passend dazu gibt es Deutsch- und Schreibunterricht, fachbezogene Mathematik, technisches Zeichnen, Berufskunde und ein Bewerbungstraining. »Das ist nicht immer leicht«, sagt Ausbildungsmeister Martin Huber, »wenn der eine noch mit den Fingern zählt und der andere Betriebswirtschaft studiert hat«.

Zusätzlich werden der Umgang mit dem Computer, kulturelle Kenntnisse und lebenspraktische Fähigkeiten vermittelt. »Wir sprechen über den Abschluss neuer Handyverträge ebenso wie über gesellschaftliche Gewohnheiten und den passenden Umgang mit dem anderen Geschlecht«, sagt Ausbildungsmeister Manuel Bürger. Einblick in die Berufspraxis vermitteln Praktika in regionalen Betrieben.

»Dass Pünktlichkeit hier eine wichtige Tugend ist und wir hier in Deutschland sehr genau arbeiten, müssen einige der Flüchtlinge erst lernen«, resümiert Martin Huber. »Aber die meisten sind gut drauf, engagieren sich und sind sehr hilfsbereit, das würde ich mir von manchem unserer Lehrbuben wünschen«, ergänzt er. Zwischen 18 und 48 Jahre alt sind die Flüchtlinge, die bisher in der Praxislernklasse waren. Sie stammen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan oder Eritrea und wohnen in Tacherting, Trostberg, Traunreut, Seebruck oder Grassau. Aktuell gibt es sogar eine Bewerbung aus Prien.

Und die Flüchtlinge selbst? Wie finden sie das Projekt? »In Deutschland ist vieles anders, aber die Ausbildung ist ebenso wie das Sozialsystem gut und ich möchte hier als Lagerist arbeiten«, sagt Kaniwar Osman. Der 29-Jährige kommt aus Syrien und hat bereits bei drei Praktika die Berufswelt kennengelernt. Höchstens ein Jahr ist für den Besuch der Praxislernklasse vorgesehen. Bereits zweieinhalb Jahre ist Kamal Qasim aus dem Irak in Deutschland und spricht respektabel deutsch. Der 30-Jährige war Soldat und möchte jetzt Maler werden. Oft denkt er an seine Familie in der Heimat, die seit vier Jahren im Zeltlager lebt. Nach einem Praktikum in Stein wartet er gegenwärtig auf seinen Arbeitsvertrag. Und Kalid Al Abbadi? Der 25-jährige Syrer hat Philo-sophie studiert und möchte bald als Krankenpfleger arbeiten. Vor fünf Jahren hat er seine Heimat verlassen. »Ich finde die Freiheit und speziell die Meinungsfreiheit hier sehr gut und lerne viele neue Dinge dazu. Das ist spannend.«

HWK-Regionalleiter Franz Ertl ist zuversichtlich, dass das positive Projekt weitergehen kann. »Dazu bräuchten wir aber noch Anmeldungen, weil wir unsere derzeitigen Teilnehmer gut in neue Ausbildungsjobs vermitteln können.« Infos gibt es unter Telefon 0861/98977-0. eff