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Auf Betreuerin eingestochen

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Traunstein – Ein zwischen 22 und etwa 30 Jahre alter Afrikaner – sein Alter blieb unbekannt – verletzte eine 22-jährige ehrenamtliche Betreuerin am 15. August 2014 in einem Asylbewerberwohnheim in Wasserburg schwer mit einem Messer. Das Opfer musste operiert werden, war wochenlang arbeitsunfähig und ist noch immer psychisch beeinträchtigt. Jetzt schickte das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs den Afrikaner wegen versuchten Mords, gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis.


Die 22-Jährige war unter den freiwilligen Helfern, die sich bei einem Projekt der evangelischen Kirche um eine neunköpfige Wohngruppe kümmerten. Sie unterstützten bei Behördengängen und beim Deutschlernen. Am Frühlingsfest lernten sich der Asylbewerber und die 22-Jährige im Mai 2014 kennen.

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Der Vorfall ereignete sich am 15. August im Treppenhaus des Wohnheims. Kurz zuvor hatte die Frau eine SMS geschickt, sie komme gleich, er solle sie unten im Haus abholen. Auf der Treppe begrüßte und umarmte er die junge Frau. Dann stach er mit einem Messer zu. Ein Stich drang fünf Zentimeter tief in den Bauch ein. Als sich die Frau befreien wollte, stach er ihr in Oberarm und Hals. Die Messerspitze brach ab. Dann schlug er ihr mit der Faust ins Gesicht. Als die Frau flüchten konnte, rief er ihr hinterher: »I will kill you« (»Ich bring dich um«). Der Angeklagte flüchtete nach Düsseldorf, wo er am 12. Dezember 2014 festgenommen wurde.

Eine Freundin des Opfers erklärte vor Gericht: »Sie hat mich angerufen und geweint. Ich solle zum Parkplatz kommen. Sie hat gesagt: 'Er hat mir ein Messer in den Bauch gehauen.' Sie hat am Bauch und an der Schulter geblutet. Ich hab gefragt, wo er jetzt ist. Sie sagte, 'er ist mir nachgelaufen. Ich konnte aber wegfahren.' Warum er sie angegriffen habe, wisse sie nicht. Sie erzählte, er habe sie umarmt und sofort zugestochen.«

Sowohl das Alter des Angeklagten als auch seine Herkunft variierten bei verschiedenen Behörden in Deutschland. Mal sollte Mali, mal Guinea seine Heimat sein. Sein Geburtsjahr gab er mit 1984, 1998, 1992 und 1993 an. Sein Vater habe ihm als Kind eine Geburtsurkunde gezeigt. An die letzte Ziffer könne er sich nicht erinnern. Um sicher zu gehen, schaltete das Schwurgericht einen Rechtsmediziner ein. Zahnstatus und Knochen deuten auf mindestens 21 Jahre hin. Somit war das Schwurgericht Traunstein zuständig, nicht die Jugendkammer.

Landgerichtsärztin Dr. Irene Bier-Weiß attestierte dem Asylbewerber volle Schuldfähigkeit. Ihr habe er von mehreren »Schatten« erzählt. Vor diesen habe er das Opfer schützen müssen – »weil sie sie nicht sehen konnte«. Jedoch habe er sie nicht gegen die Schatten verteidigt. Vor dem Ermittlungsrichter hatte er sich auf zu viel Alkohol hinausgeredet.

Staatsanwältin Dr. Theresa Steinberger-Fraunhofer betonte, die 22-Jährige habe dem Angeklagten keinerlei Hoffnung auf eine Beziehung gemacht, sich ausschließlich positiv verhalten. Alle Stiche seien abstrakt lebensgefährlich gewesen. »Schatten« und Alkohol seien Schutzbehauptungen. Das Opfer sei voll glaubhaft. Mit einer solch »unverständlichen Tat ohne nachvollziehbares Motiv« würden Ängste in der Bevölkerung vor Asylbewerbern geschürt. Wegen versuchten Mordes aus Heimtücke seien neun Jahre Haft angebracht.

Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg aus Rosenheim schloss sich an: »Eine junge Frau engagiert sich selbstlos und versucht zu helfen. Dann sieht sie sich einer solchen Attacke ausgesetzt.« Der Angeklagte habe sich mit den »Storys von Schatten und Alkohol« keinen guten Dienst getan, unterstrich Verteidiger Walter Holderle aus Rosenheim. Er gelange zu »versuchtem Totschlag«. Die Frau habe seinem Mandanten keine Hoffnungen gemacht. Der aber habe »andere Signale« zu spüren geglaubt. Sechs Jahre Haft seien ausreichend. Im »letzten Wort« schob der Angeklagte die Schuld auf das Verhalten der 22-Jährigen. Sie verließ daraufhin den Saal.

Im Urteil stellte Vorsitzender Richter Erich Fuchs fest, der Angeklagte habe eine Beziehung gewollt, obwohl die Frau das ganz klar abgelehnt hatte. Das Messer habe er mitgenommen – um eine Entscheidung herbeizuführen. Er habe gezielt zugestochen. Es sei von einem direkten Tötungsvorsatz auszugehen. Er habe bewusst die Arg- und Wehrlosigkeit der Frau ausgenützt: »Sie rechnete mit keinem Angriff.« Positiv sei zu werten, dass sich der Angeklagte selbst der deutschen Polizei gestellt habe. Das Motiv laut Fuchs: »Enttäuschte Liebe. Er konnte die Abweisung nicht akzeptieren.« kd