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Auch künftig nicht alles barrierefrei machbar

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Neue Treppe, veraltete Bauweise? Ganz so einfach ist es wohl nicht, barrierefrei zu bauen. In diesem Fall scheiterte die Barrierefreiheit an bautechnischen und finanziellen Gründen. (Foto: Hohler)

Traunstein – Es ist noch nicht allzu lange her, dass Traunstein Modellkommune der Aktion »Bayern – barrierrefrei 2023« des Bayerischen Bauministeriums wurde. Um so mehr ärgert sich Karl Schulz, Referent für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Inklusion im Stadtrat, über die neue Treppe in Haslach: Die Verbindung zwischen Eichenweg und dem Neubaugebiet an der Wartberghöhe wurde alles andere als barrierefrei gestaltet.


»Die Treppe wurde erst vor kurzem fertiggestellt, aber ich bin da schon von mehreren Leuten angesprochen worden«, so Schulz im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. »Das ist ein Lehrbeispiel, wie man es heute gerade nicht mehr machen sollte! Man kann sich nur ungläubig die Augen reiben und voller Entsetzen enttäuscht den Kopf schütteln.«

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Einfach eine lange, leicht ansteigende Rampe bauen?

Doppelt unverständlich wird die fehlende Barrierefreiheit, wenn man sich die Treppe anschaut – zwar ist links eine Spur für Fahrräder mitgebaut worden. Doch ist die selbst für Kinderwagen sehr schmal – etwas breiter hätte sie wie auf unserem Bild ersichtlich offenbar relativ einfach werden können. Vor allem aber ist die Spur sehr steil – für eine Abfahrt mit dem Rollstuhl definitiv viel zu steil.

»Das Problem ist, dass meines Wissens ein Höhenunterschied von circa sechs Metern zu überwinden war«, sagt dazu Elmar Schwäbisch von der Stadt Traunstein, die für den Bebauungsplan zuständig war. »Bei maximal sechs Prozent Gefälle, die eine solche Rampe haben darf, käme man auf rund 100 Meter Rampe – das sind erhebliche Flächen, die man da bräuchte. Wenn man zum Beispiel von einer Serpentinen-Rampe ausgeht, sind das schnell mal 100 Quadratmeter, die man nicht verkaufen kann. Und das summiert schnell auf eine halbe Million Euro.«

Gleichzeitig wirbt Schwäbisch um Verständnis: »Auch wenn sich das brutal anhört, der Aufwand muss schon im Verhältnis zum Nutzen stehen.« Und da gebe es in Innenstadtlage durchaus dringendere und effektivere Projekte. Nicht zuletzt habe ja die Untersuchung im Zusammenhang mit der Modellkommune etliche Misstände aufgezeigt, die die Stadt nun Stück für Stück abarbeite. »Wichtig sind zum Beispiel der Stadtplatz, der Weg vom Stadtplatz zum Bahnhof, die Einkaufsstraßen oder die Post. Und barrierefrei zielt ja nicht nur auf Rollstuhlfahrer ab, es geht auch um Blinde und Sehbehinderte«, so Schwäbisch.

Barrierefreiheit scheitert am Geld und am Grund

So sehr man um Barrierefreiheit bemüht sei, »wir werden auch künftig nicht alles barrierefrei bauen können, was wünschenswert wäre«, so Schwäbisch, »zum Teil, weil wir das Geld möglichst effektiv verwenden müssen, zum Teil aber auch, weil wir den benötigten Grund nicht herbringen.«

»Die Grundstücke an der Wartberghöhe gehören etwa je zur Hälfte dem Landkreis und der Kirche. In den letzten Jahrzehnten war das eine Wiese, über die ein Trampelpfad führte«, erklärt dazu Roman Schneider, Pressesprecher des Landratsamts Traunstein. »Die Leute haben's halt genutzt, und das hat bisher niemanden gestört.«

Im Zuge der Ausweisung des Bebauungsplans habe die Stadt den Wunsch geäußert, auch künftig eine Wegeverbindung zwischen Wartberghöhe und Eichenweg zu haben. Die habe man jetzt geschaffen mit einem gepflasterten Weg mit zwei Treppen und einer Radl-Schiebespur, so Schneider weiter. »Die Verbindung existiert, aber sie ist halt nicht barrierefrei.«

Denn eine barrierefreie Verbindung hätte auch den Vorschriften entsprechen müssen. Sie hätte also nur einen Neigungswinkel von drei Prozent haben dürfen, wenn alle zehn Meter eine ebene Fläche enthalten wäre, dürfte die Neigung bis zu sechs Prozent betragen.

»Es wären Serpentinen und entsprechende Verbauungen zur Hangsicherung notwendig gewesen«, erklärt Schneider weiter. Dazu hätte man mindestens das 853 Quadratmeter große Landkreis-Grundstück sowie Teile des 1368 Quadratmeter großen Kirchen-Grundstücks daneben gebraucht. Der Landkreis hat acht Grundstücke, die Kirche weitere sechs abzugeben. »Das wäre eine enormer bautechnischer und finanzieller Aufwand gewesen, um Barrierefreiheit zu schaffen, wo vorher quasi Nullzustand war«, so Schneider.

Grundstücke werden gegen Höchstgebot abgegeben

Angesichts von Grundstückspreisen von mindestens 620 Euro pro Quadratmeter müsse der Landkreis schon die Verhältnismäßigkeit wahren. Mindestens, so erklärt Schneider weiter, weil zumindest die acht landkreiseigenen Grundstücke der Reihe nach gegen Höchstgebot abgegeben würden. »Die Angebote werden jeweils unter notarieller Aufsicht geöffnet. Wer das höchste Gebot abgegeben hat, erhält das Grundstück«, so Schneider.

»Traunstein barrierefrei? Da bleibt doch noch unglaublich viel zu tun. Trotzdem: dranbleiben«, meint Schulz abschließend. coho