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Auch Grassauer SPDler stemmten sich gegen die Nazis

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Sie gestalteten den unterhaltsamen und informativen Abend (von links): Bürgermeister Rudi Jantke, Altbürgermeister Raimund Schupfner, Kreisvorsitzender Dirk Reichenau, Marktgemeinderat Olaf Gruß, Ortsvorsitzender Dr. Dieter Hahn und Marktgemeinderat Xaver Schreiner. (Foto: T. Eder)

Grassau. Auf 100 Jahre Tradition kann die SPD im Achental zurückblicken. Erste Sozialdemokraten im Achental waren Torfarbeiter, Steinbrucharbeiter und Holzknechte, erinnerte bei der Jubiläumsveranstaltung im Gasthof Sperrer Bürgermeister Rudi Jantke. Mit Musik der Achental Swing-Combo, einem geschichtlichen Rückblick in Wort und Bild und mit kleinen lustigen Anekdoten wurde an den Werdegang der Partei erinnert.


Auch wenn sich die Gesellschaft wandelt, so dürfe man die Wurzeln nicht vergessen, meinte Jantke. Er stellte als politisches Zeichen von Mut und Aufrichtigkeit den 23. März 1933 in den Vordergrund, als 93 SPD-Abgeordnete gegen die Ermächtigungsgesetze Hitlers im Reichstag stimmten. Auch in Grassau habe es solch mutige SPD-ler gegeben, die sich gegen das Nazi-Regime gestellt haben. Parteien auf Gemeindeebene seien wichtig. Unterschiedliche Politikansätze tragen zur besseren Auswahl für die Bürger und zu einer guten Entwicklung der Kommune bei, betonte Jantke.

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Dirk Reichenau, Kreisvorsitzender der SPD, tauchte tief in die Geschichte der SPD ab und erinnerte an den ersten Sozialdemokraten in Bayern, Friedrich Dürr, der 1864 das allgemeine und direkte Wahlrecht forderte. »Vieles, was heute im Freistaat selbstverständlich erscheint, wurde durch die Sozialdemokratie errungen«, so Reichenau. Die älteste Partei Bayerns sei zugleich die modernste, so Reichenau.

Mit Grassauer Ansichten eröffnete Olaf Gruß die Reise durch 100 Jahre SPD im Achental und Dr. Hans Grabmüller beleuchtete die soziale Situation. Kleine landwirtschaftliche Anwesen und kleine Geschäftsleute prägten das Bild nach dem ersten Weltkrieg. Marken für Lebensmittel, Kerzen und Schuhsohlen wurden ausgegeben. Durch die Ablieferungspflicht mussten die Landwirte im Achental auch die Städte Traunstein und Trostberg mitversorgen.

In Grassau folgte 1919 ein Gemeinderatsbeschluss, wonach der Fremdenverkehr in diesem Jahr eingestellt wurde. Interessant war, als Gruß die ersten Mitglieder der SPD benannte, den »Wieser-Nick« aus Viehhausen und Paul Seibold, beides Ahnen aktiver Grassauer CDU-ler.

Bei der Bürgermeisterwahl 1919 wurde Georg Bosch gewählt, der 14 Jahre lang die Geschicke der Gemeinde lenkte und 1921 die SPD Grassau gründete. Gegen Bosch sei ein Schutzhaftbefehl für drei Monate erlassen worden, weil er gegen den Nationalsozialistischen Gemeinderat gehetzt habe. Deutliche Worte fand Bosch für die NS- Frauen, die er als »Hitler-Pritschen« betitelte.

1945 marschierten in Grassau die Amerikaner ein und Georg Bosch wurde wieder ins Amt eingesetzt. Auch wenn ihm 1946 die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde, sei dies in keiner offiziellen Erklärung zu finden. 1956 erfolgte die Aufstellungsversammlung. Georg Bosch jun. wurde als wichtiger Mann genannt. 38 Jahre Gemeinderat, 30 Jahre Kreisrat und seit 1975 Ehrenbürger. SPD-Ortsgruppenvorsitzender Dieter Hahn spielte eine Tonbandaufzeichnung von 2006 vor, in dem Hans Hornberger sen. an die Ortsgruppengründung erinnerte.

Xari Schreiner erinnerte sich, wie Bosch 1960 mit Lautsprecher am Auto aufrief »Liste 2, Georg Bosch« zu wählen. Gewählt wurde aber Hans Steiner. Altbürgermeister Raimund Schupfner resümierte die Geschichte der Körting-Radio- Werke, die 1952 begann und wie er über Max Hogger zur SPD fand. In Grassau hätten sich dann in den späten 60-er Jahren die Jusos gegründet. 1972 folgte die Eingemeindung Rottaus und 1978 kam es bei den Körting-Werken zur Krise. Eine riesige Demo im Ort folgte. Gorenje übernahm das Werk. Nach fünf Jahren kam das endgültige Aus, ein Rieseneinschnitt für Grassau.

1979 bis 1987 übernahm Dr. Hartmut Buchner den Vorsitz in der Grassauer SPD. Er wurde 1997 mit der Ehrenmedaille ausgezeichnet. 1979 wurde die Zeitschrift »Links der Ache« herausgegeben. 1986 wurde dann Raimund Schupfner zum SPD-Bürgermeister gewählt und konnte sich gegen Konrad Strehhuber durchsetzen. 2002 wurde Schupfner von Rudi Jantke abgelöst. Seit nun 27 Jahren wird Grassau von einem SPD-Bürgermeister geleitet. Unter der SPD-Ära habe es wesentliche Veränderungen im Gemeinderat gegeben. Die »schlimmen Kämpfe im Ort wichen in der Zeit der SPD-Bürgermeister einer Harmonisierung, einer sachlichen, vertraulichen Zusammenarbeit und einer toleranten, weltoffenen Politik«, so Schreiner. tb