weather-image
15°

Asylbewerber ließ Wasser überlaufen

2.7
2.7
Überlaufendes Waschbecken - Symbolbild
Bildtext einblenden
Foto: Symbolbild

Traunstein – Aus Ärger, nicht in eine andere Flüchtlingsunterkunft verlegt zu werden, ließ ein 26-jähriger Asylbewerber nach dem Waschen von T-Shirts in seinem Zimmer im ersten Obergeschoß den Wasserhahn laufen. Viel Wasser lief durch eine Decke in den Gastraum darunter. Die Staatsanwaltschaft Traunstein erwirkte einen Strafbefehl wegen Sachbeschädigung über 20 Tagessätze zu je 20 Euro. Der afghanische Polizist legte Einspruch ein. In der Verhandlung vor dem Amtsgericht stellte sich heraus: Der Schaden war zehnmal so hoch wie zunächst angenommen. Richter Wolfgang Ott verdoppelte die Zahl der Tagessätze auf 40, halbierte aber deren Höhe auf zehn Euro. Unter dem Strich blieb es bei 400 Euro Geldstrafe.


Der Angeklagte hatte zur Tatzeit Ende Januar 2016 in einem abseits gelegenen, alten Wirtshaus im südlichen Landkreis Traunstein gelebt. Einer seiner früheren Mitbewohner meinte im Zeugenstand: »In dem Haus wurden wir nicht wie Menschen behandelt. Wir waren nicht frei, durften nicht in die Stadt.« Die Leiterin der Unterkunft sei »respektlos und unfreundlich« gewesen.

Anzeige

Polizist sah die Wasserlache am Boden

Die Heimleiterin verständigte am 25. Januar 2016 spätnachmittags die örtliche Polizeidienststelle wegen eines Wasserschadens. Die Frau schilderte – wie auch bei Gericht – sie habe beim Nachschauen im Zimmer des Angeklagten noch Wasser aus dem Becken überschwappen sehen. Ein Beamter besichtigte damals den Gastraum im Erdgeschoß. Er schätzte die Wasserlache am Boden auf »eine halbe Badewanne«. Wasser tropfte durch die Decke. Genau darüber befand sich das »Zimmer Nummer vier«, das Quartier des Angeklagten im ersten Stock. Der Polizist stellte dort einen nassen Holzboden unter dem Waschbecken fest.

Der Angeklagte wies vor dem Amtsgericht vehement zurück, er habe Wasser überlaufen lassen. Er wie seine Freunde behaupteten, der Boden unter dem Waschbecken sei vollkommen trocken gewesen. Das hätten sie kontrolliert, nachdem sie beim Abendessen unten das viele Wasser am Boden gesehen hätten. Das Wasser müsse aus dem Nebenraum in Zimmer Nummer vier gelaufen sein.

Im Strafbefehl legte das Gericht einen Sachschaden von rund 320 Euro zugrunde. Das waren offensichtlich nur die Kosten für das Trocknen von Holz- und Mauerteilen. In dem Prozess präsentierte die Leiterin der Unterkunft einen Kostenvoranschlag für die Reparatur über circa 3200 Euro.

Der Afghane mit einwandfreiem Vorleben in Deutschland absolvierte nach seinen Worten eine Polizeiakademie in der Türkei. Von 2013 bis 2015 arbeitete er in Afghanistan als Polizist. Er flüchtete und gelangte Mitte 2015 in die Bundesrepublik. Über seinen Asylantrag ist noch nicht entschieden. Derzeit besucht er bis Ende Januar in Traunstein eine Schule. Danach strebt er eine Ausbildung zum Altenpfleger an. Mehrfach führte er zu den Vorwürfen von Staatsanwalt Thomas Wüst an, er sei Polizist und sage die Wahrheit.

Angeklagter schlug Angebot des Gerichts aus

Dem setzte Richter Wolfgang Ott entgegen, die Heimleiterin als Zeugin habe ein Eigeninteresse. Der bayerische Polizeibeamte habe jedoch klipp und klar berichtet, dass der Boden nass war: »Soll das Gericht annehmen, dass der Polizist das Gericht dreist belogen hat?« Das Angebot des Gerichts, den Einspruch gegen den Strafbefehl mit dem niedrigen Schaden zurückzunehmen, schlug der Angeklagte aus mit dem Hinweis, er lüge nie.

Der Staatsanwalt stützte sich im Plädoyer auf eine Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 15 Euro auf die Aussage des Beamten, der mit keinem der Beteiligten in irgendeiner Weise verbunden sei. Das Verhältnis zwischen dem Angeklagten und der Leiterin sei »wohl nicht das beste«. Thomas Wüst umriss als Motiv, der Angeklagte sei nicht glücklich mit der Unterkunft gewesen. Das Landratsamt habe einen Wechsel nicht genehmigt. Da sei die Überlegung entstanden, »etwas anderes zu machen«. Der Tatnachweis sei geführt. Die Geschädigte werde wohl auf dem hohen Schaden sitzen bleiben.

»Ein kleiner Fall – welch großer Aufwand. Ich glaube der Leiterin kein Wort«, eröffnete Verteidiger Knut Oelschig aus Traunstein seinen Schlussantrag auf Freispruch. Die Frau habe ihre Gäste »nicht sehr nett behandelt«. Der Angeklagte habe weg wollen. Selbst wenn der Boden in Zimmer Nummer vier nass gewesen wäre, sei ein Vorsatz nicht zu beweisen. Oelschig weiter: »Eine fahrlässige Sachbeschädigung gibt es nicht.« Beim Waschen der T-Shirts hätte ein Zuviel an Wasser über den Überlauf im Becken abfließen müssen. Der Anwalt stellte einen kaputten Siphon in den Raum. Er forderte: »Bei der Aussage eines deutschen Zeugen gegenüber der eines afghanischen Zeugen – gilt dann der Grundsatz in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten, nicht?«

Dem erteilte das Gericht im Urteil eine Abfuhr. Die Aussagen des Angeklagten und seiner Mitbewohner seien »falsch«. Ott gelangte außerdem zu einer vorsätzlichen Tat: »Wenn ich sehe, dass Wasser überschwappt, drehe ich den Hahn zu.« Dem 25-Jährigen erteilte der Richter einen Rat: »Warum ist es so schwer, einen Fehler zuzugeben? Sie sind doch kein schlechter Mensch. Sie haben sich geärgert – möglicherweise zu Recht. Sie waren wütend. Dann ist es passiert – verständlich. Aber dann sollte man Manns genug sein, einen Fehler einzuräumen.« kd