weather-image
15°

Apothekenversorgung im Landkreis ist »noch gut«

2.3
2.3
Bildtext einblenden
Zwischen Reit im Winkl im südlichsten Zipfel des Landkreises Traunstein und Engelsberg im Norden verteilen sich die 47 Apotheken auf 25 Städte und Gemeinden. (Grafik: Landratsamt)

Traunstein – Mit der Verabschiedung einer Resolution hat der Kreisausschuss für Gesundheits- und Flüchtlingsfragen in seiner jüngsten Sitzung ungewohntes Terrain beschritten.


»Eigentlich bin ich kein Fan von Resolutionen, aber in manchen Fällen ist es sinnvoll, dem Gesetzgeber – in diesem Fall dem Bund – auf die Sichtweise eines Landkreises auf eine bestimmte Situation hinzuweisen«, betonte Landrat Siegfried Walch zu Beginn der Sitzung. Mit der bestimmten Situation beschrieb Walch die Sorge um eine künftige flächendeckende Versorgung mit Apotheken im Landkreis Traunstein.

Anzeige

Obwohl das Gremium in dieser Thematik keinerlei Entscheidungsbefugnis hat, stand die Verabschiedung einer Resolution auf der Tagesordnung – als wichtiges Zeichen der Willensbildung, wie es hieß. Die Resolution fordert den Bund als Gesetzgeber auf, der Diskriminierung von deutschen Apotheken gegenüber Versandapotheken mit Sitz im EU-Ausland durch rechtliche Rahmenbedingungen entsprechend entgegenzuwirken.

Im Landkreis Traunstein gibt es derzeit 47 Apotheken

Im Landkreis herrsche derzeit zwar mit 47 Apotheken noch keine Unterversorgung, stellte der Leiter des Gesundheitsamts, Dr. Wolfgang Krämer, klar. Jedoch sei diese gute Situation und damit die flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Oktober 2016 gefährdet.

Wie Dr. Krämer erläuterte, besagt das Urteil, dass sich Versandapotheken mit Sitz im EU-Ausland – im Gegensatz zu deutschen Apotheken – nicht an das Arzneimittelpreisrecht für verschreibungspflichtige Medikamente halten müssen. Diese gesetzliche Festlegung eines einheitlichen Arzneimittelpreises in Deutschland verstoße laut EuGH gegen Unionsrecht. Inländische Apotheken müssen sich aber nach wie vor an diese Preisbindung halten, und würden so wiederum diskriminiert, fasste Dr. Krämer die Ausgangslage zusammen.

Bei der Fachstelle am Landratsamt sieht man daher die Befürchtung, dass unter dem Konkurrenzdruck von Versandapotheken aus dem EU-Ausland auch Apotheken im Landkreis Traunstein künftig schließen müssen.

Im Gremium gab es zwar breite Zustimmung zur Resolution, jedoch auch kritische Stimmen. Kreisrat Andreas Danzer (FW/UW) nannte die derzeitige Situation als »Jammern auf hohem Niveau«. Die Versandapotheken sieht Danzer als »Zusatzangebot, deren preisgünstigere Angebote lediglich chronisch Kranke betreffen, die auf diese Weise sparen können«. Jedoch sehe er es als »legitim an, davor zu warnen«.

Die Wichtigkeit dieser Problematik besonders für den ländlichen Raum stellte Kreisrat Dr. Michael Hüller (Grüne) heraus, in dem er auf die Gemeinde Petting verwies. »Dort gibt es zwei große Lagerhäuser und eine Bank, aber keine Apotheke mehr.« Für ihn ist die »Versorgung auf dem Land bereits zum jetzigen Zeitpunkt schlecht«. Allerdings merkte er auch kritisch an: »Wer Versorgung durch Apotheken auch nachts und am Wochenende will, der muss den Apotheker auch unter der Woche füttern.« Die Resolution wurde einstimmig angenommen.

Eine große Versorgungslücke für Menschen in akuten Krisensituationen konnte mit dem psychiatrischen Krisendienst geschlossen werden, der am 1. Februar auch im Landkreis Traunstein seinen Dienst aufgenommen hat. Der Krisendienst, ein Projekt des Bezirks Oberbayern, wurde den Ausschussmitgliedern vorgestellt.

Neu ist, dass der psychiatrische Krisendienst – der telefonische Beratung in akuten Krisensituationen anbietet – bereits vorhandene Ressourcen bündelt, um so einem Betroffenen innerhalb einer Stunde fachliche psychiatrische Hilfe zu ermöglichen. Vereint unter dem Dach des Krisendiensts sind neben den regionalen Anlaufstellen wie dem sozialpsychiatrischen Dienst auch die psychiatrischen Fachkliniken wie in Gabersee oder Freilassing, so der Gebietskoordinator Südostbayern des Krisendiensts Psychiatrie, Hermann Däweritz.

Franz Unterreiner, der Leiter des sozialpsychiatrischen Dienstes Traunstein, konkretisierte das Angebot: »Die Leitstelle des Krisendiensts, bei der der Anruf eingeht, handelt nach einem Stufenmodell, und empfiehlt geeignete Hilfsangebote, oder vermittelt, falls nötig, kurzfristig Termine in der nächstgelegenen psychiatrischen Ambulanz, in einer Praxis oder bei einem sozialpsychiatrischen Dienst.« Falls erforderlich kann der Krisendienst auch fachärztliche Hilfe hinzuziehen oder den Betroffenen direkt an die Krisen- oder Akutstation einer psychiatrischen Klinik vermitteln. Die Telefonhotline, die unter 0180/655 3000 zu erreichen ist, richtet sich an Betroffene ab dem 16. Lebensjahr.

Weichen für Krisendienst für Kinder sind gestellt

»Schön, dass hier vom Bezirk sinnvoll Geld investiert wird«, lobte Kreisrätin Annemarie Funke (CSU) den neuen Krisendienst. Dr. Thomas Graf (ÖDP) erkundigte sich bei Hermann Däweritz, ob sich das Angebot auch an Kinder in Krisensituationen richte. Der Koordinator wies darauf hin, dass beim Bezirk Oberbayern bereits die Weichen für einen psychiatrischen Krisendienst für Kinder und Jugendliche gestellt sind, es derzeit aber noch keinen speziellen Dienst für Betroffene unter 16 Jahren in Akutsituationen gebe.

Positiv bewertet auch Dr. Lothar Seissinger (FW/UW), der als Notarzt »häufig auch mit akuten psychischen Krisensituationen« zu tun hat, die neue Hotline. Allerdings regte Seissinger an, dass die Leitstelle des Krisendienstes rund um die Uhr zu erreichen sein sollte, und nicht wie bisher, nur von zwischen 9 und 24 Uhr.

Etwas skeptischer war Dr. Michael Hüller. Der Grünen-Politiker nannte es »extrem unglücklich«, dass sich die Betroffenen nun noch eine weitere Nummer merken müssen. »Wir sind schon froh, wenn es der Feuerwehrnotruf 112 oder der Bereitschaftsdienstnotruf 116 oder 117 in die Köpfe der Menschen schafft«. vew