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AOK konfrontiert Ärzte mit Regressforderungen

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Die viermal so teure Pille bezahlt die Krankenkasse; verschreibt der Arzt die preiswerte, wird er in Regress genommen. Ein Einzelfall?

Allgemeinärzte in der Region sehen sich immer wieder mit Regressforderungen der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) und anderer Kassen konfrontiert. Wenn sie Medikamente verschreiben, die nicht zugelassen sind, müssen sie diese aus eigener Tasche bezahlen – auch wenn das betreffende Arzneimittel deutlich billiger ist als jenes, das die Kasse bezahlen würde.


Einer der Betroffenen ist der Facharzt für Allgemeinmedizin Thorsten Möller aus Traunstein. Am 1. April 2011 hat er seine Praxis am Maxplatz übergeben und ist in Ruhestand gegangen. Aber noch immer muss er sich mit Regressforderungen der AOK auseinandersetzen – zu Unrecht, wie Möller überzeugt ist. Durch seine Verschreibungspraxis habe er den Kassen in den mehr als 30 Jahren seiner Berufstätigkeit Unmengen Geld gespart, argumentiert der Mediziner.

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Rein rechtlich kann man nichts beanstanden

Dass rechtlich alles in Ordnung ist, wenn die Kasse Geld zurückhaben will, dürfte nicht anzuzweifeln sein. Ob die Regelungen für das Verordnen von Arzneimitteln immer wirtschaftlich und zeitgemäß sind, darf angesichts der Argumente Möllers aber angezweifelt werden. Über lange Zeit verschrieb er seinen Patienten zum Beispiel das Antibiotikum Ambrodoxy, das mit einem Schleimlöser kombiniert ist. Das Breitspektrum-Antibiotikum aus der Gruppe der Tetracycline gilt deshalb als Kombipräparat und wird von der AOK nicht bezahlt. Darüber, welche Präparate die Kasse nicht bezahlt, informiert die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) die Ärzte regelmäßig. Wer nicht zugelassene Arzneimittel trotzdem verschreibt, wird von den Kassen in Regress genommen.

Möller klagt in einem Brief an die Vorstandschaft der AOK in Bad Reichenhall: »Antibiotika, die im vierfach höheren Preissegment lagen, haben Sie dann anstandslos beglichen.« Der Arzt spricht von Missständen, die öffentlich gemacht werden sollten. Es sei an der Zeit, dass man die Versicherten über den »sorglosen und verschwenderischen Umgang mit den der AOK anvertrauten Geldern informiert«.

Auf Rückfrage heißt es bei der Krankenkasse, der diesbezügliche Brief sei dort nie angekommen. Wir konfrontierten Direktorin Silke Recksiek bei der AOK Bad Reichenhall mit Möllers Vorwürfen. Sie beruft sich auf die KVB-Richtlinien. Dass ein viermal teureres Medikament bezahlt wird, beim billigeren der Arzt in Regress genommen wird »müssen wir im Einzelfall in Kauf nehmen«. Im Regelfall sei das aber nicht so.

Ärzte wollen wegen ein paar 100 Euro keinen Ärger

Möller nannte in einem Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt einige weitere Allgemeinärzte in der Region, die ebenfalls mit Rückzahlungsforderungen konfrontiert wurden. »Es sind ja meist nur ein paar Hundert Euro und man will keinen Ärger« – deshalb rege sich keiner seiner Berufskollegen groß auf. In seinem Brief an die AOK wird Möller deutlich: »Zum einen haben die Kassen stets eine wirtschaftliche Verordnungsweise eingefordert – und dann lassen sie äußerst fahrlässig gutes Geld, wie in diesem Fall, absaufen.«

Verschreiben, was gut und billig ist

Der Allgemeinmediziner beruft sich darauf, verschrieben zu haben, was gut und billig war. Dafür werde er bestraft. »Das ist, wie wenn die Feuerwehr einen Brand löscht und anschließend von der Stadt eine Rechnung für das verspritzte Löschwasser bekommt«, meint er sarkastisch. Nach solch bitterem Hohn und Spott ist ihm aber gar nicht zumute, denn in den Jahrzehnten seiner Praxistätigkeit hat er nach ethischen Grundsätzen seiner humanistischen Bildung immer das Allgemeinwohl in den Vordergrund gestellt. So betreute und begleitete er unzählige Patienten in ihrem letzten Lebensabschnitt. Fast jeden Nachmittag machte er Hausbesuche und versorgte die alten und kranken Mitbürger.

Das brachte ihm prompt einen Rüffel der AOK ein, der die weit über dem allgemeinen Durchschnitt liegende Zahl der Hausbesuche ein Dorn im Auge war: »Andere Ärzte hätten diese Patienten schon längst ins Krankenhaus eingewiesen. Ein Krankenhausaufenthalt kostet die Kassen im Schnitt 4000 Euro, ein Hausbesuch 20 Euro. Laut einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern liegt die Zahl der Einweisungen ins Krankenhaus bei durchschnittlich etwa 60 bis 70 pro 1000 Patienten. »Bei mir waren es im Schnitt nicht einmal 25«, berichtet Möller. Das sei natürlich in erster Linie auf die Betreuung im Rahmen der Hausbesuche zurückzuführen, mit denen er den Kassen im Lauf der Jahrzehnte Millionen gespart habe.

Viele Ärzte haben ähnliche Erfahrungen gemacht wie Thorsten Möller. Öffentlich äußern wollen sich die meisten aber nicht. Der Allgemeinmediziner Dr. Gerhard Binder, der seine Praxis an der Marienstraße in Traunstein hat, beklagt, dass es die perfekte Arztsoftware für eine »Schwarze Liste« nicht gibt.

Früher Krankheit, jetzt »Befindlichkeitsstörung«

»Da verschreibst du etwas, das vor kurzem auf die Schwarze Liste gesetzt wurde und musst es dann im Nachhinein selbst bezahlen«, klagt er. Als Beispiel nannte Binder Hämorrhoidensalben. Seit man denken kann, waren Hämorrhoiden als Krankheit eingestuft und Medikamente, die Linderung verschaffen, wurden von der Krankenkasse erstattet. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hat in ihrer Amtszeit (2001 bis 2009) Hämorrhoiden kurzerhand umbenannt und sie von »Krankheit« zu »Befindlichkeitsstörung« herabgestuft.

Die Folge: Patienten müssen seither die Präparate selbst bezahlen. Gerhard Binder unterstreicht, was sein Arztkollege Möller anprangert: Billige Medikamente, die auf der Schwarzen Liste stehen, muss der Arzt bezahlen, teurere, die nicht besser sind, bezahlt die Krankenkasse. -K.O.-