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Anzahl der Zecken hat sich verdoppelt – Mediziner und Virologen raten zu Impfung

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Zecken: Folgen, FSME-Impfung, Infos – Zecken-Anzahl hat sich verdoppelt
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Die Zecken sind in diesem Jahr besonders aktiv. Wer viel in der Natur unterwegs ist, merkt das. Außergewöhnlich sind heuer die vielen erwachsenen Zecken, die im Vergleich zu den Nymphen deutlich größer sind, sagt der Zeckenexperte Dr. Gerhard Dobler. (Foto: dpa)

Geredet wird viel über das Zeckenjahr 2020. Allerdings lässt sich dieses Gefühl, dass es heuer extrem ist mit den kleinen, lästigen Viechern, nur schwer an Zahlen festmachen. Die allermeisten Zecken werden schließlich zu Hause entfernt, sobald sie entdeckt werden. Nur wenn etwas auffällig ist, gehen die Betroffenen zum Arzt.


»Es gibt heuer ganz kleine Zecken, zum Teil hautfarben und kaum zu erkennen.«

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»Mir sind besonders viele große Zecken aufgefallen.«

»Es sind auf jeden Fall viele. Lisa hatte letztens fünf Stück, nachdem sie durch die Wiese gelaufen war.«

»Jakob kam mit vier Zecken aus dem Wald.«

»Echt, wir hatten noch keine, obwohl mein Sohn im Waldkindergarten ist.«

»Dem Hund zieh' ich jeden Tag 10 bis 20 Stück aus dem Fell.«

»Ist ja klar, nach dem Winter muss es ja besonders viele Zecken geben.«

Viele Zecken übertragen das FSME-Virus

Ein Großteil der Zecken ist zum Glück harmlos. Allerdings gibt es – gerade in unserer Region, die wie fast ganz Süddeutschland zum FSME-Risikogebiet zählt – vermehrt Zecken, die entweder das FSME-Virus übertragen oder Bakterien, die eine Lyme-Borreliose auslösen. Beide Krankheiten sind meldepflichtig.

Im Hausarztzentrum Übersee merkt man schon, dass es mehr Patienten mit Zecken gibt, als letztes Jahr. Wobei Hausärztin Dr. Sabine von Silva-Tarouca mit ihrer Prognose vorsichtig ist. Schließlich wurden wegen des Corona-Lock-Downs insgesamt viel weniger Patienten betreut. Es fehlen praktisch zwei Monate (März und April). Dennoch haben sie in der Praxis schon mehr Patienten mit Zecken gehabt, als im gleichen Zeitraum letzten Jahres.

Jetzt würden auch die Nachfragen nach einer Zeckenimpfung wieder mehr, so die Ärztin. Borreliosefälle behandle sie »alle Nase lang« in ihrer Praxis. Die bakterielle Infektionskrankheit kann – rechtzeitig erkannt – in der Regel gut mit Antibiotika therapiert werden.

Anders ist es beim FSME-Virus (Frühsommer-Meningoenzephalitis). Hier gibt es kein Medikament, aber eine Schutzimpfung. Bei den Infektionszahlen vermutet die Ärztin eine hohe Dunkelziffer. Meist zeigen Infizierte nämlich kaum oder nur leichte grippeähnliche Symptome. »FSME ist keine Lappalie. Denn die Folgen können Entzündungen von Hirnhaut, Gehirn oder Rückenmark sein. Vor allem bei älteren Menschen kann die Erkrankung schwer verlaufen. Aber auch Kinder sind gefährdet«, sagt Dr. Wolfgang Krämer, Leiter des Gesundheitsamts Traunstein. Dort werden gemeldete Fälle in einer Statistik erfasst.

Bisher 12 FSME- und 19 Borreliose-Fälle

Für 2020 steigen langsam die Zahlen: Bislang wurden 12 FSME-Fälle gemeldet und 19 Lyme-Borreliose-Erkrankungen. 2019 waren es insgesamt 8 FSME- und 38 Borreliose-Fälle, im Rekordjahr 2018 insgesamt 17 FSME-Fälle und 104 Borreliose-Erkrankungen. Das Gesundheitsamt Traunstein wirbt wie auch Hausärztin Silva-Tarouca für eine FSME-Schutzimpfung, vor allem für Personen, »die sich oft in der Natur aufhalten – etwa beim Wandern oder auch im eigenen Garten«, so Krämer.

Zecken übertragen das FSME-Virus direkt mit dem Stich. »Der Erreger der Lyme-Borreliose überträgt sich 12 bis 16 Stunden, nachdem die Zecke angefangen hat zu saugen«, erklärt Dr. Gerhard Dobler. Er ist Virologe und erforscht mit seinem Team vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr München seit vielen Jahren die Zecken bzw. die von ihnen übertragenen Krankheiten. Und er zählt die Tiere jährlich, seit zwölf Jahren.

Das Kontrollgebiet liege zwar nicht in Bayern, sei aber gut auf die Region übertragbar, sagt er im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. »Es gibt heuer sehr viele Zecken«, bestätigt er die These vom Zeckenjahr 2020. In dem Kontrollareal seien neun Jahre lang um die 240 Nymphen in 30 Minuten eingesammelt worden. »Seit drei Jahren sind es 530 und mehr. Also eine Verdoppelung.« Das Besondere heuer seien neben den Nymphen die »außergewöhnlich vielen, adulten Zecken«.

Gute Wirts-Bedingungen sind ausschlaggebend

Zecken durchlaufen drei Entwicklungsstadien (Zeckenlarve, Nymphe und erwachsene Zecke) und brauchen für jede neue Entwicklungsstufe eine Blutmahlzeit. Ausschlaggebend für die hohe Population der Zecken ist also nicht das Wetter bzw. der milde Winter, klärt Dobler auf. Um der Zeckenpopulation zu schaden, bräuchte es im Winter mehrere Wochen unter 20 Grad Celsius. Entscheidend für eine starke Vermehrung seien gute Wirts-Bedingungen, viele Mäuse und andere Waldtiere also.

Auch in unserer Region war der Zeckenexperte vor einigen Wochen. Nicht, um die Zecken zu zählen, sondern um die Ausbreitung des FSME-Virus' zu untersuchen. Das Ergebnis: Die FSME-Fälle nehmen zu. Auf die Frage, was er zum Schutz empfehlen kann, sagt der Experte ganz klar: »Impfen!« Außerdem sollte man beim Aufenthalt in der Natur möglichst lange, hautbedeckende Kleidung und geschlossene Schuhe tragen. Anschließend sollten Kleidung und Körper gründlich abgesucht werden, um Zecken möglichst früh zu entdecken und zu entfernen. ka

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