»Angst ist ein schlechter Begleiter« – Bis zu 600 Abstriche pro Tag in der Corona-Teststation

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Vor dem Einsatz in der Corona-Teststation erfolgt immer dasselbe Prozedere: Die Helfer schlüpfen in einen »Vollschutzanzug«. (Foto: Pültz)

Traunstein – Das Auto bleibt stehen. Alle, die im Fahrzeug sitzen, schauen Marcus Loithaler mit großen Augen an. Der 47-Jährige gehört zu den vielen ehrenamtlichen Helfern, die Tag für Tag im Corona-Testzentrum in Seiboldsdorf ihren Mann beziehungsweise ihre Frau stehen und schier unzählige Testungen vornehmen.


Von oben bis unten eingehüllt in einen weißen Anzug, der ihn als Außerirdischen erscheinen lässt, der aber vor allem Schutz vor dem Corona-Virus bietet, geht der 47-Jährige von einem geöffneten Fenster zum anderen. Jeweils ein paar Worte wechselt er mit jedem Einzelnen, dann führt er das Wattestäbchen ein. »Der Abstrich muss an der Rachenwand gemacht werden«, sagt Loithaler.

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Eine zweite Welle der Corona-Pandemie rollt in diesen Tagen und Wochen über die leidgeprüften Bürger hinweg. Tag für Tag hoch ist die Zahl der Neuinfektionen. Viele Bürger sind unsicher, wollen sich oder müssen sich testen lassen. Und so herrscht Hochbetrieb in der Halle in Seiboldsdorf.

Die Helfer vom Kreisverband Traunstein des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) haben von früh bis spät alle Hände voll zu tun. »Sieben bis acht Frauen und Männer sind an sechs Tagen in der Woche im Einsatz«, sagt Thorsten Brandstätter vom BRK, der die Arbeiten koordiniert.

Der Landkreis hat die Teststation in Traunstein schon vor einiger Zeit in Betrieb genommen – so wie er dann vor kurzem auch eine weitere in Trostberg aufgebaut hat. Die Aufgaben da wie dort sind verteilt: Die Firma Eurofins stellt die Hard- und die Software in Traunstein zur Verfügung, sie wertet die Proben in Ebersberg aus und teilt dann deren Ergebnisse mit. Das BRK ist für die Durchführung der Tests verantwortlich, nimmt also die Abstriche von den Bürgern, die in der Regel mit dem Auto, mitunter aber auch mit dem Rad oder zu Fuß nach Seiboldsdorf kommen.

Je nach Wochentag haben die Helfer des BRK nur viel oder sogar sehr viel zu tun. Am meisten Betrieb herrscht in der Regel immer nach dem Wochenende: Am Montag steht Auto an Auto vor der Teststation. In Traunstein erfolgen laut Brandstätter pro Tag 350 bis 600 Testungen, in Trostberg 180 bis 280. In der Regel erfahre jeder, der eine Probe abgegeben habe, das Ergebnis innerhalb der nächsten 24 Stunden.

Nur 5 von 45 Helfern sind hauptamtlich angestellt

Wie in Trostberg halten auch in Traunstein vor allem Bürger, die in ihrer Freizeit helfen wollen, den Betrieb im Testzentrum am Laufen. So sind von 45 Leuten, die – verteilt auf die einzelnen Schichten – auf dem Dienstplan für Seiboldsdorf stehen, nach Angaben von Brandtstätter lediglich fünf hauptamtlich beim BRK angestellt. Sie leiten seinen Angaben zufolge die Teams, die sich die Arbeit an Ort und Stelle teilen – Teams, die aus Ehrenamtlichen bestehen. Jeder, der sich dem BRK zur Verfügung stellt, erhalte eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 15 Euro pro Stunde.

Die freiwilligen Helfer, die der BRK-Kreisverband einsetzt, sind laut Brandstätter »medizinisch vorgebildet«. Wissen, Handgriffe und Fertigkeiten, die sie an der Teststation benötigen, vermittelt ihnen das BRK. Und so erfolge dann zum Beispiel auch eine Unterweisung, wie man einen Abstrich für einen Corona-Test nimmt.

Einer, der seine Dienste freiwillig zur Verfügung stellt, ist Marcus Loithaler. Der 47-jährige Notfallsanitäter ist normalerweise im Rettungsdienst des BRK tätig. Und neben seiner hauptamtlichen Tätigkeit engagiert er sich nun im Ehrenamt in der Corona-Teststation in Seiboldsdorf. Ob er sich denn freiwillig engagieren soll, war für ihn nicht wirklich eine Frage gewesen. Er habe gehört, dass der Landkreis das Zentrum aufbaut – und dass Helfer mit medizinischer Vorbildung gesucht werden. Und selbstverständlich habe er sich dann bereit erklärt, in die Bresche zu springen.

Eine Infektion mit dem Virus fürchtet der 47-Jährige, der den Schutzanzug trägt, nicht. »Angst ist ein schlechter Begleiter«, sagt er. Er plädiere stattdessen dafür, wie er weiter meint, Respekt zu haben.

»Wir machen nichts mit Gewalt«

Das Wattestäbchen trägt er in seiner Hand, bereit ist er, Abstriche vom Rachenwand über den Mund und die Nase zu nehmen – und immer wieder nimmt er dann skeptische Blicke der Probanden im Auto entgegen. Um ihnen die Angst vor der unangenehmen Prozedur zu nehmen, erklärt er sie mit wenigen Worten. »Wir zwingen niemanden dazu. Wir machen auch nichts mit Gewalt«, betont er. Und er ergänzt, dass er auf Wunsch mitunter dann auch den Nasenabstrich gar nicht vornimmt oder ihn abbricht.

Auch Angelika Trick opfert Freizeit, um im Ehrenamt nach Kräften mitzuhelfen, dass in Seiboldsdorf alles reibungslos läuft. Beste Voraussetzungen bringt die 59-Jährige mit, ist sie doch ausgebildete Arzthelferin. Und auch sie war sofort bereit gewesen, sich in den Dienst an der Gemeinschaft zu stellen, als sie hörte, dass geschultes Personal für die Teststation fehlt. Sie kenne einen Mitarbeiter des BRK. Und nach seinen Erzählungen habe sie sich dann gedacht, »dass ich da einmal reinschnuppere«.

Schon seit dem ersten Tag, da der Landkreis die Teststation in Seiboldsdorf eröffnet hat, steht die 59-Jährige in der großen Helferschar ihre Frau. Wie alle anderen muss auch sie sich hin und wieder nicht nur einen bösen Blick von dem einen oder anderen Bürger gefallen lassen, der sich über die Wartezeiten an der Teststation aufregt. Diese Situationen erschweren die Arbeit – andere erleichtern sie. »Wenn ich zu zu den Leuten freundlich bin, dann sind die Leute auch freundlich zu mir«, weiß sie aus der Erfahrung zu berichten.

Neben Bürgern, die sich über die Wartezeiten beschweren, müssen die Helfer des BRK – wie Helmut Frank, der Stellvertreter von Brandstätter, berichtet – auch Kritiker beruhigen, »die die generelle Sinnhaftigkeit der Tests bezweifeln«. Als Bespiel nennt er Berufspendler über die Grenze, die sich regelmäßig untersuchen lassen müssen. Sie bilden nicht das Gros der »Kunden«. So meint Frank, dass 90 Prozent der Leute die Testung »durchwegs positiv« betrachten.

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