weather-image

»Angriff an Feigheit nicht zu überbieten«

0.0
0.0

Traunstein. Auf die Aussage eines teilgeständigen 46-jährigen Modelagenten zu einem Überfall am 21. August 2009 in Reit im Winkl auf einen mittlerweile 56 Jahre alten Geschäftsmann aus Bukarest hat sich gestern das Landgericht Traunstein nach acht Verhandlungstagen zum Abschluss des »Hells Angels«-Prozesses gestützt. Die Erste Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann verurteilte die drei Angeklagten, sämtlich aus dem Raum Koblenz, wegen Anstiftung beziehungsweise Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung zu zwei Strafen mit und einer ohne Bewährung.


Demnach gab ein 64 Jahre alter Zahnarzt den Auftrag, dem Geschädigten »eine Abreibung zu verpassen«. Der Modelagent vermittelte Schläger, rekrutiert bei der Rockergruppe »Hells Angels«. Einer der Hells Angels, ein 47-jähriger Karosseriebauer, stand bei dem Überfall »Schmiere«. Letztlich nicht identifizierte Täter lauerten dem Geschädigten am Hotel seiner Tochter in Reit im Winkl auf und verletzten ihn erheblich.

Anzeige

Eine andere Traunsteiner Kammer hatte die Angeklagten vor zwei Jahren in gleicher Sache freigesprochen. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf. Deshalb war es nötig, das Verfahren von vorne aufzurollen. Hintergrund des Falles sollen frühere »Geschäfte« zwischen dem aus Rumänien stammenden Zahnarzt und dem Opfer gewesen sein. Der 64-Jährige fühlt sich bis heute um Millionenbeträge betrogen.

Auf Selbstjustiz gesonnen

Die beiden Männer überzogen sich gegenseitig in beiden Ländern mit Zivil- und Strafverfahren. Der Zahnarzt erhielt aber nie Geld zurück. Deshalb soll er auf Selbstjustiz gesonnen haben. Der 64-Jährige äußerte sich weder im ersten noch im zweiten Prozess in Traunstein. Sein 56-jähriger Widersacher, der Geschädigte, erschien zum jetzigen Verfahren nicht mehr. Er sitzt aktuell eine fünfjährige Gefängnisstrafe wegen Betrugs in Rumänien ab.

Die Erste Strafkammer vernahm Dutzende Zeugen, ging zahlreichen Beweisanträgen, vor allem seitens der Zahnarzt-Anwälte, nach. Die Anklageschrift verschlankte sich gestern unmittelbar vor den Plädoyers: Das Gericht stellte zwei Teilvorwürfe – Drohpostkarten an den Geschädigten und seine Familie sowie versuchter schwerer Raub von Bargeld und eines Porsche Cayenne – im Hinblick auf das Gewicht der übrigen Vorwürfe vorläufig ein.

In seinem Schlussantrag fand Staatsanwalt Dr. Martin Freudling den reduzierten Sachverhalt durch die Beweisaufnahme bestätigt. Er sehe nur »zwei Probleme«: »Glauben wir dem Modelagenten? Und gab es wilde schwarze Männer aus Rumänien oder Russland, die den Geschädigten überfallen haben?« Die Antworten des Anklägers: Dem 46-Jährigen schenke er Glauben, die schwarzen Männer existierten nicht. Dr. Freudling forderte ein Jahr und acht Monate Freiheitsstrafe mit Bewährung für den Zahnarzt wegen Anstiftung zu gefährlicher Körperverletzung, jeweils wegen Beihilfe für den vorbestraften Modelagent ein Jahr ohne Bewährung und für den Karosseriebauer sieben Monate mit Bewährung.

Verteidiger plädierten auf Freispruch

Die Verteidiger – Dr. Mark Frank aus Rosenheim, Dr. Gerhard Prengel aus Koblenz, Thomas Wagner aus Freilassing, Axel Reiter und Jörg Zürner, beide aus Mühldorf – plädierten gestern auf Freispruch, teils begründet mit »vernünftigen Zweifeln«, die eine Verurteilung ihrer Mandanten nicht zulassen würden. Jörg Zürner zum Beispiel monierte »diametrale Abweichungen bei Zeugenaussagen zum Kerngeschehen«.

Die Kammer erkannte für den Zahnarzt wegen Anstiftung zu der Attacke auf 15 Monate Freiheitsstrafe mit Bewährung. Der Karosseriebauer hat seine siebenmonatige Strafe wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung bereits in Form von Untersuchungshaft verbüßt. 13 Monate ohne Bewährung verhängte das Gericht gegen den Modelagenten, der zur Zeit wegen anderer Vorwürfe in Untersuchungshaft weilt. Der Vorsitzende Richter betonte, der 46-Jährige sei Dreh- und Angelpunkt der Geschichte gewesen.

Dr. Klaus Weidmann hob heraus: »Wie kommen die Hells Angels nach Reit im Winkl? Die Brücke ist der Modelagent – und dann hin zu dem Zahnarzt.« Hinweise auf andere Tätergruppen bezeichnete der Vorsitzende Richter als »pure Spekulation«.

Das Urteil wird keinesfalls in vollem Umfang rechtskräftig. Die Verteidiger des Zahnarztes und des Modelagenten kündigten gestern sofort Revision an, während sich die Anwälte des Karosseriebauers zunächst mit ihrem Mandanten beraten wollen. kd