Angeklagter verursachte Frontalcrash: 25-Jähriger starb

Traunstein – Einen 34-jährigen Fachinformatiker aus Traunreut verurteilte das Amtsgericht Traunstein am Donnerstag wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten mit vierjähriger Bewährung. Außerdem muss er jeweils 10 000 Euro an das BRK Traunstein und die Deutsche Polizeigewerkschaft zahlen.


Keine Erinnerungen an den Unfall

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Der Angeklagte hatte am 7. Juli 2014 gegen 8 Uhr auf der Bundesstraße 304 von Altenmarkt nach Rabenden beim waghalsigen Überholen mit seinem Mercedes einen Frontalzusammenstoß verursacht. Ein 25-jähriger Trostberger starb zwei Stunden später im Kreiskrankenhaus Traunstein. Auch der Angeklagte kam mit schwersten Verletzungen per Rettungshubschrauber in die Klinik. An den Unfall könne er sich nicht erinnern. Erst im Krankenhaus habe er sein Gedächtnis wieder erlangt, sagte der 34-Jährige vor Gericht.

Laut Anklageschrift von Staatsanwältin Veronika Denk war die Sicht an jenem Morgen klar, die Fahrbahn trocken und griffig. Eine Tempobegrenzung war auf der Strecke nicht vorgeschrieben. In Richtung Rabenden fuhren hintereinander ein Lastwagen, ein weiterer Lastwagen mit Sattelauflieger und das Auto eines Auszubildenden. Durch die beiden Lkw war die Strecke mit leichter Rechtskurve unübersichtlich. Plötzlich raste von hinten der Mercedes heran, überholte den Pkw des Auszubildenden, scherte kurz ein und sofort wieder aus, um den Sattelschlepper zu überholen. Dabei kollidierte der etwa 110 Stundenkilometer schnelle Mercedes mit dem entgegenkommenden BMW des 25-Jährigen. Der Trostberger erlitt ein massives Polytrauma mit schwersten Gefäßverletzungen und starb wenig später im Krankenhaus. Ein Radfahrer sowie die beiden Insassen des vom Angeklagten noch überholten Pkw wurden Augenzeugen des Frontalzusammenpralls. Bei der Polizei meldete sich später noch ein weiterer Zeuge, der aussagte, dass der 34-Jährige bereits vorher im Ortsbereich von Altenmarkt mehrere Verkehrsteilnehmer »auffällig« überholt habe.

Richterin Sandra Sauer wollte von dem Angeklagten wissen, warum er so waghalsig gefahren sei. Die Antwort des 34-Jährigen: »Diese Frage stellt sich nicht nur Ihnen, sondern auch mir. Ich kann meine Fahrweise nicht nachvollziehen.«

Der Angeklagte berichtete von seinem eigenen Polytrauma mit gebrochenem Wirbel und gebrochenen Rippen, Beckenbruch und mehreren Brüchen in den Beinen, dazu Komplikationen beim Heilungsverlauf. Bis 10. Dezember 2014 war er stationär in verschiedenen Krankenhäusern und wird seither in ambulanter Reha weiterbehandelt – voraussichtlich noch bis Ende Februar 2015. Nach Auskunft von Ärzten wird er wieder in seinem Beruf arbeiten können, wenn auch vielleicht mit Einschränkungen.

»Wir sind jeden Tag an seinem Grab«

Die Richterin fragte den 34-Jährigen, ob er Kontakt zu der Familie des Getöteten aufgenommen habe. Der Angeklagte verneinte: »Es war auch für mich ein traumatisches Erlebnis. Ich habe versucht, aus Eigenschutz so wenig wie möglich über die Sache zu sprechen.« Der Vater des Verstorbenen, Nebenkläger in dem Prozess, wollte die fehlende Erinnerung nicht akzeptieren. Sein 25 Jahre alter Sohn sei »abgeschossen worden«: »Wir sind jeden Tag an seinem Grab und verstehen nicht, wie man ihm keine Chance lassen konnte. Sie müssen gefahren sein, als ob es kein Morgen gibt. Sie hatten das Glück, ein großes Auto zu fahren. Unser Sohn hatte ein kleineres.« Ein Foto des Opfers stand gestern auf dem Tisch des Vaters und von Nebenklagevertreter Gottfried Putz aus Trostberg.

Beide Fahrzeugführer mussten damals durch die Feuerwehr mit der Rettungsschere aus den deformierten Autowracks befreit werden. Die Freiwilligen Feuerwehren Rabenden, Obing, Seeon und Kienberg waren mit 60 Helfern im Einsatz. Noch an der Unfallstelle wurde damals der Verkehrssachverständige Michael Heim aus Waging aktiv, der am Donnerstag vor Gericht feststellte, die Rechtskurve sei durch die Lastkraftfahrzeuge nicht einsehbar gewesen.

Staatsanwältin Veronika Denk forderte eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten, die »gerade noch« ausgesetzt werden könne auf vier Jahre zur Bewährung, eine Geldauflage von 10 000 Euro und eine Sperre der Fahrerlaubnis für noch weitere drei Jahre. Für eine Bewährung zeigten Nebenklageanwalt Gottfried Putz und der Vater des Getöteten »keinerlei Verständnis«. Die Familie habe Aufklärung erwartet, wie »dieser unfassbare Unfall« zustande gekommen sei. Der Verteidiger, Michael Vogel aus Traunstein, betonte, Kontakt zu der Familie aufzunehmen – das habe sich sein Mandant »nicht getraut«. Hinter dem Unfall stehe ein »Versagen« des 34-Jährigen – »mit den schwersten Folgen, die man sich vorstellen kann.« Ausreichend sei eine Strafe von nicht mehr als einem Jahr mit dreijähriger Bewährungszeit sowie eine Geldauflage.

»Es ist meine Schuld, dass ein Mensch ums Leben kam«

Bei der Höhe der Strafe entsprach die Richterin dem Antrag der Staatsanwältin. Sie glaube dem Angeklagten, dass ihn die Situation belaste. Bei der Straffindung müsse sie auch berücksichtigen, wie sich das Leben des Angeklagten, »bisher straf- und verkehrsrechtlich ein unbescholtenes Blatt«, verändert habe. Sandra Sauer betonte, sie habe Verständnis für die Sicht der Familie, müsse aber nach dem Gesetz entscheiden.

»Es ist meine Schuld, dass ein junger Mitmensch zu Tode gekommen ist, der sein Leben noch vor sich hatte«, sagte der 34-jährige Traunreuter im »letzten Wort«. kd

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