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Als die »U-Bahn« am Stadtplatz fuhr

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Traunstein. Vor 100 Jahren wurde der erste Schrödlgasslerball gefeiert. Anlass war ein aus hygienischer Sicht erfreulicher: Bei der Familie Mooslechner (»Hanslwirt«) wurde das erste Wasserclosett (WC) in Betrieb genommen. In einer lustigen Feier wurde diese Neuheit mit einem »Probesitzen« ausprobiert und weil das Ereignis gerade in die Faschingszeit fiel, beschlossen die Bewohner der Schrödlgasse, dieses Fest zu wiederholen. Dadurch war der legendäre Schrödlgasslerball geboren, den es bis 1997 gab.


Nun waren die Schrödlgassler in der Zieglerwirtsstube des Heimathauses zusammengekommen, um mit einer historischen Bilderschau, die Karl Weilharter, »Bürgermeister« der Schrödlgasse, zusammengetragen hatte, an den Faschingsball zu erinnern. Alteingesessene Traunsteiner wissen es noch: Die Schrödlgasse umfasst die Schaumburgerstraße und den Taubenmarkt. Benannt ist sie nach der Bäckerfamilie Schröll, die in der Schaumburgerstraße mehrere Häuser besaß. Um den Zusammenhalt der Schrödlgassler zu dokumentieren, schuf der Maler Josef Solling 1912 eine Fahne mit den Wappen der einstmals dort zahlreichen Handwerker. Das bemalte und nicht gestickte Fahnentuch befindet sich heute noch gut erhalten in der Obhut von Weilharter. Ebenso gibt es eine eigene Schrödlgasslerhymne über den »Heisl-Ratz«, ein tierisches Phantom, das bis heute noch niemand zu Gesicht bekommen hat.

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Die Hauptfiguren des Balls waren stets der Präsident und der Bürgermeister der Schrödlgasse. Heute sind dies Gerhard Hiemer und Karl Weilharter. Außerdem war da noch der »Baron Schrödl«. Später kam noch ein Ballkönig hinzu. Gefeiert wurde beim Schnitzlbaumer, später im Sternbräu. Wer als Neuling zum Schrödlgasslerball kam, der bekam in einer feierlichen Zeremonie den Ritterschlag – gegen einen entsprechenden Obolus, versteht sich.

Jeder Ball hatte ein bestimmtes Motto. Da die Schrödlgassler mit ihren Themen sehr weitsichtig waren, kamen die Oberbürgermeister gerne zu dem Faschingsfest, um sich Anregungen für ihre Stadtpolitik zu holen. Als Beispiele seien die erste Fußgängerzone in Traunstein, Traunstein als Bahnstation für die Transsibirische Eisenbahn, der Traunsteiner Airport oder der erste Damenboxkampf genannt. Für eine U-Bahn wurden sogar Gleise vom Ballsaal in die Bar verlegt, auf denen die Traunsteiner Metro die Barbesucher transportierte. Eine Stadtplatzbewohnerin konnte damals nicht einschlafen, weil sie das Rumpeln vom Hin- und Herfahren der U-Bahn für ein nächtliches Gewitter hielt, sagte Weilharter. Man hatte zeitweise sogar ein eigenes Ballett.

Präsident Hiemer berichtete über die Patrona Bavariae am Reitereck (Ecke Schaumburgerstraße und Stadtplatz), die 1676 entstanden sein soll. Die erste bekannte Renovierung nahm der Malermeister Forster 1908 für den Möbelhändler Franz-Xaver Reiter vor. 1934 hat sie Ernst Rappel wieder restauriert. Ein weiteres Mal renovierte sie sein Sohn Ernst 1951. Beim Umbau des Hauses wurde sie 1966 heruntergenommen und in der Hauskapelle untergebracht.

Da eine Restaurierung wegen des desolaten Zustandes nicht infrage kam, entstand die Idee, eine neue Madonna anzuschaffen. Antreiber war der bereits verstorbene Walter Dandl, der auch gleich ein Sparbuch anlegte. Als genügend Spenden zusammengekommen waren, wurde die alte Madonna nach Berchtesgaden gebracht. Die Höhen und Tiefen der Figur wurden auf einen Lindenholzblock übertragen und es entstand eine neue Patrona Bavariae nach dem Vorbild der barocken Madonna. Einschließlich Fassung und Vergoldung kostete sie rund 12  000 Mark. Zudem erhielt sie wieder ein Kupferdach und ein vergoldetes Kreuz. Im November 1984 wurde die Madonna ein paar Tage in der St. Oswaldkirche aufgestellt und anschließend bei einer Feier mit Chor, Sängern und den Wössner Gebirgsschützen an ihren angestammten Platz aufgestellt. Dort soll sie, wie Hiemer hoffte, weitere 300 Jahre über die Schrödlgassler wachen. Bjr

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