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Als der Faschingszug ein Trauerzug wurde

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Ein Foto, das wohl um das Jahr 2000 entstanden sein dürfte: der damalige, inzwischen verstorbene Bürgermeister Sepp Daxenberger, umringt von den Fegerldamen.

Waging am See – Diese Ausstellung hätte es verdient, dass sie länger zu sehen ist als nur die vorgesehenen drei Tage: Bei der Fotoausstellung »Waging im Fasching« herrschte schon vor Eröffnung gestern um 13 Uhr in der Tourist-Info großes Gedränge, weil die Besucher ganz heiß darauf waren, in närrischen Erinnerungen zu schwelgen. 500 auf Stellwänden präsentierte Fotos, eine Projektorvorführung mit rund 1500 Fotos, dazu alte Plakate, Zeitungsausschnitte, Kostüme, Plakate und Orden gaben einen ebenso unterhaltsamen wie informativen Einblick in rund 100 Jahre Faschingstreiben in und um Waging.


Die Organisatoren hatten mit dieser Schau einen guten Riecher gehabt – der Fasching, gerade in Waging, ist ein Thema, das über all die vergangenen Jahrzehnte hinweg die Menschen in ihren Bann gezogen hat, früher ganz offensichtlich noch wesentlich mehr und wesentlich intensiver als es heute der Fall ist. Legendär ist etwa der in vielen Bildern dargestellte Faschingszug von 1956, der eigentlich kein Faschings-, sondern ein Trauerzug war: Scharen schwarz gekleideter Menschen zogen mit trauriger, weinerlicher Miene durch den Ort. Der Grund: Die Gemeinde hatte sich geweigert, für den Fasching einen Zuschuss zu geben. Wie berichtet wurde, habe sich der damalige Bürgermeister Sebastian Schuhbeck dadurch letztlich doch erweichen lassen, nachträglich noch Geld zu geben.

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Unglaubliche Materialfülle

Es ist eine solche Fülle nicht nur an Fotos, sondern auch an Texten – kurzen und knackigen, ebenso wie ausführlichen und langen – zusammengetragen worden, dass es schier nicht zu glauben ist. Ideengeberin und Mitorganisatorin Lydia Wembacher verdient dafür ebenso große Anerkennung wie Ortsheimatpflegerin Claudia Schemmer, die die Organisation im Wesentlichen geschultert hat – was letztlich deutlich mehr Arbeit war, als sie das wohl erwartet hatte.

Aber, wie sie bei ihrer Begrüßung sagte, habe sie auch viel Unterstützung bekommen, vom Faschingsverein »So Halunke«, der für den Großteil der Bilder sorgte, wobei sich vor allem Stefan Wegscheider viel Arbeit gemacht hat, und auch vom Feichtner Fegerlverein, dessen Mitglieder den Hauptteil der Dekoration beigesteuert und angebracht haben.

Die Ausstellung ist jetzt noch am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag jeweils von 13 bis 18 Uhr in der Tourist-Info zu bewundern – bei freiem Eintritt. Am Nachmittag um 17 Uhr spielen Mitglieder des Ottinger Theatervereins jeweils einen Sketch, und am Sonntagnachmittag gibt sich auch die legendäre Waginger Faschingsmusik die Ehre.

Der Faschingsmusik ist ebenso ein wichtiger Teil der Fotoausstellung gewidmet wie dem Verein »So Halunke« oder dem Fegerlverein. Aber auch aktive kleinere Faschings-»Einheiten« werden nicht vergessen: die »Traunstoana-Straßler«, die Tettenhausener mit ihrem Skikranzln und Weiberfasching, die Ottinger, unter anderem auch mit einer Faschingshochzeit, von denen es in der Ausstellung mehrere zu bewundern gilt.

Schließlich sei der Fasching ja eine Zeit, wie Claudia Schemmer bei ihrer Einführung sagte, die nicht nur jung und alt, Männer und Frauen »verbinde«, sondern »in der sich die Frauen gern als Männer und vor allem die Männer sehr gern als Frauen zeigen«. Dazu fiel ein Foto samt Notiz aus Tettenhausen auf, bei dem sich die Frauen zum »Gefangenenchor« à la »Nabucco« zusammengetan hatten und ihr »Leben im Ehegefängnis« beklagten.

Ausstellung sollte bereits im November stattfinden

Eigentlich war die Faschingsausstellung, wie Claudia Schemmer sagte, schon um den 11. November, den Faschingsanfang, geplant gewesen, war dann aber wegen des plötzlichen Tods von Hannes Obermayer aus Tettenhausen verschoben worden. Auch dieser ist in seiner gewohnten Faschings-Montur als »Mexikaner« verewigt. Und dem damaligen Bürgermeister Sepp Daxenberger taugte es inmitten der Fegerl-Damen ganz offensichtlich gut.

Dass der Fasching immer auch eine Gelegenheit ist, ernste Themen in lockerer Form aufzuarbeiten, so eine weitere Aussage von Claudia Schemmer, zeigt eine erstaunliche Aufnahme aus dem Jahr 1946: einen Faschingswagen zum Thema Russland. Die wohl ältesten Bilder vom Waginger Faschingszug sind die aus dem Jahr 1908, aus dem Jahr 1912 stammen Bilder von einem großen Faschingszug in Holzhausen bei Otting, eine Tradition, die offenbar bis in die 1930er Jahre fortgeführt worden war. Eindrucksvoll sind die vielgestaltigen Themen der Faschingswagen und die mit dem Aufbau verbundene Mühe; wie meinte ein Besucher bewundernd: »Die haben damals brutale Wagen gehabt!«

Alle diese und viele, viele andere Fotos und Begebenheiten mehr fanden bei den Besuchern geneigte Aufmerksamkeit und immer wieder hörte man begeisterte Ausrufe des Sich-erinnerns und des Wiedererkennens. Und es ist wohl anzunehmen, dass Claudia Schemmers Aufruf, doch weitere Fotos und Objekte aus privaten Beständen anzuliefern, Anklang finden wird; denn das solle eine Ausstellung sein, die wachse, und die dann bei einer anderen Gelegenheit noch größer und vor allem auch noch länger gezeigt werden könne. he