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Als das Deutsche Reich von Ruhpolding aus regiert wurde

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Auf großes Interesse bei den Besuchern stieß die Dokumentation über Reichskanzler Graf von Hertling in der neuen Ausstellung in der Alten Schule. (Foto: Giesen)

Ruhpolding – Zum elften Mal geht heuer die Ausstellung »Begegnungen – Kunst und Gemeinde« in der Alten Schule in Ruhpolding über die Bühne.


Zum Motto passend fand die Vernissage mit geladenen Gästen im festlichen Rahmen vor schönen historischen Gebäuden – Rathaus, Haus des Gastes und Alte Schule, dem ältesten bebauten Teil von Ruhpolding – statt.

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Bürgermeister Claus Pichler dankte in seiner Begrüßungsansprache den Organisatoren Alois Auer, Hannes Burghartswieser, Gerhard Guggenbichler, Helmut Müller, Herbert Ohl, Ludwig Schick, Armin Stadler, Gerlinde Frisch und besonders Anton Zeller, dem »Teamchef und Motor des Ganzen«, wie ihn Pichler bezeichnete. Seit Monaten hatte das ganze Team die Präsentation mit großem Idealismus professionell vorbereitet, gesammelt und recherchiert. Für die gelungene musikalische Umrahmung bei der Vernissage sorgte die Jugendkapelle unter der Leitung von Stefan Huber.

Erstmals sind bei den »Begegnungen« neben dem Kunstaspekt auch historische Ereignisse in Ruhpolding Thema der Ausstellung. Unter dem Motto »Als vor 100 Jahren das Deutsche Reich von Ruhpolding aus regiert wurde...« gibt es eine anschauliche Präsentation mit vielen historischen Fotos und kurzen Texten zu Reichskanzler Georg Graf von Hertling (1843 bis 1919).

Er war vor 100 Jahren, am 1. November 1917, von Kaiser Wilhelm II. zum Reichskanzler ernannt worden. Der Hesse aus Darmstadt war schon seit 1912 Ministerpräsident in Bayern. Seine Zeit als Kanzler dauerte wegen fehlenden Rückhalts im Reichstag nur ein knappes Jahr. Im Oktober 1918 zog der bereits 74-Jährige sich dann ganz auf seinen Landsitz in Ruhpolding zurück, wo er schon seit über 35 Jahren seine Freizeit verbracht hatte.

Vortrag über Graf von Hertling am Freitag

Wie in der Ausstellung zu sehen, besaß Graf von Hertling an der Brandstätter Straße 17 eine herrschaftliche Villa; sie wurde bereits vor Jahrzehnten abgerissen. Aber eine von-Hertling-Straße und eine Erinnerungstafel in der Kapelle auf dem Bergfriedhof erinnern noch heute an ihn. Wer seine Kenntnisse zu diesem Thema vertiefen möchte, dem sei der Vortrag »Georg Graf von Hertling und seine Zeit« von Altbürgermeister Herbert Ohl am Freitag um 19 Uhr in der Alten Schule empfohlen.

Ein weiterer wichtiger Teil der Ausstellung befasst sich unter dem Titel »Kinder wie die Zeit vergeht« mit dem Ruhpoldinger Schulleben. Viele Klassenfotos – das älteste von 1891 bis in die 1950er Jahre – und Fotos von Erstkommunionen, Schulausflügen oder anderen schulischen Ereignissen geben nicht zuletzt einen Einblick in die sozialen Verhältnisse der damaligen Zeit.

»Wer lacht, fliegt raus«, zitierte Helmut Müller senior bei der Vernissage die Worte des Lehrers, weshalb auf den alten Bildern kaum einmal ein Kind lacht. Bei seinem lebendigen Einführungsvortrag erinnerte er auch an die für heutige Verhältnisse unvorstellbaren pädagogischen Maßnahmen des »Lehrers Stock«, der nicht nur mit dem Bambusstock eindrücklich umzugehen wusste.

Die Ausstellung befasst sich auch mit den Anfängen des Tourismus in Ruhpolding und besonders der Entwicklung des »Verkehrsamtes« ab 1906 in einem Wohnungsbüro bis zur heutigen Unterbringung der Ruhpolding Tourismus GmbH und der Tourist-Info im sanierten Bahnhofsgebäude. Historische Fotos und alte Fremdenverkehrsprospekte erinnern an wichtige Stationen des sich rasch entwickelnden wichtigsten Wirtschaftszweig im Ort. Ein Foto von 1892 zeigt zum Beispiel die ersten »Sommerfrischler« am Ort. Historische Filme lassen dazu Szenen aus dem Fremdenverkehr zwischen 1930 und 1960 sowie aus dem Schulleben in dieser Zeit lebendig werden.

Einen besonders attraktiven, bunten Akzent setzt die Ausstellung mit dem Narrenpanoptikum »Die Narren sind unter uns« des Wahl-Ruhpoldingers Klaus Grönke. Aus Gips modellierte der Hobbykünstler halbreliefartige, ausdrucksstarke Köpfe verschiedener Narren wie des Klabautermanns, der Lachwurzen oder der Familie des Wichtigtuers, bemalte sie mit kräftigen Acrylfarben und ergänzte sie durch verschiedene Materialien wie Wolle, Stoff oder Filz. Jedem seiner sympathischen Narren ordnete Grönke passende Aphorismen, Sprüche und Weisheiten zu, die nicht nur zum Schmunzeln, sondern auch zum Nachdenken anregen.

Ein großer Raum voller gestifteter Bilder

Ein weiterer großer Raum der Ausstellung ist den Bildern meist mit Ruhpoldinger Motiven gewidmet, die vor allem in den vergangenen Jahren der Gemeinde gestiftet wurden. Da sind vor allem die feinen Sepia-Zeichnungen von Hubertus Wild zu nennen, der die Waldarbeitsschule in der Laubau von 1957 bis 1964 leitete. Bereichert wird die Präsentation aber auch durch die schönen Aquarelle des Chieminger Malers Sepp Hartmann. Eine wertvolle Stiftung sind die Bilder des bekannten Ruhpoldinger Architekten und Künstlers Sepp Plenk, zum Beispiel das Ölgmälde vom Bau der Bergstation auf dem Rauschberg.

Die sehenswerte Ausstellung in der Alten Schule beim Rathaus ist bis Sonntag, 3. September, donnerstags und freitags von 16 bis 20 Uhr geöffnet, an Samstagen und Sonntagen sowie am 6. September von 11 bis 19 Uhr. gi

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