»Aktuell ist die Lage angespannt«

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Sabine Segerer-Utz von der Kliniken Südostbayern AG bezeichnet die Lage als angespannt.
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Die Versorgung von Corona-Patienten auf der Intensivstation ist eine Riesenherausforderung für das Personal und sehr zeitaufwändig. Foto: dpa

Kliniken in den beiden Landkreisen aufgrund von Corona stark gefordert – Von 64 Intensivbetten der Kliniken AG sind 58 belegt


In Bayern werden wegen der Corona-Krise die Intensivbetten knapp. In den vergangenen drei Wochen sei die Auslastung der sogenannten ICU-Betten um 43,5 Prozent gestiegen, sagte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Die Situation sei »noch beherrschbar«, bereite angesichts der steigenden Infektionszahlen aber Sorgen. Das Traunsteiner Tagblatt hat mit Sabine Segerer-Utz von der Kliniken Südostbayern AG gesprochen. Zu ihr gehören sechs Krankenhäuser in den Landkreisen Traunstein und dem Berchtesgadener Land. Auch hier ist die Lage »aktuell angespannt«, wie Segerer-Utz betonte.

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Wie viele Intensivbetten hat die Kliniken AG insgesamt, wie viele sind derzeit belegt?

Zurzeit betreiben wir klinikübergreifend 64 Intensivbetten, von denen 58 belegt sind (Stand Mittwoch). Das heißt jedoch nicht, dass alle Betten mit Covid-Patienten belegt sind. Bei unseren Intensivbetten muss zwischen Intensivbeatmungs- und Intensivüberwachungsbetten differenziert werden. Für schwerstverletzte und -kranke Patienten werden Intensivbeatmungsbetten benötigt, auch für schwerstbetroffene Covid-19-Patienten.

Wie viele Betten gibt es davon? Und wie viele sind belegt?

Bei Bedarf sind wir grundsätzlich in der Lage, sämtliche Intensivbetten mit Beatmungsgeräten zu betreiben. Die Belegung der Betten mit Beatmungsgeräten ändert sich situativ und täglich.

Wie schätzen Sie die Lage derzeit ein?

Aktuell ist die Lage angespannt, wir sind aber im Verbund aufnahmefähig für Intensivpatienten und haben zuletzt auch bereits Patienten aus anderen Regionen übernommen.

Gibt es Engpässe?

Wie bereits erwähnt, ist die Situation dynamisch. Wir können jederzeit planbare Eingriffe und Behandlungen reduzieren und verschieben, um Kapazitäten für die notwendige Versorgung von Covid-Patienten zu schaffen. Allerdings ist der limitierende Faktor die Verfügbarkeit von Personal, das seit über einem Jahr am Limit arbeitet.

Wie viele Corona-Patienten müssen derzeit in der Kliniken AG intensivmedizinisch betreut werden?

Klinikübergreifend haben wir 15 Coronapatienten auf Intensiv, davon 13 in Traunstein und zwei in Bad Reichenhall. 14 davon sind beatmet.

Wurden bereits – wie etwa kurz nach Weihnachten – Stationen geschlossen, um mehr Platz für Corona-Patienten zu haben?

Nein, bisher mussten wir keine Stationen schließen. Wir betreiben nicht alle Funktionen und OP-Kapazitäten, um die Intensivstationen personell zu unterstützen.

Ein entscheidender Faktor ist ja auch, dass es in deutschen Krankenhäusern zu wenige Intensivpfleger und Intensivschwestern gibt, die sich um diese Patienten kümmern können. Wie sieht es hier in der Kliniken AG aus?

Die Situation bei den Pflegekräften, gerade in der Intensivpflege, ist bekanntermaßen überall kritisch – so auch in Teilen bei uns. Wir unterstützen, wo immer möglich, um ausreichend Betten betreiben zu können. Aktuell gelingt uns das. Aber klar ist auch, dass die Versorgung der Covid-Patienten deutlich aufwändiger ist und die damit einhergehende Belastung des Personals überproportional hoch.

Wieso?

Aufgrund des erhöhten Pflege- und Versorgungsaufwandes von Covid-Patienten. Das ist für Pflegekräfte schon eine enorme Herausforderung. Bedingt durch die Verhaltensregeln und Hygienemaßnahmen, die natürlich akribisch eingehalten werden müssen, ist der Pflegealltag an sich um einiges komplexer geworden. Allein das An- und Ablegen von persönlicher Schutzausrüstung, bestehend aus Schutzkittel, Einweghandschuhen, dicht anliegender Atemschutzmaske (FFP2) und Schutzschild erfordert Zeit und diese vielen Schichten sind beim täglichen Tragen auch anstrengender als gewöhnliche Arbeitskleidung. Es sind viele kleine Dinge, die sich summieren, ebenso braucht es auch mehr Austausch und Absprachen im Team. Zudem werden Arbeitsabläufe unterbrochen, es muss mehr zugereicht werden, wenn Mitarbeiter am Patienten isoliert arbeiten.

Wie wird man dieser Herausforderung gerecht?

Wichtig ist zu wissen, dass wir unser Bettenmanagement und so auch unser Personal situativ dem aktuellen Aufkommen anpassen. Damit sind wir in der Lage, im Verbund unsere Standorte an die sich täglich ändernden Herausforderungen der Covid-Situation und der benötigten Intensiv- und Beatmungskapazitäten nachzukommen. Zudem unterstützen wir mit Hilfskräften, die den Pflegenden und Ärzten zuarbeiten.

Viele sprechen auch von einer hausgemachten Krise. Jahrelang wurde Pflegepersonal abgebaut, auch in der Kliniken AG. Nun fehlt es. Was sagen Sie dazu? War der Sparkurs der falsche Weg?

Wieso abgebaut? Die Zahl der ausgebildeten Pflegekräfte ist bei uns von 2019 auf 2020 sogar noch gestiegen. Seit einigen Jahren ist in der Summe mehr Personal rund um unsere Patienten tätig.

Der Sparkurs war ja nicht 2019. Gemeint ist die Zeit, in der nicht mal die Pfleger und Krankenschwestern übernommen wurden, die von der Kliniken AG ausgebildet wurden.

Die damalige Situation ist mit der heutigen nicht vergleichbar. Zum damaligen Zeitpunkt einer massiven wirtschaftlichen Schieflage mussten Strukturen und Prozesse angepasst werden, so auch bei uns. So entstanden bereits zu dem Zeitpunkt erhebliche Entlastungsprogramme, um auf den bekannten Pflegemangel zu reagieren und die bestehende Pflege zu entlasten.

Und das ist gelungen?

Alle umgesetzten Maßnahmen tragen jetzt dazu bei, überhaupt die momentanen Herausforderungen personell meistern zu können. Und dann einen Blick in die Zukunft zu werfen und voraus zu planen. Wofür stehen wir und was macht uns aus? Patientensicherheit und -fürsorge, Versorgungsqualität und digitale Transformation stehen für uns an erster Stelle, um für unsere Bürger auch morgen noch da sein zu können.

KR

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