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Aiginger fühlen sich vom ÖPNV abgehängt

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Wer seit Mai mit dem Bus von Aiging nach Traunstein oder Traunreut fahren wollte, wartete trotz eines gültigen Fahrplans oft vergeblich auf den RVO-Bus.

Nußdorf. Ihrer Verärgerung über die ihrer Meinung nach im Mai ohne Vorankündigung völlig willkürliche Streichung einiger »zurückhaltend angenommener« Busse zwischen Traunstein und Traunreut aus dem eigentlich noch bis Mitte Dezember gültigen Fahrplan an der Haltestelle in Aiging machten rund 70 Bewohner bei einer Versammlung im Gasthaus Aiging Luft. Ihren Protest dagegen unterstrichen sie mit der Übergabe von 270 Unterschriften an Bürgermeister Hans Gnadl, die die Behindertenbeauftragte Helene Halser gesammelt hatte.


Der letzte Bus fährt um 18.30 Uhr in Traunstein ab

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Sprecher Frank Bork erklärte, dass vor allem die Wochenenden betroffen seien. Besonders ärgerlich sei die Lücke am Vormittag Richtung Traunstein sowie die Streichung des letzten Busses von Traunstein nach Traunreut am Abend – auch wenn der RVO inzwischen vormittags und am Sonntag wieder einen Bus eingesetzt habe, was er aber nicht kommuniziert habe. »Der letzte Bus mit Halt in Aiging fährt bereits um 18.30 Uhr am Bahnhof in Traunstein ab, wenn viele Geschäfte noch eineinhalb Stunden geöffnet, viele Abendveranstaltungen noch gar nicht begonnen haben und so mancher Pendler aus München oder Rosenheim Traunstein längst nicht erreicht hat«, so Bork. Die nächste Haltestelle in Mögstetten liege rund 800 Meter weit entfernt und sei durch eine Unterführung mit 15 Prozent Gefälle zu erreichen, die im Winter zudem glatt sei.

Seiner Meinung nach seien diese Streichungen zur Förderung des ungenutzten und völlig unsinnigen Regionalzugs der Südostbayernbahn zwischen Traunstein und Traunreut vorgenommen worden, um den Erhalt der »so wichtigen« Traun-Alz-Zugtrasse sicherzustellen, die vielleicht in einigen Jahrzehnten wieder an Bedeutung gewinne, wenn die Bahnstrecke München-Mühldorf-Freilassing ausgebaut sei.

Nicht jeder wohnt in der Nähe eines Bahnhofs

Der Zug ermögliche zwar die Teilnahme an abendlichen Sport- und Kulturveranstaltungen, jedoch nur für eine privilegierte Elite, die in der Nähe eines der wenigen Bahnhöfe lebe. Zwischen Traunstein (Empfing) und Matzing halte der Zug nicht. Nur die wenigsten könnten den einseitig geförderten, aber fast immer leer fahrenden Zug nutzen oder überhaupt erreichen. Die offiziellen von Bork genannten Fahrgastzahlen von 300 bis 400 am Tag wurden von den Aigingern mit lautem Gelächter quittiert. »Mit der Inbetriebnahme des Regionalzugs zwischen Traunstein und Traunreut hat sich die Lebensqualität fast aller auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesenen Menschen verschlechtert«, sagte er.

Für viele die einzige Verbindung zur Außenwelt

Aiging leide unter der Streichung von Bussen besonders, weil der Bus für Schüler, Senioren und Behinderte eine wichtige Verbindung zur Außenwelt darstelle. Die meisten Aiginger müssten täglich zur Arbeit oder zur Schule gelangen, einkaufen gehen oder Ärzte besuchen, auch um Sport-, Kultur- oder sonstige Freizeitangebote wahrnehmen zu können, müssten sie ihren Wohnort verlassen. »Für Familien mit Kindern stellt der Bus eine wichtige Entlastung dar. Für Senioren und gesundheitlich beeinträchtigte Menschen bedeutet er Mobilität, Selbstständigkeit und Freiheit«. Mit der Streichung verliere Aiging einen der wenigen Standortvorteile, die für den Kauf von Wohneigentum ausschlaggebend gewesen seien.

Bürgermeister Hans Gnadl würdigte die Initiative. »Ich bin froh, dass die Aiginger massiv werden und die Gemeinde Nußdorf unterstützen.« Er sprach von einem »langen und leidigen Thema«. Den Regionalzug nannte er »Warmluft-Express«, weil er nichts anderes befördere. »Für die Orte Weiderting, Aiging, Mögstetten und Herbsdorf bringt er überhaupt nichts«, unterstrich Gnadl. Der RVO und die Südostbayernbahn seien zwar unter dem Dach der Deutschen Bahn AG, aber eigene Betriebszweige, die jeweils gute Zahlen vorlegen müssten.

Falsche Fahrgastprognose für den Zug angenommen

Ursprünglich seien für den Regionalzug zwischen Traunstein und Traunreut 1200 Fahrgäste am Tag prognostiziert worden. »Das war eine grobe Fehleinschätzung«, sagte der Bürgermeister angesichts der »Geisterzüge«. Mit dem Geld, das die Regionalzüge Traunstein-Traunreut, Traunstein-Ruhpolding und Traunstein-Waging kosten, könnte man eine gute und ökologisch vernünftige Busverbindung aufbauen. Er habe sich stets dafür stark gemacht, dass der Bus im Takt bleibe. Aber ein Gutachter des Landkreises habe Zahlen vorgelegt, wonach die Busverbindungen reduziert werden müssten, damit mehr Fahrgäste mit dem Zug fahren. Der Gutachter habe die Takte vorgegeben.

Der RVO setze inzwischen vormittags und am Sonntag wieder einen Bus zusätzlich für Aiging ein. »Wir werden im Herbst schauen, dass wir im Frühjahrsfahrplan wieder mehr Busse hinein bekommen«, versicherte Gnadl. Unter anderem wegen der hohen Benzinpreise seien die Zeiten vorbei, in denen sich jeder ein Auto oder ein Zweitauto leisten könne. Etliche müssten wegen Schichtarbeit zu ungünstigen Zeiten zur Arbeit fahren, viele könnten aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr auf ein Auto zurückgreifen.

Unverschämtheit, dass kein Zuständiger sich Fragen stellte

In der Diskussion wurde mehrfach das große Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht, warum der RVO nicht den kleinen Umweg von der Bundesstraße nach Aiging machen könne. Dabei handele es sich lediglich um einen Kilometer, der keine großen Kosten verursachen würde, hieß es. Als Unverschämtheit wurde es von mehreren Anwohnern bezeichnet, dass kein Vertreter des RVO, der Südostbayernbahn und des Landratsamts es für notwendig erachtet hätten, der Einladung zu der Informationsveranstaltung zu folgen und sich den Fragen der Aiginger zu stellen. Bjr