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»Abstand zu gewinnen, ist eine große Herausforderung«

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Besonders stolz ist Landrat Hermann Steinmaßl auf das Programm »Bildung und Infrastruktur«. Seit 2002 wurden 105 Millionen Euro in  die  Schulen  im Landkreis Traunstein investiert. Unser Bild zeigt Steinmaßl beim »Picklschlag« am Johannes-Heidenhain-Gymnasium in Traunreut. (Archivbild: Rasch)
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Unsere Mitarbeiterin Kathrin Augustin im Gespräch mit Landrat Hermann Steinmaßl.

Mit 24 Jahren zur CSU, mit 29 Jahren in den Gemeinderat und in den Kreistag, vier Jahre später in den Bezirkstag und 1998 sogar in den Bayerischen Landtag; 2002, also mit 54 Jahren, zurück in den Landkreis und seither Landrat. Knapp zwei Drittel ihres Lebens waren Sie politisch aktiv. Am 1. Mai, kurz vor ihren 66. Geburtstag, ist damit Schluss. Und dann, Herr Steinmaßl?


Hermann Steinmaßl: Ich habe in über 40 Jahren enorm viel Zeit in die Politik gesteckt – mindestens 1000 Stunden pro Jahr – und die meist ehrenamtlich. Davon bereue ich keine Stunde. Von heute auf morgen nun Abstand zu gewinnen, ist eine große Herausforderung. Und damit hab ich momentan ein bisschen zu kämpfen, das gebe ich zu. Am besten wird sein, durch andere Tätigkeiten schnell Abstand zu gewinnen.

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Das hört sich nicht nach Ruhestand an. Was haben Sie in Zukunft vor?

Steinmaßl: Ich habe zu meinem Beruf als Ingenieur in den letzten Jahren große zusätzliche Erfahrungen gesammelt – zum Beispiel in der Regionalplanung, bei der Umsetzung der Energiewende oder in der Personalführung. Und ich hoffe, dass ich diese Erfahrungen irgendwo einbringen kann. Was aber sicher sein wird: An den Abenden und vor allem an den Wochenenden werde ich die Freiheit genießen. Und das ist ein Sieg für mich und meine Familie.

Kam Ihre Familie bei dem hohen Arbeitspensum der letzten Jahre zu kurz?

Steinmaßl: Ja. Aber für mich war es wichtig, dass meine Kinder trotzdem immer wussten, dass ich da bin, wenn sie mich brauchen. Wir haben in den Ferien vieles unternommen und ich habe in diesen Wochen mein Amt zum Teil auch von zu Hause aus geführt. Trotzdem weiß ich, dass ich einiges verpasst hab. Politik und Familie – das war oft eine schwierige Abwägung.

Freut sich Ihre Frau, dass Sie jetzt mehr Zeit haben werden?

Steinmaßl: Das müssten sie meine Frau fragen. (lacht). Aber sicher freut sie sich. Nach so vielen Jahren hat und braucht aber auch jeder seine eigenen Bereiche und Interessen. Es wäre unnatürlich, wenn das anders wäre.

Rückblickend auf die zwölf Jahre als Landrat im Landkreis Traunstein: Auf welche Entscheidung sind Sie besonders stolz?

Steinmaßl: Das ist uneingeschränkt das Programm »Bildung und Infrastruktur«. Die Idee und das Konzept waren von mir. Umgesetzt haben wir es im Kreistag gemeinsam. Die Kreisräte haben dabei vor allem das WARUM verstanden. Bildung und Infrastruktur sind ganz wesentliche Standortvoraussetzungen. Als ich vor zwölf Jahren das Thema Bildung als Standortvoraussetzung in den Raum geworfen habe, haben viele Leute nur von der Infrastruktur geredet. Dass das dann letztlich so zielbewusst umgesetzt worden ist und seit 2002 105 Millionen Euro in die Schulen im Landkreis investiert wurden und das Programm zum Markenzeichen für den Landkreis geworden ist, macht mich sehr stolz.

Gibt es denn umgekehrt auch eine politische Entscheidung, die Sie bereuen?

Steinmaßl: Keine. Aber es gibt Themen, wo wir uns noch sehr stark anstrengen müssen, um zum Erfolg zu kommen. Da nehm’ ich das Beispiel Kliniken. Der Landkreis hat jahrelang die Kliniken in Traunstein und Trostberg bei den Investitionen, der medizinischen Ausstattung und im laufenden Betrieb unterstützt. Unser Ziel war immer, eine qualitativ hochwertige Versorgung für die Bürger in der Region. Medizinisch stehen wir hervorragend da. Und dann haben wir die Fusion mit den Kliniken im Berchtesgadener Land gemacht. Alle wissen, dass wir Schwierigkeiten haben, wirtschaftlich unsere Ziele zu erreichen. Da kommen momentan manchmal Zweifel auf, ob die Entscheidung richtig war. Wir haben jetzt ein Konzept zur Konsolidierung auf den Weg gebracht, das gelingen muss. Es ist die größte Herausforderung in der nächsten Zeit. Und in ein paar Jahren können wir hoffentlich sagen, die Fusion war richtig.

42 Jahre in der Politik und das ohne Skandale. Heißt das, wir als Medien haben geschlampt oder hatten sie wirklich keine?

Steinmaßl (lacht): Ich bin dankbar, dass ich das so hingebracht hab. Für irgendwelche Ausschweifungen hatte ich gar keine Zeit. Ich bin auch der Auffassung, nicht die Politik verdirbt den Charakter, sondern manch schlechter Charakter schadet der Politik. Ich wollte mich immer im Spiegel anschauen können und habe im Amt mein Bestes gegeben. Wer Politik betreibt, muss die Menschen mögen und jeden ernst nehmen, auch wenn sie andere Meinungen haben.

Was hat Sie in ihrer Amtszeit am meisten bewegt?

Steinmaßl: Eindeutig die Begegnungen mit Papst Benedikt. Jede Sekunde bleibt in Erinnerung. Dass sein achtjähriges Pontifikat in meine Amtszeit gefallen ist, war eine ganz besondere Begleiterscheinung. Diese Begegnung konnte ich nur erleben, weil ich Landrat war.

Hat Sie in ihrer politischen Karriere – abgesehen von vier Jahren im bayerischen Landtag – die Landes- oder Bundespolitik nie gereizt?

Steinmaßl: Schon. 1989 hatte ich mich um das Amt des Bundestagsabgeordneten beworben und gegen Peter Ramsauer verloren. Danach wollte ich schon ganz aufhören. 1990 bin ich dann aber zum Vorsitzenden der Kreistagsfraktion gewählt worden und da hab ich wieder Fuß gefasst. 1998 wurde ich dann in den Landtag gewählt und hab mich sehr schnell integriert und gemerkt, dass noch Luft nach oben wäre. Damals hätte ich auch nie gedacht, dass ich Landrat werden würde. Als 2000 dann dass Signal kam, dass Jakob Strobl aufhört, hab ich lange überlegt. Mich hat schließlich die große Herausforderung gereizt. Nach dieser Entscheidung hab ich mit keinem anderen Posten mehr geliebäugelt.

War Landrat also ihr »Traumberuf«?

Steinmaßl: Irgendwie schon, ja. Wenn man es genau nimmt, gibt es zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Landrat keine Position, die so vielfältig ist. Diese Vielfalt hätte ich selbst als Minister nicht gehabt. Zugleich hat man eine besondere Unabhängigkeit und Stärke durch die Rückendeckung von den Bürgern, da man direkt von ihnen gewählt wird.

Welchen Tipp haben Sie für Ihren jungen Nachfolger, Siegfried Walch?

Steinmaßl: Die Leitung des Landratsamtes, der Vorsitz von Gremien und Ausschüssen, Aufsichtsratsführung der Kliniken und Kreisaltenheime und dann noch Vorsitzender des Tourismusverbandes und Rettungszweckverbandes ... für all diese Aufgaben gibt es keinen Generaltipp. Aber Siegfried Walch weiß, dass ich da bin. Und wenn ein Rat gewünscht ist, kann er auf mich zählen.

Gibt es einen Traum, den Sie sich noch erfüllen wollen?

Steinmaßl: Meine Frau und ich haben drei Töchter und schwere Zeiten hinter uns, was vor allem die Gesundheit betrifft. Und da sind alle Träume schon erfüllt, wenn alle gesund und glücklich sind.

Herr Steinmaßl, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Familie für die Zukunft alles Gute!

Das Interview führte Kathrin Augustin.