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Überfall in Reit im Winkl wird erneut untersucht

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Drei Umzugskartons füllten gestern im Gericht die Akten von Rechtsanwalt Jörg Zürner, Verteidiger eines 64-jährigen Zahnarztes, der den Überfall auf einen rumänischen Geschäftsmann im August 2009 in Auftrag gegeben haben soll. (Foto: Kretzmer)

Traunstein. Der sogenannte »Hells Angels«-Prozess, in dem ein oder mehrere Mitglieder des Rockerclubs als Schläger an einem Überfall im August 2009 auf einen rumänischen Geschäftsmann in Reit im Winkl beteiligt gewesen sein sollen, begann gestern erneut vor dem Landgericht Traunstein. Der Bundesgerichtshof hatte das Ersturteil vom November 2010 mit Freisprüchen für alle drei Angeklagten aufgehoben und an ein anderes Gericht zurückverwiesen.


Viel konnte die Erste Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann gestern nicht erledigen. Staatsanwalt Dr. Martin Freudling kam nicht dazu, die Anklageschrift zu verlesen, die den drei Männern aus dem Raum Koblenz – einem 64 Jahre alten Zahnarzt, einem 46-jährigen im »Künstlermanagement« tätigen Modellagenten sowie einem 47-jährigen Karosseriebauer und »Hells Angels«-Mitglied – vor allem gemeinschaftlich versuchten besonders schweren Raub und gefährliche Körperverletzung vorwirft. Der Grund: Legitimes prozessuales Geplänkel der Verteidiger. Der auf acht Tage anberaumte Prozess wird am morgigen Freitag um 9 Uhr fortgesetzt.

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Der inzwischen 56 Jahre alte, millionenschwere Ingenieur aus Bukarest war am Tattag von einer Einkaufstour in München zurückgekehrt. Vor dem Hotel seiner Tochter sollen ihm abends der 47-jährige Angeklagte und ein weiteres Hells-Angels-Mitglied aufgelauert haben. Der Geschädigte wurde geschlagen und durch in die Augen gesprühtes Reizgas verletzt. Zudem soll geschossen worden sein.

Der Modellagent – er sitzt übrigens seit September 2012 in anderer Sache in Untersuchungshaft – soll die Schläger in Rockerkreisen angeheuert haben. Initiator und bei dem Überfall die Fäden ziehender Hintermann soll der Zahnarzt gewesen sein: Er stand mit dem Opfer schon seit Jahren auf Kriegsfuß wegen einer lange zurückliegenden Fehde um Millionenbeträge und eine Villa in Bukarest. Der aus Rumänien stammende, seit 32 Jahren in Deutschland lebende Zahnarzt und der Ingenieur führten hierzulande wie in Rumänien zahllose Prozesse.

Ob und wann der Nebenkläger in dem jetzigen Prozess erscheint, ist offen. Wie der Opferanwalt auf Anfrage berichtete, sitzt der Ingenieur seit 18. Dezember des vergangenen Jahres in Rumänien hinter Gittern. Aus welchem Anlass, ob in Haft oder in Untersuchungshaft – das wusste auch Reinhart nicht. Der Vorsitzende Richter deutete gestern an, auf den Geschädigten und Zeugen könne aus Sicht der Kammer eventuell verzichtet werden: »Für den Vorfall in Reit im Winkl gibt es mehrere Zeugen. Dokumente könnten wir verlesen.«

Gestern brachten die insgesamt sechs Verteidiger wie im ersten Prozess gleich wieder Besetzungsrügen vor. Ihr Inhalt verkürzt gesagt: Wegen des zu erwartenden immensen Beweisumfanges samt Übersetzungen, nicht zuletzt hinsichtlich der Vorgeschichte in Rumänien, mit zusätzlichen Zeugen, Gutachten und früheren Gerichtsakten seien drei statt nur zwei Berufsrichter in der Kammer »zwingend erforderlich«. Das habe auch der Bundesgerichtshof festgestellt.

Vorsitzender Richter Dr. Klaus Weidmann wies die Anträge aller Verteidiger gestern aber zurück. Die Erste Strafkammer könne über die Zahl der Richter neu entscheiden: »Der Bundesgerichtshof hat die Frage der Zahl an Berufsrichtern als erwägenswert bezeichnet - nicht mehr und nicht weniger, meine Herren.«

Der Verhandlungsmarathon vor zwei Jahren über 22 Tagen bis zum Urteil war geprägt von Verzögerungen, hauptsächlich durch zahlreiche und zeitraubende Verteidigeranträge. Ähnliches schien sich gestern anzukündigen. Der Vorsitzende Richter will nach seinen Worten am Freitag die Anklageschrift verlesen lassen, außerdem die Angeklagten zur Person und beginnend zur Sache anhören.

Im Gegensatz zur ersten Verhandlung war das Medieninteresse gestern ebenso zurückhaltend wie das der Zuhörer: Die Zahl der Schwarze-Roben-Träger – Gericht, Staatsanwalt, Verteidiger und Nebenklagevertreter – überstieg die Zahl an Zuschauern deutlich. kd