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Überfälle stabsmäßig geplant

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Richterhammer
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Auf der Richterbank liegt ein Richterhammer. Foto: Uli Deck/Archiv Foto: dpa

Traunstein – Jeder wusste in einer von Litauen aus gelenkten kriminellen Organisation genau, was er bei Blitzüberfällen auf Juweliere zu tun hatte. Das berichtete ein 54-jähriger Beamter der Kripo Mühldorf gestern vor der Ersten Strafkammer am Landgericht Traunstein im Prozess gegen zwei 33 und 29 Jahre alte Tschetschenen. Er bezog sich auf Vernehmungen von zwei 34 und 22 Jahre alten Mittätern aus Litauen. Sie hatten vor gut einem Jahr bei der Kripo ausgepackt und Mittäter benannt. Demnach liefen die Raubtaten in Mühldorf und Bad Oeynhausen mit einer Beute von rund 140 Uhren im Gesamtwert von über einer halben Million Euro nach »Schema F« ab.


Die Festnahme von drei Personen am 10. Juni 2015 auf der Fahrt in einem gestohlenen Fahrzeug zum nächsten Überfall in Regensburg war am Anfang der Ermittlungen der Kripo Mühldorf gestanden, wie der 54-Jährige schilderte. Bei zwei der festgenommenen Litauer erbrachte der DNA-Abgleich Treffer: Der 34-Jährige und der 22-Jährige hatten in Mühldorf wie Bad Oeynhausen ihre Genspuren hinterlassen. Bei einer Vernehmung im November 2015 in Mühldorf räumten beide ihre Beteiligung an den Raubzügen ein. Der eine war dafür verantwortlich, mit einer Schreckschusswaffe Mitarbeiter und Kunden in Schach zu halten, der andere, mit einer schweren Axt die Vitrinen einzuschlagen und teure Uhren auszuräumen.

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Fluchtroute wurde vorher abgefahren

Jeweils ein dritter Täter stand draußen Schmiere, während ein weiterer startbereit am Steuer eines andernorts gestohlenen Fluchtfahrzeugs mit falschen Kennzeichen saß. Der Kripozeuge unterstrich: »Alles war stabsmäßig geplant. Fluchtrouten wurden vorher abgefahren, Handys verteilt, die ausführenden Täter zu den Objekten gebracht.«

Auf die Frage, wer von wem angeheuert wurde, hätten die Litauer die in dem aktuellen Prozess angeklagten Tschetschenen benannt. Der 33-Jährige habe die Waffen, der 29-Jährige die Äxte besorgt, zitierte der Polizist die Belastungszeugen.

Der 22-jährige Litauer, in gleicher Sache nächste Woche selbst auf der Anklagebank, bestätigte gestern sein Geständnis. Demnach waren die Taten in Litauen abgesprochen worden. Vor der Tat am 20. Januar 2015 in Bad Oeynhausen wohnte er in einem Hotel in Dortmund. Zur Vorbereitung des Überfalls am 5. März 2015 in Mühldorf brauchte man wieder ein Auto. Der 33-Jährige und ein »Murad« stahlen es in München. Der Zeuge fuhr fort, in dem Geschäft habe man einmal geschossen und Reizgas gesprüht. Die Uhren hätten er und der 34-Jährige an »Murad« übergeben und jeweils 6000 Euro bekommen.

Auch einen gescheiterten Versuch in Regensburg räumte der 22-Jährige ein. Er wollte einzig nicht sagen, wer der von ihm belastete »Murad« sei. Der 22-Jährige bejahte auf Frage von Staatsanwalt Dr. Martin Freudling, Drohungen bekommen zu haben. Und: Seine Freundin sei vergewaltigt worden. Zur Erklärung möglicher Ängste des Zeugen: Der 29-jährige Angeklagte trägt den Vornamen Murad. In dem Prozess im Januar 2016 hatte der 22-Jährige geleugnet, dass dieser der besagte »Murad« sei. Das trug dem 22-Jährigen ein Strafverfahren wegen Falschaussage ein. Sein 34-jähriger Mittäter wird heute angehört.

Bundesgerichtshof hob Urteil gegen Litauer teilweise auf

Die zwei Litauer als tatsächliche Räuber am Ende der Kette sind trotz eines früheren Prozesses in Traunstein noch nicht rechtskräftig verurteilt. Die Jugendkammer hatte gegen den 34-Jährigen im Januar 2016 acht Jahre Haft verhängt, gegen den 22-Jährigen sechs Jahre Jugendstrafe. Dagegen zogen die Verteidiger in Revision. Der Bundesgerichtshof bestätigte zwar den Schuldspruch, hob aber das Urteil hinsichtlich der Strafhöhen auf. Die Zweite Traunsteiner Strafkammer rollt den Fall nun am 23. Februar um 9 Uhr von vorne auf.

Der jetzige Prozess der Ersten Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann wird heute und am Freitag, 16. Februar, vielleicht noch am Dienstag und Mittwoch, 21. und 22. Februar, jeweils um 9 Uhr fortgeführt. Die Anklage umfasst schweren Raub, mehrfache gefährliche Körperverletzung, versuchten und vollendeten schweren Bandendiebstahl, besonders schweren räuberischen Diebstahl und weitere Delikte.

Die beiden Tschetschenen äußerten sich bislang nicht zum Inhalt der Anklage. Über ihre Anwälte, Harald Baumgärtl aus Rosenheim und Johannes Salmen aus Lage/Lippe, ließen sie die Vorwürfe zurückweisen. Am heutigen Mittwoch treten auch die Geschädigten des Überfalls in Mühldorf in den Zeugenstand. Rechtsanwalt Jörg Zürner aus Mühldorf steht ihnen als Nebenklagevertreter zur Seite. kd