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Ölwehrübung am Achendelta bewegt die Gemüter

Übersee. Rund 150 Kräfte des Technischen Hilfswerks (THW) proben jedes Jahr die Ölschadensbekämpfung im einzigartigen Chiemsee-Delta der Tiroler Ache. Am kommenden Freitag und Samstag ist die nächste Großübung geplant – und das gefällt nicht allen. So kritisieren der Landesbund für Vogelschutz (LBV) und andere Naturschutzinstitutionen schon seit langem, dass mitten in der sensiblen Zone des Naturschutzgebietes »Mündung der Tiroler Achen« Ölwehrübungen abgehalten werden.


»Naturschutzgebiet effektiver schützen«

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»Seit Jahren versuchen wir, das international bedeutsame Naturschutzgebiet effektiver zu schützen«, betont der Biologe und Ornithologe Dr. Michael Lohmann von der LBV-Ortsgruppe Achental und verweist darauf, dass das Gebiet seit 1956 unter Naturschutz steht und der Deltabereich seit 1986 durch ein Betretungsverbot besonders geschützt ist. Die seit 45 Jahren bestehende Ölwehr sei für ihn als Bauwerk und mit den damit verbundenen Wartungsarbeiten, THW-Übungen und Kontrollflügen »ein Fremdkörper und erheblicher Störfaktor in der Kernzone des Naturschutzgebietes«, kritisiert Lohmann, der ein profunder Kenner der heimischen Tier- und Pflanzenwelt ist und eine Vielzahl von Büchern über den Chiemsee geschrieben hat.

Als die bei Kitzbühel die Tiroler Ache querende Transalpine Ölleitung (TAL) von Triest nach Ingolstadt 1967 in Betrieb genommen wurde, musste die Betreiberfirma Deutsche Transalpine Ölleitung (TAL Oil) zum Schutz des Chiemsees eine mehr als zwei Kilometer lange Ölsperre rund um das Achendelta errichten. Die technischen Anlagen dazu wurden in das Naturschutzgebiet westlich des Deltas gebaut.

Ziel der jährlichen THW-Großübung an den beiden Einsatzstellen »Lachsgang« (Delta-West) und »Hirschauer Bucht« (Delta-Ost) ist es, den sicheren Betrieb der Transalpinen Pipeline zu gewährleisten. 14 Boote, eine Fähre, fast 30 Fahrzeuge, vorsorglich ein Rettungswagen des Bayerischen Roten Kreuzes sowie diverse Spezialgeräte kamen 2011 zum Einsatz. Da das Wasser der Tiroler Ache damals über einen östlich gelegenen Seitenarm in den See floss, mussten nur rund 1200 Meter Ölsperre ausgebracht und montiert werden. Die zwölf ehrenamtlichen Spezialisten der THW-Fachgruppe Ölschaden aus Kelheim rückten mit der weltweit modernsten, mobilen Ölseparationsanlage an. Im Ernstfall können damit laut THW »bis zu 40 000 Liter Öl-Wasser-Gemisch pro Stunde getrennt werden und das in einer Reinheit, die mit herkömmlichen Mitteln nicht erreicht wird«. So werde das Öl zu etwa 99 Prozent vom Wasser befreit, wodurch nur sehr geringe Restmengen abzutransportieren seien. Die Separationsanlage basiere ausschließlich auf physikalischen Effekten und komme ohne Chemikalien aus, versichert das THW, das bundesweit über elf solcher Anlagen verfügt. Bei größeren Unglücksfällen könnten auch mehrere Anlagen parallel betrieben werden.

Sammelbehälter aufbauen und Schlauchleitungen legen

Sollte einmal Öl von der Tiroler Ache in den Chiemsee fließen, haben die THW-Ortsverbände Rosenheim, Traunreut und Traunstein mit Unterstützung ihrer Kameraden aus Bad Aibling, Berchtesgadener Land, Ergolding, Hiltpoltstein, Kelheim, Mühldorf und Simbach die Aufgabe, die Ölwehrausstattung der Firma TAL Oil an die Einsatzstelle zu bringen, Sammelbehälter aufzubauen, Schlauchleitungen zu verlegen und eine bis zu 2,4 Kilometer lange Ölsperre auszubringen.

Dr. Michael Lohmann stellt das nicht zufrieden. Seiner Meinung nach werde die facettenreiche Vogelwelt durch die Begleitumstände der Ölwehr empfindlich gestört. »Sensible Arten wie der Seeadler siedeln sich erst gar nicht an«, gibt der Chiemgauer Ornithologe zu bedenken. Mit der Chiemsee-Ölwehr opfere man das international bedeutsame Achen-Delta, das »gewissermaßen als Öl-Auffangfläche« missbraucht werde. Auch wenn die sieben »Einsatzstellen« für Ölbinder und mobile Ölwehren zwischen Kitzbühel und Chiemsee als Schutzmaßnahmen eigentlich ausreichend seien, gelte es noch einmal, alle Möglichkeiten einer Verlegung des Ölunfallschutzes aus dem unmittelbaren Deltabereich, gegebenenfalls in den Bereich der Pipelinequerung im Oberlauf des Chiemsee-Zuflusses, zu prüfen, appelliert Lohmann an die Betreiberfirma.

Tal Oil und THW ließen allerdings bereits durchblicken, dass die Ölwehr im Fluss wegen wechselnder Wasserstände und Strömungsgeschwindigkeiten nicht so wirksam eingerichtet werden könne. Auch dank regelmäßiger Kontrollen an der Ölleitung habe es in fünf Jahrzehnten keinen Unfall gegeben. mmü