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87-Jährige wartete vergeblich auf Sohn

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Traunstein – Im Mordprozess gegen einen psychisch kranken, 25-jährigen Mann aus Niedersachsen stand gestern die Frage im Mittelpunkt, wann genau im Mai 2014 das Opfer, ein 61-jähriger Rentner aus Traunreut, zu Tode gekommen ist. Das Schwurgericht mit Vorsitzenden Richter Erich Fuchs hörte viele Zeugen. Die Aussagen von Polizeibeamten und Hausbewohnern sollen helfen, den Todeszeitpunkt einzugrenzen.


Der Tote war am 17. Mai 2014, mehrere Tage nach seinem gewaltsamen Ende um den 12. oder 13. Mai herum, in seiner Wohnung am Sankt-Georg-Platz gefunden worden. Eine Nachbarin hatte den Rentner seit Tagen nicht mehr gesehen. Nach Öffnen der Tür durch die Feuerwehr fanden eine Streifenbeamtin und ihr Kollege den Toten – unter einem Waschbecken im Bad zusammengekauert, halb verwest und mit Kleidungsstücken bedeckt.

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Der Sachverständige Professor Dr. Randolph Penning vom Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München wollte von den Zeugen wissen, wie warm es damals in der Wohnung war, ob die Fenster offen standen oder von den Helfern geöffnet worden waren. Mehreren Polizeibeamten fiel damals der unangenehme Geruch in den finsteren Räumen auf, deren Fenster mit Stoff verhängt waren. Im Bad lief etwas Wasser aus einem Duschkopf. An der Waschmaschine leuchtete ein Blinklicht auf, ein Mehrfachstecker war feucht. Die Beamtin und ihr Kollege schalteten den Strom ab.

Später entdeckten Kripoleute in der Waschmaschine ungewöhnliche, bei 60 Grad gereinigte Gegenstände – eine Schere, das an der Spitze abgebrochene Tatmesser, weitere Messer, die Bankkarte des Toten, eine Brille, eine Geldbörse und einen Abflussstopfen. Die Untersuchungen erbrachten, dass auch die Wohnung gründlich gereinigt worden war. Zusätzlich waren pulverförmige Substanzen wie Salz und Kaffee in den Räumen verschüttet worden, offensichtlich, um Spuren zu vernichten. Dennoch ließen sich umfangreiche Blutspuren in allen Zimmern nachweisen.

Die Obduktion bewies: Der Rentner hatte elf schwere, aber nicht tödliche Schläge mit einem unbekannten Gegenstand gegen den Kopf erlitten sowie 24 Stiche mit verschiedenen Messern. Der 61-Jährige verblutete in Folge von Stichen in den Hals, die große Blutgefäße durchtrennten.

Der Verdacht fiel damals auf den 25-Jährigen, der im März 2013 knapp zwei Wochen bei dem Opfer gewohnt hatte. Rache wegen Rauswurfs soll sein Tatmotiv für den Mord »aus niederen Beweggründen« sein, wovon Staatsanwalt Björn Pfeifer ausgeht. Der 25-Jährige kann in dem Sicherungsverfahren nicht bestraft werden, gilt er doch aufgrund einer schizophrenen Psychose und anderer Erkrankungen als schuldunfähig. Die einzige Alternative ist die zeitlich unbeschränkte Unterbringung in der Psychiatrie. Der 25-Jährige sagte auch gestern auf Rat der Verteidiger nichts zu den Anklagevorwürfen.

Unter den Zeugen war auch die 87-jährige Mutter des Opfers. Die Frau erinnerte sich an einen Anruf des Sohns am 12. Mai. Er habe gesagt: »Mutter, i kim scho.« Er könne einkaufen und Kleinigkeiten machen. Die Frau machte das Telefonat an einer geplanten Operation fest: »Ich hätte am 13. Mai ins Krankenhaus müssen. Den ganzen Tag bin ich daheimgeblieben und hab' auf ihn gewartet.«

Der Hausmeister des Gebäudes am Sankt-Georgs-Platz beschrieb das Opfer als »Einzelgänger«, der tagsüber unterwegs gewesen sei. Nur selten habe er den 61-Jährigen gesehen. Dieser habe kaum jemanden in seine Räume gelassen: »Er war ein sehr vorsichtiger Mann.« »Mit ihm hatte niemand im Haus Streitigkeiten«, betonte ein 59-jähriger Zeuge. Ein anderer Hausbewohner erlebte den 61-Jährigen vor dessen Tod als »unruhig, nervös, nicht wie sonst«.

Vor seinem Tod hatte der Rentner am 12. Mai gegen 14 Uhr fast sein ganzes Geld vom Konto abgehoben, wie eine Bankkauffrau berichtete. Von dem lediglich zweistelligen Betrag fehlte später jede Spur. kd

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