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80 Prozent weniger Insekten als vor 30 Jahren

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Auch in den kommenden Jahren steht die Lebenssituation von Bienen und Insekten bei uns im Landkreis im Mittelpunkt.

Marquartstein – »Kröten sammeln ist eine Grundkompetenz des Bund Naturschutz«. Mit dieser humorigen Feststellung eröffnete der Vorsitzende des Bunds Naturschutz (BN) Ortsgruppe Achental die Jahreshauptversammlung im Gasthof Weßner Hof.


Hermann Eschenbeck berichtete anhand von Lichtbildern von sehr vielfältigen Aktivitäten der Ortsgruppe, die rund 300 Mitglieder zählt. In der Wandersaison brachten freiwillige Helfer über 1600 Amphibien wie Kröten und Frösche sicher über die Kreisstraße TS 34 zwischen Staudach und Marquartstein. An 34 Tagen sammelte ein festes Helferteam morgens und abends. Auch für die Fledermäuse fühlt sich die Ortsgruppe verantwortlich. Das Achental weise sehr gute Biotope für Fledermäuse auf, berichtete Eschenbeck. Der BN habe auch durch die Mithilfe der Bürger mehrere unbekannte Standorte kartieren können. Besonders interessant war der Einzelfund der überaus seltenen Kleinen Hufeisennase auf der Burg Marquartstein. Der Vorsitzende bat darum, alle Beobachtungen und Funde, auch tote Tiere, zu melden.

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Die meisten Anrufe beim BN in diesem Jahr galten den großflächigen Abholzungen am Achendamm an der gesamten Flussstrecke zwischen Wagrain und Osterbuchberg, so die zweite Vorsitzende Beate Sachs. Ein Zusammenhang mit dem Hochwasserschutz sei für den Laien oft nicht ersichtlich gewesen. Massive Bürgerproteste waren die Folge, als das Straßenbauamt das Feldgehölz am Ortseingang von Rottau komplett schwendete. Daraufhin habe es immerhin eine Nachpflanzung gegeben, sagte Sachs.

»Die große Sorge des BN gilt der schwindenden Artenvielfalt. Hier herrscht inzwischen die höchste Alarmstufe«, warnte Hermann Eschenbeck. Die Zahl der Brutvogelpaare in landwirtschaftlichen Gebieten habe in den vergangenen 30 Jahren um 57 Prozent abgenommen. Das sei nicht verwunderlich, weil Vögel vielfach keine Nahrung mehr finden – die Zahl der Insekten sei in dem Zeitraum sogar um 80 Prozent zurückgegangen.

Die Ortsgruppe des BN bemüht sich um Aufklärung und Bewusstseinsbildung für die Zusammenhänge in der Natur, besonders auch bei der Jugend. So gab es einen Infostand zur Biodiversität im Herbst 2016 am Staatlichen Landschulheim oder den Bau eines Insektenhotels mit der Mittelschule in Unterwössen. Diese Aktionen könnten die Schüler für die Schönheit und Vielgestaltigkeit der Insektenwelt sensibilisieren, erklärte Eschenbeck. Tradition sind inzwischen die jährlichen Schwendaktionen mit Schulklassen des Landschulheims in der Hollandau in Unterwössen. Ziel dabei ist es, den Schülern die besondere Fauna und Flora der Almen nahe zu bringen. Beim letzten Mal standen nicht so sehr die Almblumen im Mittelpunkt, berichtete der Vorsitzende, sondern die Schüler fotografierten mit Begeisterung »wilde Tiere«, wie die exotisch aussehende Wespenspinne oder den Geißblattbläuling, einen farbenfrohen Schmetterling.

Natürlich müsse man bei der Biodiversität auch über Politik reden, so Eschenbeck weiter. Zusammen mit den Bauern des Agrarbündnisses Traunstein/Berchtesgadener Land kämpft der BN für eine ökologischere Landwirtschaft und gegen die Macht der Agro-Chemiekonzerne. Derzeit sammelt der BN Unterschriften für ein endgültiges Verbot von Glyphosat. Bei der gegenwärtigen Glyphosat-Debatte werde in der Öffentlichkeit nur das mögliche Krebsrisiko des Pestizids diskutiert, bedauerte der Vorsitzende. Unumstritten aber seien die schädlichen Auswirkungen von Glyphosat auf die Bodenorganismen, sodass zum Beispiel Regenwürmer nicht überleben könnten.

Im Zusammenhang mit dem für dieses Jahr ausgerufenen »blühenden Landkreis Traunstein« erklärte Beate Sachs, dass Blühstreifen entlang von Straßen mit dem für den Standort geeigneten Saatgut durchaus für Wild- und Honigbienen nützlich sein könnten. Auf die Fragen der Zuhörer, was der Einzelne für größere Artenvielfalt tun könne, empfahl sie, gerade für die Honigbienen als ursprüngliche Waldbewohner Pollen und Nektar spendende Sträucher und Bäume zu pflanzen. In Hausgärten könnten zum Beispiel Kornelkirschen gepflanzt werden, statt der »ökologisch toten« Forsythien, die zur gleichen Zeit in gleicher Farbe blühen. Bei der Bepflanzung – auch von Balkonkästen – plädierte sie dafür, auch an die Bienen zu denken und zum Beispiel Kapuzinerkresse, Lavendel, Wandelröschen, Margeriten oder Löwenmäulchen zu bevorzugen.

Im Anschluss hielt Diplombiologe Stefan Kattari einen Vortrag zum Thema »Almen im Achental – artenreich und schützenswert«. Er zeigte anhand von Bildern, wie zum Teil das Wiesensterben in der Region schon weit fortgeschritten ist. Wichtig sei es, zu »schützen, was da ist« und nicht auf eine »Artenvielfalt aus zweiter Hand« zu vertrauen. gi