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70 Corona-Förderprogramme im Landkreis

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Dr. Birgit Seeholzer, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungs GmbH des Landkreises, sagt, dass die von der Bundesregierung bereit gestellten Mittel derzeit »bei Weitem nicht ausgeschöpft« werden. Foto: Michael Namberger

Traunstein – Nicht weniger als 70 Förderprogramme stehen den Betrieben im Landkreis Traunstein in Corona-Zeiten nach Angaben von Dr. Birgit Seeholzer, der Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungs GmbH des Landkreises, zur Verfügung. Im Interview mit dem Traunsteiner Tagblatt betont sie: »Wir empfehlen den Unternehmen, die Hilfsangebote in Zusammenhang mit den Corona-bedingten Ertragsrückgängen auf jeden Fall in Anspruch zu nehmen.«


Immer wieder hört man, dass Fördergeld, das die öffentliche Hand zur Verfügung stellt, nicht in Anspruch genommen wird. Wie läuft das Abrufen der Unterstützung durch die Betriebe im Landkreis Traunstein? Welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Monaten gesammelt?

Im Vergleich zu den Sofortmaßnahmen, die von vielen Unternehmen im Frühjahr sehr schnell beantragt wurden, werden die derzeit von der Bundesregierung bereit gestellten Mittel zur Überbrückungshilfe II, die bis Ende diesen Jahres noch beantragt werden können, bei Weitem nicht ausgeschöpft.

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Allerdings hat sich hier das Antragsverfahren geändert. Während die Soforthilfe von jedem Unternehmen selbst beantragt werden konnte, sind diese Überbrückungshilfen durch »prüfende Dritte«, also durch Steuerberater beziehungsweise Steuerbevollmächtigte, Wirtschaftsprüfer, vereidigte Buchprüfer oder Rechtsanwälte zu beantragen.

Ich erwarte jedoch, dass hier auch aus der Region noch einige Anträge eingereicht werden, da aufgrund des intensiven Arbeitsanfalls bei diesen Berufsfeldern die Anträge abgearbeitet werden müssen.

Auch die Gelder der Novemberhilfe für alle von den angeordneten Schließungen direkt oder indirekt betroffenen Unternehmen stehen jetzt zum Abruf bereit, die Antragstellung ist seit Mittwoch möglich.

Stichwort Novemberhilfe. Wie ist das Echo im Landkreis Traunstein auf dieses Angebot, den Betrieben unter die Arme zu greifen?

Die Nachfragen der Unternehmen erreichen die Wirtschaftsförderung schon seit der Bekanntgabe Ende Oktober, aktuell bekommen wir nun auch bereits Anfragen zur Weiterführung dieser Novemberhilfen als Dezemberhilfen. Eine Besonderheit ist die Antragstellung für Soloselbstständige, die nicht mehr als 5000 Euro Förderung beantragen. Diese Antragstellung kann online über ein Elster-Zertifikat über das Elster-System der Finanzämter beantragt werden. Hier braucht es dann keinen »prüfenden Dritten«.

Wichtig zu wissen ist auch, dass von der Novemberhilfe auch gewerblich tätige Vereine und sonstige Einrichtungen, die schließen mussten, profitieren können. Und die Novemberhilfe sieht eine am Umsatz orientierte Kostenerstattung vor, die Überbrückungshilfe berücksichtigt dagegen nur die Anrechnung von erstattungsfähigen Fixkosten.

Wir gehen davon aus, dass viele Unternehmen in der Region hier einen Antrag stellen werden. Damit die Hilfen trotz der zeitlichen Verzögerung bei der bundesweiten Programmierung der Antragsplattform möglichst zeitnah ankommen, sollen bis zu 50 Prozent, maximal aber 10 000 Euro als erste Abschlagszahlung zeitnah ausgezahlt werden.

Welche Möglichkeiten der Förderung, die der Bund anbietet, bestehen für die Betriebe im Landkreis Traunstein, die durch die Corona-Krise Schaden erlitten haben beziehungsweise erleiden?

Derzeit listet die Förderdatenbank des Bundeswirtschaftsministeriums 70 Corona-Förderprogramme für Bayern auf, von besonders aufgelegten Kreditfinanzierungen über die Landesförderbank (LfA) Bayern bis hin zu den Überbrückungs- und Novemberhilfen. Da immer den aktuellen Überblick zu behalten, ist gar nicht so einfach, daher bietet die Wirtschaftsförderung auch an, die Unternehmen bei speziellen Anfragen zu unterstützen.

Wie unterstützt der Freistaat Bayern die von der Krise gebeutelten Unternehmen im Landkreis Traunstein?

Bei diesen 70 Programmen sind auch die zusätzlichen Hilfen des Freistaats mit aufgelistet: Die Bayerische Oktober-Lockdown-Hilfe wurde am 26. November vom Bayerischen Ministerrat beschlossen. Sie ergänzt die Novemberhilfen für die Landkreise BGL, Rottal Inn und die Städte Augsburg und Rosenheim, bei denen der Lockdown schon im Oktober begonnen hat. Eine wichtige Hilfe sind aber auch die Förderkredite der LfA – mit einer erhöhten Risiko-Übernahme für die gewährten Kredite und für Unternehmen, die trotz hoher Innovationskraft derzeit große Einbrüche bei der Auftragslage erleben.

Und wie greift der Landkreis den Betrieben unter die Arme?

Der Landkreis Traunstein hat keine mit Geldflüssen an Unternehmen bestückten Förderprogramme, aber zum Beispiel über die Einrichtung eines zweiten Testzentrums hat er die Testkapazitäten auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Unternehmen stark erhöht. Die Zusammenarbeit bei der Beschaffung von Schutzausrüstungen im Frühjahr mit vielen Unternehmen aus dem Landkreis hat zu einem engen Kooperationsnetzwerk auch der Unternehmen untereinander beigetragen.

Die Wirtschaftsförderung ist laufend im Informationsaustausch mit den Innungen und Kammern, die Beratungshotline der Wifö für Unternehmen ist täglich mit mehreren Mitarbeiten zeitgleich besetzt. Wir recherchieren für Unternehmen auch bei der Ausarbeitung spezifischer Hygiene-Konzepte, was zum Beispiel für Baustellenbereiche mit vielen Fachunternehmern in der Praxis nicht ganz einfach ist, und begleiten eine Vielzahl von Unternehmen bei der Förderantragsstellung – oder auch bei der richtigen Rückzahlung von Soforthilfen, weil ja zum Antragszeitpunkt oft nur schwer die tatsächlichen Ausfälle abzusehen waren.

Was müssen die Chefs in den Betrieben unternehmen, um Unterstützung zu bekommen? Wie lautet das Procedere?

Die Unternehmen, die die Überbrückungshilfen in Anspruch nehmen, sind bei ihrem Steuerberater et cetera in der Regel gut beraten und die Antragstellung läuft über diese. Die Kreishandwerkerschaft Traunstein mit dem Büro in Mühlwiesen und die Industrie- und Handelskammer (IHK) mit der Geschäftsstelle Rosenheim beraten die Mitgliedsunternehmen bei vielen Fragen. Und natürlich steht die Hotline der Wirtschaftsförderung unter 0861/58-7100 von Montag bis Donnerstag von 8 bis17 Uhr und am Freitag bis12 Uhr für alle Fragen zur Verfügung.

Was empfehlen Sie den Unternehmern?

Wir empfehlen den Unternehmern, die Hilfsangebote in Zusammenhang mit den Corona-bedingten Ertragsrückgängen auf jeden Fall in Anspruch zu nehmen, aber gerade auch bei der Beantragung von Krediten stets die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens im Auge zu behalten. Bitte nicht vor der Antragstellung scheuen, eine korrekte Abwicklung hilft über sinnvoll eingesetzte Fördermittel letztlich allen. Die Steuerberater und Wirtschaftsprüfer erleben wir als überaus engagiert, bitte bei Bedarf stets Hilfe holen und gerne noch einmal nachfragen.

Gernot Pültz

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