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47-Jähriger muss für zwölf Jahre ins Gefängnis

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Traunstein. Zwei Schüler aus Inzell und Siegsdorf fuhren im Juli 2012 noch kurz auf ihren gewohnten Raucherplatz, ehe sie sich ihre Prüfungsnoten für den Hauptschulabschluss in Traunstein abholen wollten. Ihre Noten erfuhren sie erst am Folgetag – der Grund: Sie hatten am Raucherplatz im Wald bei Wimpasing eine weibliche Leiche entdeckt. Den drei Tage später in Rom gefassten Täter, einen 47-jährigen Österreicher mit türkischen Wurzeln, verurteilte das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs gestern wegen Totschlags zu zwölf Jahren Haft.


Zwei Schüler fanden die Leiche

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Die Getötete war die 35-jährige rumänische Lebensgefährtin des Angeklagten, mit der er seit acht Jahren in Kaltenbach im österreichischen Zillertal lebte. Sie wollte ihn wegen ihres neuen rumänischen Freundes (30) verlassen.

Die Obduktion der Frau ergab 17 Messerstiche in Hals, Rumpf und Arme, informierte Dr. Oliver Peschel, Privatdozent am Institut für Rechtsmedizin an der Universität München. Von den sechs Stichen in die Lunge durchtrennten drei jeweils komplett einen Lungenflügel. Neben den vielen Messerverletzungen fanden sich Spuren von stumpfer Gewalt in der Halsgegend.

Die 35-Jährige führte – folgt man der verlesenen Aussage ihres neuen Freundes – ein Doppelleben. Ihm erzählte sie, sie habe sich von ihrem bisherigen Lebensgefährten, dem Angeklagten, getrennt. Er wohne jetzt in Wörgl und lasse sie in Ruhe. Tatsächlich lebten die 35-Jährige und der spätere Täter noch immer in Kaltenbach.

Der Angeklagte leugnete in dem Prozess jegliche Tätlichkeiten gegen die Rumänin, während der neue Freund behauptete, bei dem Angeklagten sei es der 35-Jährigen »schlecht gegangen«. Er habe sie geschlagen. Widersprüchlich waren die Angaben beider Männer, wer was wusste. Der 47-Jährige wollte erst am Tatabend während des Streits von der neuen Beziehung erfahren haben. Der Trucker lernte den Angeklagten schon vorher als »Ex« kennen, der die führerscheinlose 35-Jährige zu zwei Treffen nach Rosenheim und St. Pölten chauffierte.

Die Frau und ihr neuer Freund hatten sich zufällig auf einer Busreise von Rumänien nach Deutschland kennengelernt, machten im April vergangenen Jahres zusammen zwei Wochen Urlaub in Rumänien. Der Lkw-Fahrer betonte bei seiner Vernehmung durch die Polizei: »Wir hatten gemeinsame Ziele und Pläne.« Beim letzten Telefonat kündigte die 35-Jährige dem Lkw-Fahrer einen Besuch an seinem Standplatz im oberösterreichischen St. Valentin an. Diese Fahrt mit dem Angeklagten zu dem Kontrahenten endete für sie tödlich.

Rumäne verlor die Beherrschung

Der 47-Jährige verfuhr sich auf dem Weg nach St. Valentin nahe Traunstein. Ein Streit entbrannte. Als er auch noch von dem neuen Mann hörte, verlor er nach seinen Worten die Beherrschung. Er habe der Frau, die auf ihn mit einem im Auto liegenden Küchenmesser losging, das Messer entwunden und zugestochen. Dann wisse er nichts mehr. Töten wollte er die Frau angeblich nicht. Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Bela Serly aus Kirchheim, bezeichnete den Angeklagten als voll schuldfähig, verneinte ein Affektdelikt. Die »ausgestanzte Erinnerungslücke« zum Kerngeschehen sei nicht glaubhaft.

Die Anklage lautete auf Mord aus niederen Beweggründen. Staatsanwalt Andreas Miller sah jedoch – wie später das Gericht auch im Urteil – durch die Beweisaufnahme kein Mordmerkmal erwiesen. Er sprach von »einer extremen Gewalthandlung« mit Tötungsvorsatz und forderte wegen Totschlags 13 Jahre Freiheitsstrafe. Die Einlassung des teilgeständigen 47-Jährigen, erst kurz vor der Tat von dem neuen Freund erfahren zu haben, sei nicht zu widerlegen. Hintergrund der Tat sei ein »Motivbündel aus Eifersucht, gekränkter Ehre, verletztem Stolz und affektiver Aufstauung«.

Nebenklagevertreter Hans Sachse aus Rosenheim, der die Tochter und die Eltern des Opfers vertrat, schloss sich diesen Aussagen an. Die 35-Jährige habe »keine Chance gehabt«.

Auf das Doppelleben der Getöteten ging Verteidiger Harald Baumgärtl aus Bernau ein. Die Frau habe mit seinem Mandanten gespielt. Tatsächlich habe der 47-Jährige die Wahrheit erst in Wimpasing erfahren. Das sei rechtlich eine »schwere Beleidigung«, die zu einem minderschweren Fall des Totschlags führe. Eine Haftstrafe von nicht mehr als sieben Jahren sei angemessen. Der Angeklagte weinte zwischendurch kurz und entschuldigte sich im »letzten Wort«, auch bei der »Menschlichkeit«.

Vorsitzender Richter Erich Fuchs begründete, die Frau habe sich einem anderen Mann zugewandt. Das Gericht gehe davon aus, dass der Angeklagte bis zum Tattag nichts von dem neuen Liebhaber gewusst habe, es ihm von der Frau aber während der Fahrt gesagt wurde. Deshalb habe man schon im Auto gestritten. Die 35-Jährige habe den 47-Jährigen nicht ernsthaft angegriffen. Die folgende Attacke des Mannes sei nicht gerechtfertigt gewesen. Der Täter habe einen direkten Tötungsvorsatz besessen: »Er wollte sein Opfer töten.«

Urteil ist noch nicht rechtskräftig

Wie Verteidiger Harald Baumgärtl sehe die Kammer ein Motivbündel. »Letzten Endes ist er in seinem männlichen Selbstverständnis verletzt worden«, betonte Fuchs. Ein minderschwerer Fall scheide aus, fehlten doch unter anderem die Merkmale einer Affekttat. Der 47-Jährige habe »mit absolutem Vernichtungswillen gehandelt«. Ob das Urteil per Revision angefochten wird, dazu legte sich der Verteidiger nicht fest: »Wir werden das überprüfen.« kd