weather-image
15°

400 Jahre Werte-Hüter und Gemeinschafts-Stifter

4.5
4.5
Bildtext einblenden
Dicht gedrängt standen die etwa 1600 Festzugsteilnehmer beim Gottesdienst am Marktplatz. (Fotos: Mergenthal)

Teisendorf – »Ich möchte, dass das ein Familienfest der Gemeinde wird«, hatte Schützenmeister Dr. Johann Seibert vor der 400-Jahr-Feier der Königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft Teisendorf erklärt. Sie kamen zahlreich zum großen Festtag, die Vereine aus der gesamten Marktgemeinde Teisendorf, aber auch Schützen aus der ganzen Region. Im Festgottesdienst auf dem Marktplatz hob Pfarrer Martin Klein die Bedeutung der Schützen zum Schutz von Werten wie Gemeinschaft und Zusammenhalt hervor.


»Die letzten Tage waren bezüglich der Wetterprognosen ein bisserl qualvoll«, gestand Dr. Seibert. Da sei es gut, wenn man Apotheker ist und auch die Schublade mit den Beruhigungspillen findet. Doch Petrus war gnädig und verschloss die Wolkenschleusen.

Anzeige

Mit Pfarrer Klein, der eigens seinen Urlaub verschoben hatte, konzelebrierten am mit Blumen liebevoll geschmückten Freialtar Geistlicher Rat Horst Kreß und Pater Hans Bauer, selbst ein begeisterter Böllerschütze. Feuerschützen fungierten als Lektoren, und die Musikkapelle Teisendorf schuf mit der Schubert-Messe, Cohens »Hallelujah«, Variationen zu »Gelobt sei Gott im höchsten Thron« und anderen Stücken eine andächtige Stimmung. Etliche hundert Besucher feierten, auch auf die angrenzenden Straßen verteilt, mit und bewunderten danach den Festzug.

Als Lesung hatte Pfarrer Klein eine unbekannte, passende Stelle aus dem Buch Nehemia ausgewählt. Nehemia sorgte dafür, dass nach dem Babylonischen Exil die zerstörten Stadtmauern von Jerusalem wieder aufgebaut wurden, und zwar durch tatkräftige Unterstützung von Schützen.

Das Wort »Schütze« leite sich von »Schutz« her, erläuterte Klein in der Predigt. Im Mittelalter seien die Schützen eine Art Bürgerwehr gewesen, die ohne Bezahlung, aus Sorge um das Wohl der Allgemeinheit, Mauern und Stadttore bewacht habe. Heute gelte es anderes zu schützen: Werte wie Brauchtum und Tradition, ein »heilsames Gegengewicht gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit«, sowie Gemeinschaft und Zusammenhalt, der auch in den Dörfern heute verloren gehe. Dazu gehöre auch Freigebigkeit und ehrenamtliches Engagement.

Andere Werte leiteten sich aus dem Schießsport an sich ab, wie die Zielfokussierung. Auch die erforderliche Vorsicht beim Umgang mit der Waffe übertrug der Prediger mit Werten wie Rücksichtnahme und Achtsamkeit auf das Leben. Abschließend erbat Klein wie bei Nehemias Schützen den Segen Gottes für die Feuerschützen, damit diese die Kraft haben, sich auch künftig für alles Schützenswerte einzusetzen.

Danach segnete der Priester das Fahnenband, das die Familien Wieninger und Dlugi als Symbol ihrer jahrzehntelangen Verbundenheit den Schützen zum Jubiläum schenkten. Marisa Dlugi, Schwester von Max Wieninger, des letzten von vier Schützenmeistern aus dem Hause Wieninger, steckte das Band an die Fahne. Sie brachte ihre Freude über diese »große Ehre« zum Ausdruck.

Nach der Messe zeigte Bürgermeister Thomas Gasser auf, dass der Jubelverein alles andere als ein »ganz normaler Verein« sei. Viele Gegensätze hätten seine Geschichte geprägt, wie einerseits die Konfrontation mit Eindringlingen, andererseits grenzübergreifende Schützen-Begegnungen, einerseits der sportliche Ehrgeiz des Einzelnen, andererseits die Harmonie im Miteinander. Die einzelnen Schützenmeister hätten die notwendigen Entwicklungen angepackt und das Erbe bewahrt. In drei Jahren könnten die Feuerschützen, die nach neuesten Recherchen viel älter als 400 Jahre sind, sogar ihr 475-Jähriges feiern.

Landrat Georg Grabner würdigte den Beitrag zum Kulturleben im Landkreis und hatte wie Gasser ein Geldgeschenk dabei. Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber überbrachte die Grüße des Landtags. »Es ist nicht nur ein Rückblick, sondern ein festliches Begehen der andauernden Gemeinschaft«, sagte sie. Gauschützenmeister Anton Stutz übergab Seibert einen Zwei-Liter-Ehrenhumpen und eine Erinnerungsscheibe des Bayerischen Sportschützenbunds. Als Friedenssymbol ließen Geri Lindner und Marisa Dlugi vor der Bayernhymne Brieftauben fliegen.

Farbenprächtiger Festzug

Danach schlängelte sich der aus vier Einzelzügen bestehende Festzug durch die Ortschaft – mit farbenprächtigen Fahnen und Trachten, vielen stolzen Schützen, Musikkapellen und schmucken Motivwagen. Auf der Wiese beim Kreisverkehr schossen die Böllerschützen einen Ehrensalut. In der Marktstraße schenkte Franz Höglauer mit seinem Sohn Hubert jedem Verein eine Drei-Liter-Jubiläumsabfüllung der 350 Jahre Braukultur feiernden Brauerei Wieninger. vm