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31 000 Bäume auf 25 Hektar werden erfasst

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Ralf Moshammer bei seiner Kartierungsarbeit im Traunsteiner Stadtwald bei Froschham. Arbeitsgerät ist ein Tachymeter, ähnlich einem Theodolit. Das Gerät kann allerdings auch Entfernungen messen.

Traunstein – Ein Projekt, das in dieser Art und Größe wohl einmalig in Deutschland ist, wird derzeit im Traunsteiner Stadtwald in Froschham verwirklicht. Auf einem 25 Hektar großen zusammenhängenden Waldstück des Forstes werden 31 000 Bäume vermessen und kartiert. Der betreffende Bereich ist Teil eines weltumspannenden Projektes, das mehrere Forschungsziele verfolgt.


Die Datenerhebung leitet der Diplomforstwirt Ralf Moshammer. Er arbeitet im Auftrag des Lehrstuhls für Waldwachstumskunde an der Technischen Universität (TU) Weihenstephan und des Instituts für Hochfrequenztechnik und Radarsystem des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR) in Oberpfaffenhofen. Daneben ist auch das Umweltforschungszentrum in Leipzig/Hemholtz an dem Vorhaben beteiligt. Bis zu zehn Studierende, vorwiegend Forstabsolventen in Weihenstephan, haben seit Oktober rund 5000 Arbeitsstunden in das Projekt eingebracht.

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Baumart, Durchmesser und Position haben sie in zwei Messkampagnen kartiert – die erste lief von Oktober bis Dezember, die zweite begann im März und soll noch im Mai abgeschlossen werden – alle Bäume, die in 1,30 Meter Höhe, einen Durchmesser von fünf Zentimeter haben, werden vermessen und kartiert. Auf der Hälfte der Fläche wurden zusätzlich alle Bäume erfasst, die in Brusthöhe einen Durchmesser von einem bis fünf Zentimeter haben. Registriert wurden Baumart, Durchmesser und genaue Position.

Erleichtert wird dadurch die langfristige Beobachtung des Wachstums von Bäumen und größeren Waldbeständen. Von Interesse ist dabei, wie sich die Verjüngung des jeweiligen Waldstückes entwickelt und wie der Umbau von Wäldern abläuft, die jetzt noch von Fichten dominiert werden. Aus ihnen sollen mittelfristig strukturreiche Mischwälder werden. Erforscht werden soll aber auch, wie und in welchen Mengen der Wald Kohlenstoff speichert und wie sich in unterschiedlichen Waldstrukturen Tier- und Pflanzenwelt entwickeln.

Früher gab es fast nur Buchenwald

In früheren Jahrhunderten, als Mitteleuropa noch zum größeren Teil von Wald bedeckt war, hat die Buche dominiert, für die das Klima ideal ist. Erst seit der Mensch eingegriffen hat, entstanden die von Fichten dominierten Kulturwälder. »Bayern und ganz Deutschland sind ideales Waldland, weil hier von Klima, Boden und Niederschlag ideale Voraussetzungen für Bäume herrschen«, sagt Moshammer.

Die Luft- und Raumfahrttechnik entwickelt parallel zur Bestandsaufnahme im Wald in der ehemaligen Gemeinde Kammer Fernerkundungsmethoden für das Messen, Beobachten und Überwachen von Waldflächen, was man mit dem englischen Wort Monitoring überschreibt. Es geht dabei insbesondere um die Erdbeobachtung mit Hilfe von Radar, das von Satelliten aus eingesetzt werden kann. Es ist vom Wetter unabhängig, da es auch durch Wolken hindurch Daten ermitteln kann. Wenn das System funktioniert, kann man es vor allem auch in den Tropen einsetzen. »Die Wälder dort sind 90 Prozent im Jahr in Wolken. Eine Radarmessung dort wäre besonders effektiv«, erläutert der Projektleiter.

Weltweit werden Flächen in 25 Ländern erforscht. Derzeit werden 63 Flächen in 25 Ländern erfasst, davon nur drei in Europa und außer der im Landkreis Traunstein keine zweite in Deutschland. Jeder der 31 000 registrierten Bäume im Messgebiet des Stadtwaldes hat eine eindeutige Identifikationsnummer bekommen; die Messungen sollen nämlich alle fünf Jahre wiederholt werden. Der Einsatz modernster Geräte liefert exakte Daten, sodass die Positionen aller gemessenen Bäume einschließlich der Geländehöhe auf wenige Zentimeter genau erfasst sind.

Die sechsstellige Identitätsnummer ist bei den kleinen Bäumen auf einer weißen Karte aus Kunststoff, etwas größer als eine Spielkarte, notiert und wurde mit Kabelbindern am Baum befestigt. Das Material ist so wetterbeständig, dass man die Nummern auch bei der nächsten Inventur in fünf Jahren noch lesen können muss. An den etwas größeren Bäumen wurden an Kabelbindern ovale, schwarze Kunststoffplättchen befestigt. Es sind Chips, wie man sie als Diebstahlsicherungen aus Geschäften kennt.

»Bisher hat man die Nummern an die Stämme der Bäume geschrieben«, berichtet Moshammer. Das erfordere jedoch deutlich mehr Zeitaufwand als die jetzt angewendeten Verfahren. Außerdem müsste man die Schrift spätestens nach drei Jahren erneuern, weil man sonst Gefahr läuft, dass sie wegen der Wettereinflüsse unleserlich wird. Den großen Bäumen wurden Chips implantiert. »Die können mehrere Zentimeter tief einwachsen und das Lesegerät erfasst sie trotzdem«, sagt Moshammer.

Ein Projekt für die Ewigkeit?

In fünf Jahren sollen erste Veränderungen dokumentiert werden. Wie lange das Projekt läuft? Moshammer antwortet schmunzelnd: »Solange Geld da ist.« Im Steigerwald nahe Ebrach in Franken habe man vor 120 Jahren mit einer Kartierung begonnen, die noch heute fortgesetzt wird.

Den insgesamt etwa 600 Hektar großen Traunsteiner Stadtwald bezeichnet er als ideal. Er ist akademischer Lehrwald für den Lehrstuhl für Waldwachstumskunde an der Universität München. Der Artenreichtum sei hier besonders groß, denn hier gedeihen an die 30 Baumarten. Unter ihnen sind schon seit Jahrzehnten Bäume, die bei uns damals weitgehend unbekannt waren. -K.O.-

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