Bildtext einblenden
Im Disponentenraum der Integrierten Leitstelle Traunstein ILS-Geschäftsführer Josef Gschwendner (links) und ILS-Leiter Anton Groschak. (Foto: Kretzmer)

2021 hielt für die Integrierte Leitstelle Traunstein durch Corona und Unwetter enorme Herausforderungen bereit

Kleinflächige Unwetterzellen, aber mit hoher Intensität und riesigem Schadenspotenzial, stellten die Integrierte Leitstelle Traunstein (ILS), zuständig in den vier Landkreisen Altötting, Berchtesgadener Land, Mühldorf und Traunstein, im Sommer 2021 vor enorme Herausforderungen. Die Zahl der Notrufe schnellte zeitweise in bislang ungekannte Höhen. Anlässlich des bundesweiten »Tags des Notrufs 112«, der passenderweise am 11. Februar (11.2.) ist, blickten ILS-Leiter Anton Groschak und Geschäftsführer Josef Gschwendner im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt auf eine ereignisreiche Zeit zurück.


Die Zahl der täglichen Notrufe bezifferten Groschak und Geschwendner mit im Schnitt 600 Anrufen in 24 Stunden. Pro Jahr suchten circa 220 000 Menschen aus den vier Landkreisen Hilfe über den Notruf 112. In Spitzenzeiten wie dem über alle vier Landkreise verteilten Unwetter im August 2017 registrierte die ILS Traunstein aber auch schon 4000 Anrufe – innerhalb von nur drei Stunden.

Kümmern sich normalerweise tagsüber sechs Fachkräfte auf den Disponentenplätzen – nachts sind es drei – um die Anliegen der Bürger, so musste die Zahl im Unwettersommer 2021 in Arbeitsspitzen mehrmals auf bis zu 16 Annahmeplätze erhöht werden angesichts Hunderter von Notrufen binnen kürzester Zeit.

Der Bereich Waldkraiburg-Mühldorf wurde zum Beispiel schwer getroffen, ebenso der Raum Berchtesgaden mit der letztlich zerstörten Eisrodelanlage am Königssee oder das Gebiet Obing, in dem ganze Wälder dem Sturm zum Opfer fielen. Dazu Josef Gschwendner: »Wir hatten in wenigen Minuten einen Überlauf an Notrufen. Mit normalen Tages- und Wochenendbesetzungen wären sie nicht zu bewältigen gewesen. Jeder erreichbare Beschäftigte, ob in Urlaub oder Freizeit, war bereit, sich kurzfristig an einen der Notrufplätze zu setzen. Wir hatten keine Rufbereitschaften. Aber jeder, der ein Handy hatte, wurde herbeigeholt. Wir sind froh und stolz, dass alle im Ernstfall zusammenhalfen.« Auch Gschwendner selbst sprang ein, verfügt er doch über die erforderliche Feuerwehr- und Rettungsdienstausbildung für einen Notrufplatz.

»Manpower« geradenoch aufrechterhalten

Ähnliches berichtet Anton Groschak, der Leiter der ILS mit 35 Mitarbeitern im Gewerbepark Kaserne in Traunstein. Äußerst belastend sei die Häufigkeit der Unwetterereignisse mit Sturm und Hochwasser gewesen. Die »Manpower« in der Leitstelle aufrechtzuerhalten, habe sich schwierig gestaltet. Als eine der Konsequenzen habe man zwischenzeitlich das Personalverstärkungskonzept aktualisiert und zusätzlich technisch aufgerüstet, etwa mit Smartphones und Apps.

Groschak sprach von seinem Eindruck, schon bei »relativ kleinen Ereignissen« werde der Notruf 112 gewählt, um die Feuerwehr zu holen. Die Feuerwehr sei jedoch per Gesetz nur bei »tatsächlichen Gefahren« zuständig für eine Hilfeleistung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Notrufplätzen könnten Anrufende davon oft nur schwer überzeugen – insbesondere, wenn viele weitere Notrufe in der Leitung warten. Aus der Not heraus würden derartige Anrufe zwar entgegengenommen, dann jedoch an die örtlichen Feuerwehren weitergeleitet. Anton Groschak erläuterte das weitere Vorgehen: »Sie sammeln die Einsätze und priorisieren die Abarbeitung. Entscheidend sind die Wichtigkeitsstufe und die vorhandenen Einsatzkräfte.« Nach dem Sturmereignis in Obing habe die ILS den dortigen Einsatzkräften etwa 100 Einsätze überspielt, konkretisierte der ILS-Chef.

Aus den Erfahrungen des Sommers 2021 heraus startete die ILS Traunstein nach Gschwendner und Groschak das Projekt einer einheitlichen »Feuerwehr-App«, die sich jeder Feuerwehrler auf sein Handy laden könne. Jede Wehr entscheide selbst, wem sie welche Berechtigung erteile. Gleichzeitig sei die Feuerwehr-App ein »Ersatzalarmierungssystem«, falls beispielsweise Pager ausfallen. Groschak sprach von »einem Meilenstein in Punkto schnelle Alarmierung« – sowohl für die Feuerwehr als auch für den Rettungsdienst. Mittlerweile seien in 105 Kommunen in den vier Landkreisen mehr als 10 000 Feuerwehrkräfte von 230 Wehren am Netz.

Neben der Feuerwehralarmierung koordiniert die ILS Traunstein sämtliche Rettungsdiensteinsätze in der Region. Jede Meldung über den seit Juni 2010 einheitlichen Notruf »112« läuft bei einem der Disponenten ein. Der oder die Diensthabende, alle fachlich entsprechend geschult, entscheiden sofort am Telefon, was zu tun ist. Manchmal leisten sie direkte Hilfe, um Menschenleben zu retten. So leiten sie Anrufer in Akutfällen an, wie sie die Zeit bis zum Eintreffen professioneller Hilfe wie Rettungssanitäter und/oder Notarzt aktiv überbrücken können.

»Telefonreanimation« rettete mehrfach Leben

Ein Stichwort ist die »Telefonreanimation«. Dazu Geschäftsführer Josef Gschwendner: »Schritt für Schritt informieren wir, wie eine Herzdruckmassage und eine Mund-zu-Mund-Beatmung vorgenommen werden. Jede Minute zählt.« Schon zahlreiche Herzpatienten hätten auf diese Weise überlebt.

Mindestens zehnmal pro Monat seien im Durchschnitt Anleitungen zur Ersten Hilfe via Telefon gefragt – bis hin zur richtigen Lagerung oder Ratschlägen bei Verbrühungen. Manches Leben habe nicht mehr gerettet werden können, erinnerte sich Josef Gschwendner. Dennoch hätten sich die Anrufer von der Leitstelle gut betreut gefühlt: »Die Ersthelfer hatten das Gefühl, alles unternommen zu haben, was nur möglich war.«

kd

Mehr aus der Stadt Traunstein