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1968 Stromkosten bar kassiert

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Seit 50 Jahren führt Ulrich Freiherr von Ribaupierre das E-Werk Gränzmühle in Marquartstein. (Foto: Giesen)

Marquartstein – Seit 50 Jahren besitzt Ulrich Freiherr von Ribaupierre das Elektrizitätswerk Gränzmühle, das inzwischen seit über 120 Jahren einen Großteil von Marquartstein mit Strom versorgt.


Die Geschichte der Gränzmühle als Mahl- und Sägemühle neben dem Wehr an der Tiroler Achen geht bis ins frühe 14.  Jahrhundert zurück. Der Name stammt von Kranz, was altbairisch Hirse bedeutet, also Hirsemühle.

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Im Häuserbuch der Gemeinde Marquartstein sind alle Besitzer seit 1534 namentlich erfasst. Familie Hell erwarb das Anwesen 1806. Im Jahr 1895 errichtete Simon Hell hier im Sägewerk neben den Sägegattern einen Stromgenerator und ermöglichte eine elektrische Ortsbeleuchtung – eine große Sensation damals.

1901 erwarben Josef und Mathilde von Ribaupierre, die Großeltern des heutigen Besitzers, das Anwesen mit 22,59 Hektar Grund auch in Grassau und Unterwössen. Der Gutshof mit landwirtschaftlichem Betrieb sowie die Mühle wurden Ende der 1930-er Jahre verpachtet. Der Sohn, Dr. Karl Rüdiger Freiherr von Ribaupierre, erster Bürgermeister in Marquartstein nach Gründung der Gemeinde 1938, erbaute von 1942 bis 1944 ein neues, leistungsstärkeres E-Werk 200 Meter weiter flussabwärts am Mühlkanal. Bei vier Metern Gefälle konnte die Turbine nun 400 kW (Kilowatt) Leistung mit einer Jahresarbeit von rund 3 Millionen kWh (Kilowattstunden) erzielen.

1945, einen Tag nach dem Einmarsch der Amerikaner in Marquartstein, wurde Karl Rüdiger von Ribaupierre von einem amerikanischen Soldaten hinterrücks erschossen. Witwe Elisabeth führte die Gränzmühle als Vorerbin weiter, bis Sohn Ulrich 1968 kurz vor dem ersten Staatsexamen in Jura den Betrieb weiterführen konnte.

Damals waren im E-Werk ein Elektromeister und vier weitere Elektromonteure beschäftigt. Das E-Werk war wegen der notwendigen Dienstbereitschaft für die lokale Stromversorgung ganzjährig rund um die Uhr besetzt. Damit konnte es – zu Zeiten, in denen es noch keinen Funkalarm gab – auch der Gemeinde als Feuermeldestelle dienen. Mit dem Dienstrad fuhren die Mitarbeiter zu den etwa 1000 Messstellen in rund 500 Haushalten, um Strom abzulesen und die Kosten monatlich bar abzukassieren. Auch der Lohn für die Beschäftigten wurde noch bar ausbezahlt, erinnert sich Ulrich von Ribaupierre.

Erst Mitte der 1980-er Jahre erweiterte er das E-Werk um einen weiteren Turbinensatz mit einer Leistung von 500 kW und kam so auf eine Jahresleistung von rund 5 500 000 kWh. Im weiteren Verlauf wurde dann das gesamte Ortsnetz verkabelt und die Moderne hielt Einzug.

Zum Jahresende 1999 verkaufte Ribaupierre das Stromnetz der Gränzmühle an die Isar-Amper-Werke, da er für die kleinen E-Werke keine Zukunft mehr sah. Nach wie vor ist er jedoch für die reibungslosen technischen Betriebsabläufe verantwortlich. Gutsverwaltung und E-Werk wurden 2015 in jeweils eigene Kommanditgesellschaften eingebracht, deren erster Vorsitzender in der Geschäftsführung Ribaupierre ist.

Neben der Arbeit in der Gränzmühle war er seit 1971 auch als Rechtsanwalt in Traunstein tätig, 36 Jahre Gemeinderat in Marquartstein und ist auch heute noch aktives Mitglied in verschiedenen Fachverbänden. Mit einem festlichen Stehempfang im Gutshof für Vertreter der Gemeinde, frühere Mitarbeiter und Freunde begingen Ulrich von Ribaupierre und seine Familie das Jubiläum. gi

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