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Wie viel Handarbeit nötig ist, um einen originalen Fingerhakler-Ring herzustellen, zeigt Luggi Perschl aus Waging dem Traunsteiner Tagblatt. Die Requisiten waren jahrelang bei großen Meisterschaften im Einsatz. (Foto: Schick)

Requisiten für eine urbayerische Sportart: So entsteht ein Fingerhakl-Ring

Waging am See – Über viele Jahre hinweg war er so etwas wie der »Herr der Ringe«: der Waginger Ludwig »Luggi« Perschl. Allerdings nicht als Darsteller in J.R.R. Tolkiens verfilmter Bestseller-Trilogie. Den Beinamen brachte ihm vielmehr sein ungewöhnliches Hobby ein, das mit der urbayerischen Form des Kräftemessens zu tun hat: Luggi Perschl fertigte früher in seiner Freizeit Fingerhakler-Ringe aus Leder an.


Damals, in den 80er und 90er Jahren, als er den Brauchtumssport noch selbst ausübte, hielten die gebräuchlichen Ringe nicht immer das, was sie versprachen – nämlich den immensen Zugkräften bis zu acht Zentnern standzuhalten. Außerdem waren sie seiner Meinung nach zu klobig und verdrehten sich leicht. Das ärgerte den Luggi und so kam er auf die Idee, die Sache buchstäblich selbst in die Hand zu nehmen.

Allerdings musste der gelernte Nähmaschinenkaufmann bei der Herstellung der wichtigen Utensilien gänzlich auf technische Hilfe verzichten. Rückblickend gelohnt hat sich der Aufwand auf alle Fälle. Auf seine Ringe »Made in Waging« schwörten bald Fingerhakler von Garmisch bis Aschaffenburg, von Tirol bis ins Innviertel. Und selbst namhafte Firmen und Konzerne orderten größere Mengen für ihre Events und zur Kundenbindung.

Nebenbei landeten die mit Leder ummantelten Requisiten als Dankeschön auf den Schreibtischen bayerischer Ministerpräsidenten wie Franz-Josef Strauß oder Max Streibl dafür, dass sie die Schirmherrschaft über große Meisterschaften übernahmen, die der Perfektionist Perschl als Hakler-Obmann des Chiemgauer Ranggler- und Haklervereins organisierte.

Eigens für unsere Zeitung hat er sich einen Abend Zeit genommen und von A bis Z gezeigt, wie so ein Ring entsteht. Immerhin dauert es etwa eine Dreiviertelstunde, bis alle Arbeitsschritte erledigt sind. Wir haben ihm dabei über die Schulter geschaut. Viel ist es nicht, was er dafür braucht: ein gläsernes Bierkrügerl, Sattlergarn, Bindfaden, Lederstreifen, Schere, Zange… aus. Dafür Geduld und Geschick. Zuerst wickelt Perschl das reißfeste Sattlergarn in zwanzig Windungen um den Hals des Bierkrügerls und umwickelt diesen Bund zur Festigung mit Bindfaden fein säuberlich, um die vorgeschriebenen Maße zu erreichen.

Den Statuten des Landesverbands Bayerischer Fingerhakler zufolge (Perschl ist dort schon seit 30 Jahren Ehrenmitglied) darf der Lederriemen nicht länger als zehn Zentimeter sein und muss einen Durchmesser von acht bis zehn Millimeter haben. Alles Erfahrungssache, wie er schmunzelnd beifügt. Dann geht es an die Außenhülle. Den zurecht geschnittenen Lederstreifen drapiert er mit geschickten Fingern um den Rohling. Um unnötige Druckstellen zu vermeiden, bekam die Innenseite des Leders nochmals eine dünne Lederschicht eingeklebt. Das Zusammennähen erfolgt mit etwa 80 Nadelstichen, die nur wenige Millimeter auseinander liegen.

Zum Schluss kommt der Ring noch unter den Hammer, denn das überlappende Material sollte nach Möglichkeit nicht allzu stark auftragen – fertig. In den ersten Jahren seines Hobbys verwendete der Luggi wunderbar weiches, geschmeidiges Hundeleder, das er extra aus England bezog. Als aber die britischen Tierschützer ein Gesetzerwirkten, versiegte diese Bezugsquelle schnell. Danach behalf er sich zwangsläufig mit Lederresten aus der Automobilindustrie. Hilft ja nix. Wie viele solcher Ringe im Verlauf seiner aktiven Haklerzeit durch seine Hände gegangen sind?

»Oh mei, gezählt hab ich sie nicht, aber ein paar Tausend werden es bestimmt gewesen sein,« denkt Luggi Perschl aus Waging am See zurück, der auch hin und wieder auf die Mithilfe seiner Frau Maria zählen konnte. Denn die Nähmaschinen, die er verkaufte, waren als Hilfsmittel für sein ungewöhnliches und einzigartiges Hobby ungeeignet.

ls

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