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»An jedem Eck gibt's a Gaudi« – an neun riesigen Schautafeln werden 29 Filme mit Karl Valentin im Waginger Kurpark vorgestellt. (Foto: Sojer)

»Nieder mit dem Verstand - es lebe der Blödsinn!« – Ausstellung über »Karl Valentins Filme« im Kurpark zu sehen

Waging am See – Eine »urkomische« Ausstellung im Kurpark organisierte das Team der Waginger Touristik-Info: »Karl Valentins Filme« zieren derzeit den Kurpark. Leiterin Eva Bernauer: »Wir wollen mit der Ausstellung den verloren gegangenen Humor der letzten zwei Jahre wieder herstellen, und dass die Leute wieder mehr lachen!«


Wer bisher noch nichts von ihm gehört hat, kann sich jetzt buchstäblich ein Bild machen über den skurril-philosophischen Komiker, Stückeschreiber, Schauspieler, Filmemacher oder kurz: das Universalgenie Karl Valentin. Er hielt dem Volk mit groteskem Unsinn einen Narrenspiegel vor. Ein Sonderling, der ums Eck dachte und bekannt war als »Skelettgiggerl«, dessen dummschlaue Sprüche immer noch Gültigkeit haben.

»Mir gefällt Valentin so gut, weil er immer so viel Schmarrn erzählt. Das ist auch der Brauch bei uns in Waging!« scherzte Bürgermeister Baderhuber bei der Ausstellungseröffnung. Zusammen mit Wonnebergs Bürgermeister Martin Fenninger begleitete er die Eröffnung musikalisch.

Neun riesige Schautafeln, jede Seite mit fünf Bildern aus 29 Filmen bestückt, wie aus »Die Hochzeit«, »Der blutige Witz«, »Die karierte Weste«, »Es knallt«, »Im Photoatelier« oder »Mysterien eines Frisiersalons« – an jedem Eck gibt's a Gaudi.

Kulturmanager Peter Syr schuf 2018 mit dem »Valentin-Karlstadt-Musäum« München die vergnügliche Ausstellung. Den Löwenanteil der Kosten übernahm die »Saubande«, ein Valentin-Karlstadt-Förderverein, der 2012 zur ideellen und finanziellen Förderung des »Musäums« gegründet wurde.

Ausstellungen im öffentlichen Raum sind Syrs Spezialität: »Ich liebe es, wenn alle Menschen ungezwungen Kultur im Freien erleben können, die rund um die Uhr geöffnet ist.« Die Bilder hatte Syr selbst von den alten Filme abfotografiert.

»Musäums«-Leiterin Sabine Rinberger sprach über die kuriose Laufbahn Valentins und seiner Filme. Seinen ersten Streifen »Karl Valentins Hochzeit« drehte er 1912 in seinem eigens dafür eingerichteten Filmstudio. Weit mehr als 50 Filme produzierte er, einige davon sind bis heute verschollen.

Am 4. Juni 1882 wurde Valentin Ludwig Fey geboren. Das Sonntagskind mit roten Haaren, strahlend blauen Augen und wildem Humor gefährdete beim »Messern« manchen Kameraden. Seine Schulzeit betrachtete er als siebenjährige »Zuchthausstrafe«, denn hier erlebte er schwarze Pädagogik, die aus Angst und Gewalt bestand.

Mit 15 Jahren machte eine Schreinerlehre und arbeitete dann einige Jahre als Geselle. 1902 besuchte er die Varietéschule des Komikers Hermann Strebel und bekam ein Engagement im Varieté Zeughaus in Nürnberg. Hier trat er das erste Mal unter seinem Künstlernamen »Karl Valentin« auf. Die gerade erst begonnene Karriere wurde durch den Tod des Vaters zunächst beendet. Er übernahm die Spedition des Vaters »Falk & Fey«, scheiterte aber, und die Firma wurde verkauft. Valentin zog mit seiner Mutter in deren Heimatstadt Zittau, hatte dort auch kein Glück, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Unter dem Pseudonym »Charles Fey« zog er mit seinem Musikapparat erfolglos durch verschiedene Städte. Fast mittellos kehrte er nach München zurück, hielt sich als Zitherspieler und Komiker nur mühsam über Wasser. Der Münchner Wirt und Künstler Ludwig Greiner, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, brachte Valentin auf die Idee, seine hagere Gestalt als »Skelettgiggerl« auf der Bühne einzusetzen. Und es klappte: Mit 25 Jahren kam endlich sein Durchbruch mit dem skurrilen Monolog »Das Aquarium«. Die Kleinkunstbühne im Frankfurter Hof engagierte Valentin und er wurde über Nacht berühmt.

1911 lernte er dort Elisabeth Velano kennen. Valentin erkannte das komische Talent der jungen Münchnerin, taufte sie um in »Liesl Karlstadt« und trat jahrzehntelang mit ihr auf.

In den 20er Jahren strömten die Schwabinger in seine Aufführungen, die Geistesgrößen seiner Zeit verehrten ihn. Die Prominenz machte Valentin allerdings Angst, er wollte nie wissen, wer alles draußen saß. Und wenn einer ihm die Hand reichte, gab Valentin gerade mal zwei Finger.

Mitte der 30er Jahre feierte er in Berlin den größten Triumph. Die Berliner waren verrückt nach ihm, Kritiker wie Publikum. Der Berliner Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky beschrieb Valentins Auftritte so: »Es ist Höllentanz der Vernunft um beide Pole des Irrsinns.« Karl Valentin war ein ausgeprägter Hypochonder, geplagt von Heimweh und panischer Reiseangst – dies verhinderte eine geplante Amerika-Tournee und somit das Gipfeltreffen mit Charlie Chaplin.

Dann kam der Krieg und Valentins Karriere endete. Nie mehr konnte er richtig Fuß fassen. Seine Pläne, eine Singspielhalle, ein Panorama mit Stereoskopbildern und ein Museum für seine umfangreiche Postkartensammlung, zerplatzten.

Sein Film »Die Erbschaft« von 1936, finster und pessimistisch, wirkte fast wie eine Vorahnung auf seine eigene Tragödie – auf die kommenden Hungerjahre. Die Nazis verboten den Film wegen den unschön gezeigten Elendsszenen, das passe nicht ins völkische Deutschland. Valentin hatte fast kein Einkommen mehr. In seiner Werkstatt stellte er Spielzeug oder Haushaltsartikel her, die er bei Bauern gegen Essen tauschte. Nach dem Krieg 1947 durfte Valentin mit Liesl Karlstadt einen Reklamefilm für die Sparkasse machen. Aber dann war Schluss mit der Filmerei.

In einem Brief an Kiem- Paul schrieb Valentin verbittert: »Ich habe meine lieben Münchner und Bayern kennengelernt – alle anderen mit Ausnahme der Eskimos und Indianer haben mehr Interesse an mir gehabt als meine Landsleute.«

Am 9. Februar 1948 starb Valentin mit 65 Jahren an einer Lungenentzündung, die er sich geholt hatte, nachdem er versehentlich im »Bunten Würfel« in der Garderobe eingeschlossen worden war.

Am Samstag, 16. Juli, werden im Rahmen des Open-Air-Kinos im Kurpark sieben Filme von Karl Valentin und Lisl Karlstadt gezeigt. Beginn ist bei Dämmerung gegen 21 Uhr.

soj

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