In Waging erlebte er endlich die Freiheit

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Salec Beldengruen (rechts) kam seit rund 25 Jahren immer wieder nach Waging, wo er sich mit Ferdinand Wiedemann anfreundete. Soweit es ihm möglich war, nahm er anlässlich seiner Besuche in Waging auch an den Gedenkfeiern in Surberg teil, wo er 2009 eine bewegende Ansprache hielt. Unser Bild zeigt ihn mit Ferdinand Wiedemann bei der KZ-Gedenkstätte Surberg.

Seit rund 25 Jahren war Salec Beldengruen fast jedes Jahr zu Besuch nach Waging gekommen, wo er am 5. Mai 1945 nach vier qualvollen Jahren in deutschen Konzentrationslagern endlich die Freiheit erlebte. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren in der Nähe von Tel Aviv verstorben.


1927 in einer jüdischen Familie in Bochnia bei Krakau geboren, erlitt er als Kind mit seinen drei Geschwistern die deutsche Besatzung 1939 und nachfolgende Zwangsarbeit, erfuhr vom Abtransport seiner Eltern und Verwandten in Vernichtungslager und wurde schließlich selbst mit seinen Brüdern in verschiedene Konzentrationslager wie Auschwitz und Flossenbürg verfrachtet. Die letzte Station war das Lager Ganacker in Niederbayern, von wo er zusammen mit etwa 300 Häftlingen angesichts der heranrückenden amerikanischen Armee im April 1945 von SS-Wachmannschaften auf einen »Todesmarsch« Richtung Südosten getrieben wurde.

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Entkräftet gestorben oder erschossen

Viele der Häftlinge starben dabei an Entkräftung oder wurden unterwegs von SS-Männern erschossen. Salec hatte »Glück«: Seine Kolonne wurde bei Altötting nicht in Richtung Trostberg und Traunstein geschickt, wo dann am 3. Mai nahe Surberg über 60 Häftlinge ermordet wurden. Die Gruppe von Salec musste Richtung Waging marschieren. An diesem 3. Mai – es schneite und war bitterkalt – hatten sie noch Unterschlupf in einem Stall bei Tittmoning gefunden, während die SS-Männer im Bauernhaus schliefen. Am nächsten Tag aber machten sich die SS-Männer schnell aus dem Staub, weil die Amerikaner schon ganz nahe waren.

Salec und seine Leidensgenossen gingen dann weiter nach Waging, wo sie elf Tage nach dem Abmarsch aus dem Lager Ganacker ankamen. Der damals 17-jährige Salec war bis auf 38 Kilogramm abgemagert, als er zusammen mit zehn anderen Häftlingen, darunter seinen Brüdern, am 5. Mai Waging erreichte, das die amerikanischen Truppen schon besetzt hatten. Dort trafen sie auf Andreas Wiedemann, der eben erst als neuer Bürgermeister eingesetzt worden war und der sich – wie manch andere Waginger auch – sehr um die Überlebenden kümmerte, ihnen Unterkunft und Lebensmittel organisierte und mithalf, dass sie allmählich wieder Lebensmut schöpfen konnten.

Keiner blieb auf Dauer

Auf Dauer aber blieb keiner der elf, meist jungen Juden; bis 1947 suchten sie in Israel oder den Vereinigten Staaten ihre neue Heimat. Salec arbeitete später in Israel bei einer Speditionsfirma, heiratete und gründete eine Familie. Aber der Ort seiner Befreiung ließ ihn nicht los. Seit Mitte der 1990er Jahre besuchte er fast jährlich Waging und knüpfte vor allem mit Ferdinand Wiedemann, dem Sohn des früheren Bürgermeisters, und dessen Familie enge freundschaftliche Kontakte.

Es war ihm ein besonderes Anliegen, an den Gedenkfeiern zur Erinnerung an das Massaker bei Surberg jeweils Anfang Mai teilzunehmen. Dort erzählte er 2009 seine Leidens- und Lebensgeschichte; er beendete seine Ansprache mit dem Dank an die Anwesenden und die Organisatoren: »Das, was ihr macht, ist sehr wichtig für alle. Das ist sehr wichtig für uns Juden, und wichtig für Deutschland, für alle Menschen. Denn auch heute kommen ja noch Tausende und Hunderttausende von Menschen um, durch Kriege oder durch Hunger. Das darf alles nicht sein, nachdem, was schon alles passiert ist.« fb

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