»Ich hab' das Christkind gesehen!«

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So kennt man Dieter Fembacher: Mit einer Kochmütze auf dem Kopf und mit zauberhaften Schmankerln, die er liebevoll hergerichtet hat, so wie hier im Gespräch mit Andrea Krauter im Irmengardhof der Björn-Schulz-Stiftung. (Foto: Irmengardhof)

Waging am See – »Wenn ich wieder komm, dann machen wir Brotzeit, und wennst groß bist, wirst Koch, dann musst nie mehr hungern« – das sagte die Hebamme aus der Nachbarschaft des öfteren zu Dieter Fembacher, als er noch klein war. Er folgte dem Rat, wurde nicht nur Koch, sondern Küchenmeister, errang zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ehrengoldmedaille des Verbands der Köche Deutschlands und die Goldene Kochmütze mit Diamanten.


Über 20 Jahre lang bekochte er die Patienten im Klinikum Traunstein, war Küchenchef in der Kalscheuer-Schule und Wirt im Angerbauerhof. Über 50 Jahre lang war es ihm eine Herzensangelegenheit, ehrenamtlich für Bedürftige zu kochen – so wie er einst einer war als kleiner Bub.

Es waren schlimme Zeiten damals, als er 1941 als zweites von drei Kindern in Bad Reichenhall zur Welt kam. Noch als er sehr klein war, trennten sich die Eltern. Die Mutter zog mit den Kindern zurück in ihre Heimat Altmannstein (heute Landkreis Eichstätt), wo sie praktisch alle Arbeiten annahm, die sie kriegen konnte – die 29 Mark von der Fürsorge waren auch in der Nachkriegszeit an allen Ecken und Enden zu wenig.

»Meine Mutter hat Tag und Nacht gearbeitet, Wöchnerinnen den Haushalt gemacht, die von den Leuten selbst gesponnene Wolle für sie verstrickt«, berichtet er im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Trotzdem war das Essen immer knapp, die Stube oft eiskalt, weil das nötigste an Brennmaterial fehlte.

Dennoch erinnert sich Fembacher gern an Weihnachten in seiner Kindheit. »Der Monat Dezember machte mich schon sehr früh glücklich«, berichtet er dem Traunsteiner Tagblatt. »In meinen Gedanken verwandelte sich vieles zu einem leuchtenden, wärmenden Glück, und eine Seligkeit erwachte in mir, denn ich glaubte ganz fest ans Christkind.« Unter ärmlichsten Verhältnissen stellten die Kinder mit der Mutter Plätzchen her. »Wir durften aber nur die zerbrochenen probieren, denn die guten holte ja das Christkind ab«.

»Am 4. Dezember wurden die Barbarazweige geschnitten, und damit begann für uns die vorweihnachtliche Zeit. Mutter verstand es, uns dafür zu begeistern, denn hatten wir Erfolg und an Weihnachten schöne Blüten, so sollte uns ein gutes Jahr bevorstehen.« Kurz vor dem ersten Advent holte Fembacher Tannenzweige, und beim gemeinsamen Binden des Adventskranzes und dem Duft der Tannen »erwachte in uns das adventliche wärmende Licht.«

Zu dieser Zeit lag meistens viel Schnee in Altmannstein, es kursierten unheimliche Geschichten, was an Nikolaus schon alles passiert sei. »Trotzdem hofften wir, dass der Nikolaus auch zu uns kommen würde«, erinnert sich Fembacher. Aber wie so oft wurden die Kinder enttäuscht: »Der Draxlbäcker versprach uns, er würde einen Nikolaus mit vielen Keksen, Äpfeln und Nüssen schicken. Es blieb aber beim Versprechen. So mussten wir glücklich sein, das Kettenrasseln auf der Straße zu hören oder seine Schlittenspur im Schnee zu sehen.« In die Schule kam der Nikolaus zwar, war aber besonders zu Dieter Fembacher nicht besonders freundlich, denn »zu oft hatte ich keine Hausaufgaben oder glänzte durch schlechtes Betragen.«

Dann am zweiten und dritten Advent konnte er Weihnachten kaum erwarten. Der Duft von Glühwein lag in der Luft, »und obwohl ich mir keinen kaufen konnte, erwärmte er mein Gemüt. Mutter kochte uns dafür aus dem billigsten Rotwein den besten Glühwein.« Im örtlichen Spielzeugladen waren ein Rauschgoldengel, eine Eisenbahn, ein Bauernhof aus Holz und Kartenspiele ausgestellt. Steiff-Tiere, Puppen, Teddys, Puppenwagen und seinen ewigen Traum, eine Dampfmaschine, konnte er sich aber nur im Laden anschauen. Dafür war einfach das Geld nicht da.

Seine Mutter bewies ihm, dass es das Christkind gibt: »Ich durfte dem Esel, der das Christkind trägt, Heu vors Haus hängen, und tatsächlich, am nächsten Morgen war es weg.« Außerdem kündigte sie an: »Wenn man in der Christmette gut aufpasst, sieht man das Christkind, und kommst du heim, gibt es noch eine Mettensuppe mit einer Leberwurst.« Die gab es meistens vom Nachbarn geschenkt.

Einmal saß der kleine Dieter Fembacher auf der Empore, »der Muff wärmte mich von innen und außen.« Am Ende der Christmette gingen alle Lichter aus, nur noch die Kerzen am Christbaum im Altarraum leuchteten, das Lied »Stille Nacht« erklang, »und ich hoffte, ich würde das Christkind erblicken. In diesem Glauben schlief ich ein – und so war das Erste, was ich sagte, als mich meine Mutter und Geschwister nach langer Suche in der dunklen Kirche endlich fanden: 'Ich hab' das Christkind gesehen'.«

»Ich möchte mit niemandem tauschen«, sagt Fembacher rückblickend. »Es war eine arme, aber wunderschöne Zeit damals. Wären wir reich gewesen, hätten wir sehr viele Menschen sicher gar nicht kennengelernt.« coho

 

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