Alte Zeitung von 1872: »Impfungen beginnen nachmittags 2 Uhr im Postgasthaus«

Bildtext einblenden
Foto: Symbolbild (Pixabay)

Waging am See – »Auch früher gab es schon Probleme mit der Impferei«, sagt Hans Wembacher. Er verfolgt die Diskussionen über das Für und Wider, sich gegen Covid zu schützen. Und er blickt gleichermaßen auch weit zurück in die Vergangenheit. In einer Zeitung aus dem Jahr 1872 liest er, dass der Staat eine Impfpflicht gegen die Pocken ausgab – und dass nicht zuletzt auch die Bürger in Waging den Gang zum Arzt antreten mussten. 


Hans Wembacher stöbert gerne in alten Zeitungen. Am Computer sitzt er dann – und er nutzt die Möglichkeiten, die die Staatsbibliothek in München und eine Reihe weiterer Einrichtungen anbieten: Alte Zeitungen haben sie digitalisiert und ins Internet gestellt. Und so kann man etwa auch von Waging aus in Bergen von Artikeln von anno dazumal wühlen.

Anzeige

Wer suchet, der findet – Hans Wembacher entdeckt von Zeit zu Zeit immer wieder Berichte, die zum Schmunzeln anregen und zum Nachdenken verleiten, »Lustiges und Ernstes«, wie er sagt. Und sie zeigen auch, wie er weiter ausführt, dass ähnliche Themen früher wie heute zu ähnlichen Diskussionen führten.

Bewegt von den laufenden Auseinandersetzungen suchte Wembacher dieser Tage im Internet nach alten Berichten zum Thema Impfen. Und da stieß er schließlich auf eine Bekanntmachung für die Impfung im Jahr 1872, ausgestellt vom Bezirksamt Laufen am 29. April 1872 und veröffentlicht im »Salzach-Boten« wenig später am 4. Mai 1872.

Bildtext einblenden
Hans Wembacher entdeckte im »Salzach-Boten« vom 4. Mai 1872 eine Bekanntmachung zur öffentlichen Impfung gegen die Pocken. Und dann meinte er: »Auch früher gab es schon Probleme mit der Impferei.«

Mit aller Macht kämpfte damals auch das Königreich Bayern, mit anderen Staaten fest eingebunden im Deutschen Kaiserreich, gegen die Pocken. Im Unterschied zur heutigen Zeit, da die Impfung gegen Covid freiwillig ist, verpflichtete die Majestät, die München residierte – auf dem Thron saß »Märchenkönig« Ludwig II. – seine Untertanen, zum Arzt zu gehen. Und »Ihro Gnaden« eichte seine Staatsdiener in den Bezirksämtern – den späteren Landkreisen –, den Bürgern alle Einzelheiten zu erklären.

Impfstationen in Gasthäusern

So wandte sich dann auch der königliche Regierungsrat Deich in Laufen im Salzach-Boten an das Volk. In seiner »Bekanntmachung. Die ordentliche öffentliche Impfung pro 1872 betreffend« standen unter anderem die Impfstationen, Termine und Impforte für den Amtsbezirk Laufen. Im »Bezirksärztlichen Distrikt Laufen« war unter anderem eine Impfstation Waging für die Gemeinden Gaden, Otting, Taching, Waging, Wonneberg und Niernharting geplant – und zwar »am Dienstag den 7. Mai Nachmittags 2 Uhr im Postgasthause zu Waging«. Weitere Impfstationen gedachten die Herrschaften des Königs unter anderem einzurichten in Petting für die Gemeinden Ringham, Kirchanschöring, Lampoding und Petting am Samstag, 18. Mai, nachmittags um 1 Uhr im Riedler'schen Gasthause zu Petting sowie in Teisendorf für die Gemeinden Freidling, Holzhausen, Kapell, Neukirchen, Oberteisendorf, Roßdorf, Rückstetten, Teisendorf und Weildorf am Samstag, 25. Mai, nachmittags 2 Uhr im Postgasthause zu Teisendorf. Und im »Bezirksärztlichen Destrikt Tittmoning« waren ebenfalls eine Reihe von Impfstationen vorgesehen.

»Zur Impfung sind alle impfpflichtigen Kinder zu bringen«, schrieb Regierungsrat Deich. »Impfpflichtig ist jedes vor dem 1. Januar 1872 geborne Kind, impffähig aber jedes nach diesem Tage geborne Kind, wenn es ein Vierteljahr erreicht.« Zur Impfung oder auch Wiederimpfung müssten auch jene Kinder gebracht werden, die im vorigen Jahre »zeitlich befreit waren oder ohne Erfolg geimpft wurden«.

Bürgermeister müssen helfen

»Zeitliche Befreiung von der Impfpflichtigkeit findet statt, wenn ein impfpflichtiges Kind in einem solchen Krankheits- oder Schwächezustand sich befindet, daß die Impfung an dem selben nicht ohne Gefahr vorgenommen werden kann. Gänzliche Befreiung von der Impfpflichtigkeit tritt ein, wenn das Kind bereits mit Erfolg geimpft wurde oder wenn die Impfung an dem-selben in drei aufeinderfolgenden Jahren vorgenommen worden ist, oder wenn dasselbe die natürlichen Blattern überstanden hat.«

Um die Impfpflicht, die die Regierung in München ausgab, im Bezirksamt Laufen erfüllen zu können, benötigte der Regierungsrat eine Schar an Helfern. Zur Unterstützung »verdonnerte« Deich die Gemeindeoberhäupter. »Die sämmtlichen Bürgermeister werden hiemit beauftragt, vorstehende Anordnungen sofort öffentlich in den Gemeinden bekannt zu machen.« Und sie sollten sich vor allem auch dafür einsetzen, dass in der Vorbeugung gegen die Pocken keine Lücken entstehen. So gab der Regierungsrat den Bürgermeistern mit auf den Weg, Eltern, Pflegeeltern und Vormündern, die ihre impfpflichtigen Kinder, Pflegekinder oder Mündel nicht zur Impfung bringen, zu eröffnen, dass sie dann »in die durch Artikel 63 des Polizeistrafgesetzbuches bestimmte Strafe verfallen« – und dass sie etwa eine Geldstrafe bezahlen müssen.

»Die sämmtlichen Impflinge haben zur festgesetzten Stunde pünktlich anwesend zu sein und namentlich deren Angehörige darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich an die Anordnungen des Impfarztes genau zu halten haben«, betonte der Regierungsrat in seiner Bekanntmachung. Und weiter: »Schließlich werden die sämmtlichen Bürgermeister auf das Nachdrücklichste angewiesen, dafür zu sorgen, daß von jeder Gemeinde der Gemeindediener sich bei der Impfung rechtzeitig dem Impfarzte zur Verfügung zu stellen habe.« Sollte etwas nicht klappen, so wusste Deich, an wen er sich dann zu wenden habe. »Für den genauesten Vollzug vorstehender Anordnungen werden hiemit die Bürgermeister persönlich verantwortlich gemacht.« pü

Mehr aus Waging am See