»Briefmarkensammeln ist eine Sucht«

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Ein Blick in die Briefmarkensammlung von Robert Bäumler: Der 66-Jährige schätzt, dass er insgesamt etwa 500.000 Marken besitzt. (Fotos: Bäumler)

Unterwössen – Ihr Wert schwankt zwischen wenigen Cent und mehreren Millionen Euro; auf manche üben sie eine ungeheure Faszination aus, die andere wiederum völlig kaltlässt: Die Rede ist von Briefmarken. Anlässlich des Weltposttags, der am heutigen Samstag gefeiert wird, geben viele Länder Sonderstempel und -briefmarken heraus, die bei Liebhabern heiß begehrt sind. Der Tag soll die wichtige Rolle des Postsektors in der Gesellschaft sowie seinen Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung würdigen. Auch im Landkreis Traunstein gibt es noch einige Briefmarkensammler, die ihrem Hobby mit viel Leidenschaft nachgehen: Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt erzählt der Unterwössner Robert Bäumler, Vorsitzender des Briefmarken-Tauschclubs Traunstein, was ihn an den kleinen, bunten Marken so fasziniert.


Aktuell zählt der seit 1955 bestehende Tauschclub 37 Mitglieder, davon zwei Frauen und drei Kinder. Zu den Tauschtreffen – jeden zweiten Sonntag im Monat von 10 bis 12 Uhr im Nebenraum des Wochinger-Brauhauses in Traunstein und jeden vierten Samstag von 9 bis 12 Uhr im Marquartsteiner Rathaus – bringt jedes Vereinsmitglied seine Briefmarkenalben mit. »Bei Kaffee oder Bier sitzt man dann beisammen und sucht im Katalog nach dem Wert der Marke, die man hergeben möchte. Dann tauscht man mit jemandem gegen eine Marke des gleichen Gegenwerts«, erklärt Robert Bäumler.

Während der Lockdowns beschränkte sich das Tauschen auf den Postweg – umso glücklicher sind die Philatelisten, wie der Fachbegriff für Briefmarkensammler lautet, dass sie sich nun wieder persönlich treffen dürfen. Auch international wird getauscht: »Wir haben Tauschpartner aus Ägypten, Kanada und China«, berichtet Bäumler.

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Der Unterwössner Robert Bäumler ist Vorsitzender des Briefmarken-Tauschclubs Traunstein.

Der 66-Jährige schätzt, dass sich in seinen Alben insgesamt etwa 500.000 Briefmarken befinden. »Die hat man schnell zusammen«, schmunzelt er. »Immerhin sammle ich ja auch schon seit 60 Jahren.« Zuhause sorgt das dann auch ab und zu für Diskussionen: »Wie können so kleine Marken so viel Platz wegnehmen?«, wundert sich seine Ehefrau regelmäßig.

Die Faszination am Briefmarkensammeln hat Robert Bäumler schon als Kind entdeckt, als er bei seinem Großvater beobachtete, wie dieser gemeinsam mit anderen älteren Herren Tauschalben wälzte und dicke Zigarren rauchte. »Ich habe Zitronenlimo bekommen und ab und zu auch eine Dublette: eine Marke, die doppelt vorhanden war. So hat es angefangen und mich seitdem nicht mehr losgelassen. Briefmarkensammeln ist eine Sucht, eine angenehme Viruserkrankung«, lacht der pensionierte Verwaltungsdirektor. Er erinnert sich noch an eine weitere Anekdote aus seiner Kindheit: »In einem Laden habe ich ganz besondere, dreieckige Briefmarken gesehen. Ich bin zu meiner Oma gelaufen und habe sie um 50 Pfennige dafür angebettelt.« Die dreieckigen Briefmarken besitzt Bäumler bis heute.

Am meisten fasziniert den Unterwössner, wie viel Wissen man sich durch dieses Hobby aneignen kann: »Man lernt sehr viel über Geschichte und Politik, wenn man sich damit auseinandersetzt, wann und warum eine Marke erschienen ist.« Der Schwarze Einser, die erste Briefmarke Deutschlands, die 1849 in Bayern herausgegeben wurde, findet sich ebenfalls in Robert Bäumlers Besitz: »Davon habe ich sogar zwei Stück«, berichtet er stolz.

Viele Philatelisten sammeln Marken bestimmter Zeiträume oder historischer Ereignisse, andere spezialisieren sich auf ein Themengebiet wie etwa Tiere, Sportarten oder Architektur. Dabei wird nochmals in »gestempelte« und »postfrische« Briefmarken unterschieden. Passt eine Neuausgabe besonders gut ins »Beuteschema«, wird sie nicht nur ertauscht, sondern auch von Postverwaltungen oder auf Messen gekauft. Auch Versteigerungen in Aktionshäusern gibt es. Kürzlich wechselte die »Rote Mauritius«, eine der berühmtesten und seltensten Briefmarken der Welt, für über acht Millionen Euro den Besitzer.

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Auch den Schwarzen Einser, die erste Briefmarke Deutschlands, kann Robert Bäumler in der »postfrischen« Ausführung sein Eigen nennen.

Für Robert Bäumler und seine Tauschclub-Kollegen steht allerdings die Freude an der Marke, am Sammeln und am Tauschen im Vordergrund – nicht der finanzielle Wert. Wie viel seine eigene Sammlung in etwa wert ist, könne der 66-Jährige auch nicht einschätzen. Im Rahmen des Vereins ist er als unentgeltlicher Berater tätig, indem er den Geldwert einer Briefmarkensammlung für die Hinterbliebenen schätzt, wenn der Besitzer verstorben ist. Viele wollen die Alben dann verkaufen – allerdings gibt es auch Familien, die durch den Kontakt mit den Briefmarkensammlern auf den Geschmack kommen und weiterführen, was Großvater oder Vater aufgebaut haben.

Den Weltposttag feiert der Traunsteiner Briefmarken-Tauschclub übrigens am morgigen Sonntag mit dem nächsten Tauschtag im Wochinger und lädt auch interessierte Nicht-Mitglieder herzlich ein.

JuC

Besondere Geschichten

Hans Nothegger ist leidenschaftlicher Hobbybierbrauer, Gerold Schneider und Christoph Bernauer sammeln alte Radios und Robert Bäumler Briefmarken – und wieder andere planen verrückte Aktionen. Das Traunsteiner Tagblatt ist auf der Suche nach diesen Geschichten. Wer sich angesprochen fühlt, kann sich an die Redaktion wenden unter lokales@traunsteiner-tagblatt.de oder Telefon 0861/9877-111. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Hobby, eine besondere Fähigkeit oder aber auch um eine bemerkenswerte Persönlichkeit handelt.