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Brauchtum und Volkskultur das ganze Jahr über

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Nach der Gründung 1919 brachte der 26. Juni 1921 einen ersten glanzvollen Höhepunkt. Oberwössen feierte die Weihe der ersten Vereinsfahne mit einem Kirchenzug, Festgottesdienst Festzug und Festabend. Patenverein war der IG TGV Unterwössen. Als Fahnenbraut wirkte Liesi Zeller, Fahnenmutter war Margarete Blank. Das Bild zeigt die Trachtler mit Musikanten der Musikkapelle Wössen. (Repro: Flug)

Unterwössen – Nicht nur der Trachtenverein »D' Rechlberger« mit seinen 172 Mitgliedern, sondern die ganze Dorfgemeinschaft packt an, wenn die Rechlberger ab Donnerstag, 4., bis Montag, 8. Juli, ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Oberwössen ist ein kleines Dorf für große Feste, das haben die Trachtler mit der Dorfgemeinschaft bei Jubiläen und Fahnenweihen, aber vor allem bei den Gaufesten 1934, 1979 und 2004 bewiesen.


Als »sehr aktiv« empfindet Bürgermeister Ludwig Entfellner den Oberwössner Trachtenverein. »Brauchtum und Volkskultur leben die Rechlberger das ganze Jahr hindurch.«. Der Schirmherr und ehemalige Gauvorstand im Chiemgau-Alpenverband sieht in den Trachtlern einen unverzichtbaren Bestandteil des Oberwössner Dorflebens. »Als Anker und Bindeglied gestalten sie das gesellschaftliche Leben entscheidend mit.« Besonders lobt er die aktive Jugendarbeit. »So wird regionale Identität geschaffen.«

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Gründung des Vereins in schwierigen Zeiten

Der Respekt der Oberwössner gilt den Gründern, die 1919 in schwierigen Zeiten den Trachtenverein ins Leben riefen. Bewunderung empfinden sie vor allem dafür, unter welchen Bedingungen vor und während des Ersten Weltkriegs die Bewegung zur Erhaltung und Pflege heimatlichen Brauchtums aufkam. Doch erst 1919, am 14. August, gründeten 22 Oberwössner, zumeist Bauern und Handwerker, einen Verein.

Den schwierigen Zeiten ist es auch geschuldet, dass die Rechlberger ihre erste Vereinsfahne erst 1921 feierten – mit Kirchenzug, Festgottesdienst, Festzug und Festabend. Pate war der Nachbarverein »D' Achentaler« Unterwössen. Der Trachtenverein »D' Rechlberger« Oberwössen gehörte 1926 zu den neun Gründervereinen, die das Fundament des Gauverbands bildeten.

Auch zu dieser Zeit waren die Mitglieder nicht auf Rosen gebettet. Die Tracht war vielfältig und es gab Streit wie beispielsweise über die Schuhe. Die über den Knöchel reichenden, schweren Schuhe des Schlechinger Schusters wichen letztlich den zuerst als sportlich empfundenen leichteren Schuhen des Ortsschusters Georg Käsmeier. Aussehen und Zusammenstellung der Tracht waren sehr vom sozialen Stand und dem Geldbeutel ihrer Träger abhängig.

Damals herrschte großer Andrang

Dem Enthusiasmus für die Trachtensache tat das keinen Abbruch. Damals herrschte regelrechter Andrang auf die Ehrenämter im Verein. Mit der Wahl zum Vorstand stieg das Ansehen im Ort erheblich. Ein Vorplattler genoss großen Respekt bei den Burschen und Erfolg bei den Trachtendirndln. Im Gerangel um das Ehrenamt wechselten die Vorstände beinahe jährlich.

20 Vorstände bestimmten die Geschicke des Vereins über die 100 Jahre, davon alleine der zweite Bürgermeister von Unterwössen, Barthl Irlinger, von 1970 bis 2005, also 35 Jahre. Noch heute ist er der Trachtensache eng verbunden und moderiert die Heimatabende.

Die Geschichte setzte für die Rechlberger 1934 mit dem achten Gaufest einen Höhepunkt – eines der letzten Gaufeste für einige Jahre. Die politische Entwicklung hinterließ auch bei den Rechlbergern ihre Spuren.

Während des Kriegs kein Vereinsleben

Erfreuliches gab es musikalischerseits zu berichten. Aus den Reihen der Rechlberger entstand ein Mundharmonikaquartett, das regelmäßig bei den Heimatabenden auftrat. Ein Männer-Viergesang aus Oberwössen erhielt eine Einladung zum Reichssender nach Hamburg. Während des Zweiten Weltkriegs kam das Vereinsleben zum Erliegen. Viele Mitglieder rückten ein.

Nach dem Krieg verzeichneten die Rechlberger eine Vielzahl an Verlusten. Da war die Gemeinschaft wichtiger Halt in der Bewältigung schwerer Aufgaben. Bis heute gedenken die Trachtler am Volkstrauertag der Gefallenen der beiden Weltkriege.

1952 erfolgte die zweite Fahnenweihe. Ein neuer Festwagen stellte die Rechenbergalm dar. Der Erfolg dieses Gefährts förderte neue Ideen zu historischen Festwagen. Noch heute erzählen die Mitglieder im Chiemgau-Alpenverband vom Heu- oder Schnittholzfuhrwerk der Rechlberger in den Festzügen. Besonders in Erinnerung blieb der eisenbereifte Prügelwagen in den Asphaltstraßen mehrerer Chiemgau-Gemeinden.

1962 entstanden aus den Reihen der Trachtler die Walchschmied-Sänger, ein Männer-Dreigesang, der die Zuhörer bis heute erfreut. Seit 1973 begleitet die Musikkapelle Weißbach den Verein bei Trachtenfesten und anderen Veranstaltungen. Zwischen den beiden Vereinen entwickelte sich über die 45 Jahre eine tiefe Freundschaft.

1979 gab das 60. Vereinsjubiläum die Grundlage für das 43. Gautrachtenfest des Chiemgau-Alpenverbands in Oberwössen. Schon damals war es das Anliegen des gesamten Dorfs, seinen Heimatverein zu unterstützen. Viele fanden so den Weg in die Mitgliedschaft. Zum 85-jährigen Bestehen und zugleich 20-jährigen Bestehen der Gaustandarte richteten die Oberwössner im Jahr 2004 das 68. Gautrachtenfest aus.

Dem Trend im Gau folgend verzeichnet der Trachtenverein »D' Rechlberger« ein schwindendes Interesse an Heimatabenden. Gegen einen ähnlichen Trend verzeichnet, er aber eine positive Entwicklung in der Kinder- und Jugendarbeit. Das belegt auch die 20-seitige Festschrift. Die Kinder sind dabei stark ins kirchliche und kulturelle Leben eingebunden. Ihre natürliche Entwicklung führt später in die Aktivengruppe der Rechlberger, wo sie im Preisplattln und Dirndldrahn bis in die Gaugruppe auf sich aufmerksam machen.

Goaßlschnalzer und Röckifrauen

Eine Besonderheit sind die Goaßlschnalzer. Die aktiven Buam gründeten 1986 diese Gruppe. Rechtzeitig zum Jubiläum gewannen sie fünf neue Nachwuchs-Schnalzer. Sei es bei weltlichen oder kirchlichen Festen, auch die Röckifrauen sind wichtiger Bestandteil im Trachtenverein und Dorfleben. Ein buntes Programm über das Jahr hält diese Gruppe zusammen. Sie bastelten an vielen Abenden die Festzeichen zum Jubiläum und übernehmen den Kaffee- und Kuchenverkauf.

Die Festvorbereitungen laufen seit Monaten. Laut Festleiter Florian Aberger bleiben nur drei Tage, das Festzelt auf- und einzurichten. Bei ihm und Vorstand Andreas Greimel laufen die Fäden zusammen. Großes Lob gab es für beide in der letzten Jahreshauptversammlung. Die Mitglieder lobten das große Pensum, das die beiden klaglos bewältigen. Dabei stehen ihnen tatkräftige Mitglieder zur Seite. lukk