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Am Sonntag trafen sich die Jugendlichen im Kassenraum

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Der Verkaufsraum der früheren Tankstelle im Ortsteil Brem machte sich auf den Weg ins Freilichtmuseum Glentleiten. Dort wird er wieder aufgebaut. (Fotos: Flug)
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Nicht nur an den Zapfsäulen tanken konnte man früher in Brem. Die Tankstelle war mehr – sie war ein Treffpunkt für die Bürger.

Unterwössen – Die frühere Tankstelle im Ortsteil Brem ging auf Reisen: Ein gewaltiger Lastkran hob den Verkaufsraum der ehemaligen Tankstelle an der Bundesstraße 305 auf einen schweren Lkw-Auflieger. Der fuhr den Gebäudeteil ins Werdenfelser Land, ins Freilichtmuseum Glentleiten. Dass die ehemalige Oberwössner Tankstelle dort ein neues Kapitel aufschlägt, damit hatte im letzten Jahr niemand gerechnet.


Dort an der Deutschen Alpenstraße lag ursprünglich eine Schmiede der Familie Meier mit kleinem Sägewerk, beides angetrieben von der Wasserkraft des Wössner Baches. Als um 1950 der Traktor das Pferd als Zugtier allmählich ablöste, lastete der Hufbeschlag die Schmiede immer weniger aus. So begann die Familie Meier damit, die Arbeit auf eine Werkstatt für Autos und Traktoren umzustellen. Erst standen gegen 1950 die Gasolin-Zapfsäulen am östlichen Straßenrand. Später, gegen 1955, baute die Familie Meier einen Verkaufsraum dazu, von dem sich ein großes Regendach über die Tankstellenfahrbahnen beidseitig der Zapfsäulen spannte.

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Matthias Meier war der Tankwart, seine Mutter Maria die Eigentümerin des Geländes und der Tankstelle. Die Tankstelle wurde neben der Kirche und dem Wirt ein Mittelpunkt des Ortsgeschehens für die Oberwössner.

»Es gab alles, was man für sein Gefährt braucht«

Stefan Entfellner, der sich bestens in der Historie auskennt, erinnert sich an seine eigene Jugend. »Ob Fahrrad, Moped, Auto oder Bulldog, hier gab es alles, was man für sein Gefährt braucht.« Matthias Meier, der Walchschmied-Hias, hatte Diesel für die Schlepper, Benzin für die Autos und mixte das Zweitakt-Gemisch für die Mopeds der Dorfjugend. Inzwischen stand neben der Tankstelle eine Wagenhalle mit zwei großen Räumen für die Fahrzeugreparaturen. Gegenüber in der Scheune lag die Fahrradwerkstatt mit Flickzeug, Radlschläuchen und Ventilen.

Hias Meier war ein geselliger Mensch, erinnern sich viele. Georg Haslberger, in der Nachbarschaft groß geworden, schmunzelt. »Jeder, der beim Hias tankte – und das waren alle –, sah sich allzeit drei Fragen ausgesetzt: 'Wo kommst du her, was hast du heute noch vor und bist du immer noch mit dem gleichen Dirndl beieinander?'« Kein Wunder, dass der Hias bekannt für die neuesten Geschichten aus dem Dorf war.

Entfellner erinnert sich noch genau, dass der Sonntagnachmittag im Kassenraum der Tankstelle für so manchen Oberwössner »der Gesellschaftstag« gewesen sei. Die Dorfjugend habe die neuesten PS-Anschaffungen vorgeführt, eine Zündapp oder einen Lloyd. Altbürgermeister Hans Haslreiter erinnert sich, wie er selbst Jahre für sein erstes, gebrauchtes Moped, eine Adler-Horex, sparte. Das gelang nur mit einem Nebenjob. Viele Jahre arbeitete Haslreiter als Kinovorführer. Auch er gehörte zum Kreis der regelmäßigen Besucher der Tankstelle.

Auch wenn die Söhne vom Hias Meier, der Matthias Meier und der Sepp Meier, das Kfz-Handwerk lernten, am 31. Dezember 1982 stellte die Tankstelle ihren Betrieb ein. Das Gebäude stand leer. Die später angebaute Wagenhalle diente als Garage.

Letztes Jahr brachen traurige Zeiten für die Tankstelle an. Damals setzte quirlige Betriebsamkeit der Straßentiefbauer ein, den Ortsteil Brem zu sanieren und neu zu gestalten. Nichts Gutes bedeutete das für die Tankstelle. Die Entscheidung fiel: »Wir reißen die Tankstelle ab und machen der Neugestaltung des Straßenumfeldes Platz«, hörte man damals. Das war seit der Projektvorstellung der Straßenerneuerung Sachstand.

Nur am Rande genoss die kleine Tankstelle Aufmerksamkeit. Da entstand ein kleiner Fernsehfilm. Ein Technikinteressierter fotografierte das längst historische Gebäude, eine Fachzeitschrift für historische Technik veröffentlichte das Bild. Auf diesem Weg erfuhr das Freilichtmuseum Glentleiten von dem Kleinod.

Ein Zeichen für den Aufbruch in die Moderne

Am Montag, 2. Dezember 2019, war Bezirkstagspräsident Josef Mederer im Unterwössner Rathaus zu Gast. Im Namen des Bezirks Oberbayern, des Trägers des Freilichtmuseums, unterzeichnete er mit Bürgermeister Ludwig Entfellner den Vertrag. Die in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts errichtete, später weiter ausgebaute Tankstelle ist auserkoren, im Freilichtmuseum »den Aufbruch in die Moderne, den beginnenden Tourismus der Nachkriegszeit in Oberbayern zu verdeutlichen«, heißt es aus dem Bezirk. Es ist bundesweit die dritte Tankstelle, die originalgetreu in ein Freilichtmuseum kommt.

Matthias und Sepp Meier sind begeistert von der Idee. Mit Wehmut hatten sie sich mit dem drohenden Schicksal des Tankstellenabrisses abgefunden. Zur Erinnerung hat Matthias Meier noch ein kleines Modell von der Tankstelle gebastelt. Sepp Meier bewahrt historische Aufnahmen davon.

Exponat ist für Museum »etwas Besonderes«

Dass für die Anlage im Freilichtmuseum Glentleiten ein neues Leben beginnt, begeistert beide. »Für das Freilichtmuseum ist das Exponat etwas Besonderes«, sagt dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter Simon Kotter.

Bisher sind Produktionsteile aus einem Sägewerk aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts das jüngste Objekt im Freilichtmuseum. Die Tankstelle wird deshalb dort Ausdruck einer neuen Epoche, neuer Technik und erster Urlaubsreisen. Doch bis dahin ist es noch etwas hin.

Eine spannende Aufgabe sieht Diplom-Ingenieur Hans Eberl vom Ingenieurbüro Eberl aus Kochel am See, der die statischen Berechnungen für den Umzug liefert. Er schildert einige Erfahrungen aus der Zusammenar-beit mit dem Freilichtmuseum. Dennoch sei der Rückbau der Tankstellenanlage für ihn etwas Neues. »Wir haben ja kaum etwas an Plänen und Informationen. Mit jedem Fortschritt im Rückbau stellen sich neue Fragen.«

Während das Tankstellendach bereits in Einzelteilen nach Glentleiten ging, reiste der Verkaufsraum nun am Stück hinterher. Mit der Säge hatten die Fachleute Tage zuvor das Bauwerk vom Fundament ausgeschnitten.

Das Bauwerk spannten sie in einen Metallrahmen. Große Spanplatten schützten beidseitig die großen Fenster vor Bruch. 6,3 Tonnen hingen am Haken des Schwerkrans, als der Baggerführer das Bauwerk vorsichtig anlupfte. Der Schwertransporter manöv-rierte sich dicht daneben – und der Kran schwenkte das Bauwerk auf dessen Ladefläche. lukk