»30 Jahre Naturschutzgebiet Geigelstein«: Vom Spagat zwischen Naturschutz und Tourismus

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Über »30 Jahre Naturschutzgebiet Geigelstein« diskutierten (von links) Stefan Kattari – Grassaus Bürgermeister war der Moderator –, Christian Zwanziger, Landtagsabgeordneter der Grünen, Josef Loferer, der Bürgermeister von Schleching, Christiane Mayr vom Landschaftspflegeverband Rosenheim, Oswald Pehel, der Leiter des Vereins Tourismus Oberbayern München, Simon Frank, der Bürgermeister von Aschau, und Hanspeter Mair vom Deutschen Alpenverein. (Foto: Wunderlich)

Unterwössen – Können die Interessen von Naturschutz und Bergsport in Einklang gebracht werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion im Alten Bad in Unterwössen, die den Abschluss der Veranstaltungen zum Jubiläum »30 Jahre Naturschutzgebiet Geigelstein« bildete. Organisatoren waren die Gemeinden Schleching und Aschau mit ihren Bürgermeistern Sepp Loferer und Simon Frank. Die Moderation der von vielen Gästen besuchten Diskussion übernahm Stefan Kattari, der Bürgermeister von Grassau. 


Johannes Weber, der zweite Bürgermeister von Unterwössen, sagte: »Naturschutz ist beileibe kein Selbstzweck. Naturschutz ist vielmehr auch und gerade Selbstschutz. Diesem Verständnis und Bekenntnis verpflichtet fühlen sich nicht nur die Gemeinden Schleching und Sachrang als Bergsteigerdörfer und territoriale Träger des Naturschutzgebiets, sondern auch die Gemeinden Marquartstein, Staudach-Egerndach und Unterwössen, wenn sie sich im Achental-Tourismus unter dem Motto 'Eins mit der Natur!' zusammengeschlossen haben.« Der naturnahe Tourismus, das funktionierende Miteinander von Natur- und Kulturlandschaft sowie der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen seien Ziele, die aktueller denn je seien. Sie seien im Blick zu behalten und umzusetzen. Der zweite Bürgermeister von Unterwössen betonte, 30 Jahre Naturschutzgebiet Geigelstein seien »30 Jahre gelebter Naturschutz«.

Biologin Christiane Mayr vom Landschaftspflegeverband Rosenheim gab in der Vorstellungsrunde zu, dass sie erst spät verstanden habe, wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Almbauern ist. Die Artenvielfalt werde gerade durch die Almwirtschaft und deren Pflegemaßnahmen wie das Schwenden gesichert. Eine Forststraße habe gebaut werden müssen, damit die Almen erreichbar bleiben. Dem stimmte Hanspeter Mair vom Deutschen Alpenverein (DAV) zu. Ihm sei schon vor 40 Jahren klar gewesen, dass diese bestehende Kulturlandschaft erhalten bleiben muss.

Moderator Kattari fragte Oswald Pehel, den Leiter des Vereins »Tourismus Oberbayern München«, ob ihm nicht das Herz blute, wenn er die Einschränkungen für den Tourismus durch den Naturschutz betrachtet. Pehels Antwort: »Die Regierung hat damals die richtige Entscheidung getroffen.« Er fand, die Synthese von Natur und Tourismus müsse möglich sein. Und er sah im Achental die Möglichkeit, Natur erlebbar zu machen.

Diesen Ausführungen stimmte Christian Zwanziger, Landtagsabgeordneter der Grünen, zu: »Das, was man hat, soll man schützen, herzeigen und bewahren.« Diese Art von Tourismus unterstütze er von ganzem Herzen.

Probleme mit den digitalen Plattformen

Stefan Kattari erinnerte an die letzten Monate. Die Corona-bedingten Einschränkungen hätten einen Ansturm auf die Ausflugsziele ausgelöst. Simon Frank fügte an, dass die Herausforderung durch Social Media mit der Veröffentlichung von besonderen Touren oder Gipfeln in der Natur noch einmal vergrößert worden sei. Zwanziger wünschte sich in diesem Zusammenhang mehr Verantwortung bei den digitalen Plattformen.

Hanspeter Mair betonte, dass der DAV sehr penibel die Schutzgebiete bei den vorgeschlagenen Touren ausweise und forderte mehr Selbstverpflichtung bei den Tourenanbietern. Christian Zwanziger schlug vor, mehr für die Umweltbildung zu tun und die Kommunen bei der Bewältigung des motorisierten Ansturms über den Ausbau und die bessere Taktung des Öffentlichen Personennahverkehrs zu helfen.

Kattari führte das Thema »Bergsteigerdörfer« in die Diskussion ein. Hanspeter Mair hob hervor, das Prädikat sage aus, dass es »kleine und feine Orte zum Genießen und Verweilen« seien. Er sah in Schleching und Sachrang ideale Orte für Besucher, die naturnahe Erlebnisse suchen. Er betonte, dass sich die Orte authentisch abheben von anderen Orten mit einer Skischaukel – wie es ja vor 30 Jahren auch am Geigelstein ursprünglich geplant war und durch das Engagement von vielen Bürgern, Institutionen und auch der Politik verhindert wurde.

Stefan Kattari fragte die beiden Bürgermeister, ob und wie diese Auszeichnung den Orten helfe. Josef Loferer meinte, dass es kein Label brauche, um viele Touristen anzulocken. Wichtig seien eher die Wertigkeit und das Selbstverständnis für die Heimat. »Das scheint zu funktionieren, da viele junge Leute wieder zurück ins Dorf kommen.« Simon Frank meinte, die Touristen sollten – gemeinsam mit den Bürgern – die Natur wertschätzen. »Jeder Bürger soll ein Ranger sein.« Das Thema Ranger hatte Zwanziger ins Spiel gebracht. Er meinte damit, dass ein Einsatz hilfreich sein kann, bevor Situationen eskalieren.

Von so einer eskalierenden Situation berichtete Josef Loferer. Wanderer wollten seinen Angaben zufolge bei starker Trockenheit im Almgebiet ein Feuer machen, um ihre mitgebrachten Weißwürste zu erwärmen. Sie seien uneinsichtig gewesen, als sie darauf hingewiesen worden seien, dass es verboten ist. Auch Loferer sprach sich für den dauerhaften Einsatz eines Rangers im Naturschutzgebiet aus.

Was kann man aus dem Projekt lernen?

Die abschließende Frage von Stefan Kattari an alle Teilnehmer lautete: »Was können alle vom erfolgreichen Projekt Naturschutzgebiet Geigelstein lernen?«

Loferer war wichtig, die Wertschätzung für alle Akteure und das Bewahren der Natur der kommenden Generation mit auf den Weg zu geben. Mair empfahl: »Seid mutig, steht zu eurem Bergsteigerdorf und lasst euch nicht unterkriegen.« Frank bedauerte, dass man in der Gemeinde oft den Tunnelblick habe. Er wünschte sich, auch die Stimmen »von der Seite« zu hören und gegenseitigen Respekt zu zeigen.

Mayr lobte jene, die vor 30 Jahren die Bürgerinitiative »Rettet den Geigelstein« gegründet haben – und das in ihrer Freizeit, neben der Arbeit und der Familie. Er wünschte sich, dass die Initiative weiter entwickelt wird, dass die Besucher ein Bewusstsein für die Natur bekommen, es in die Kindergärten und Schulen getragen wird, wie die Heimat erhalten bleiben kann.

Moderator Stefan Kattari zog das Fazit, es müsse möglich sein, dass Naturschutz und Sport zusammengehen. Er sprach sich dafür aus, eine Kombination zu finden aus »Angebot und Lenkung«.

Für eine musikalische Umrahmung der Podiumsdiskussion sorgten Roland Boser aus Schleching und Stefan Klössinger aus Oberwössen.

wun