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Fünf Monate lang ein täglicher Kampf ums Überleben

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Andi Denkoff am 15. Januar bei seinen ersten Gehversuchen in der Schön-Klinik Bad Aibling-Harthausen.

Trostberg – Sein Leben war mit einem Schlag ein anderes, seine Krankenakte liest sich wie ein Horrortrip, sein Kämpferherz aber ist bewundernswert: Andi Denkoff, Trostbergs bester Tennis-Senior, ist von Corona mit gewaltiger Wucht getroffen worden. Sieben Wochen Koma und Wachkoma, Lunge beschädigt, Nieren versagt, Luftröhrenschnitt, Katheder gesetzt, Magenband eingeführt, künstlich ernährt. Es war fünf Monate lang ein täglicher Kampf ums Überleben. Aber er hat es geschafft – fast. Am Gründonnerstag darf er heim – nach 158 Tagen Aufenthalt in Kliniken und Reha-Zentren.


»Ja ich bin durch die Hölle gegangen, niemand kann sich vorstellen, was ich durchgemacht habe«, erzählt der 75-Jährige via Videobotschaft aus der Schön Klinik Berchtesgadener Land in Schönau, wo er die letzten Tage seiner Reha-Phase stationär verbringt. Dutzende Spezialisten kümmern sich hier seit Wochen um seine Genesung, die nach der Infektion nur in kleinsten Schritten vorangeht. Der Senior musste erst wieder gehen, schreiben und sprechen lernen. Ihm fehlen sieben Wochen, aber er ist heute wieder klar im Kopf, was das Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt belegt, aber auch die regelmäßigen Intelligenz-Tests. »In 80 Darstellungen, also Aufgaben, hatte ich nur einen Fehler zuletzt, die Pfleger sind begeistert und ich weiß, dass mein Hirn wieder super arbeitet«, freut sich der Trostberger.

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Die Tragödie begann im Herbst letzten Jahres. Mit seiner Tennismannschaft startete er am 17. Oktober in der Halle von Miesbach gegen Ohlstadt in die Winterrunde. Die Nummer eins im Team spielte wie immer, fühlte sich topfit im Einzel und Doppel. Fast drei Stunden lang stand Denkoff auf dem Platz. Nichts deutete auf eine Schwächung hin. Aber: Vier Tage später spürte er ein Unwohlsein, suchte seinen Hausarzt auf, der bei einem Schnelltest einen positiven Befund auf eine Infektion mit dem Coronavirus feststellte. Im folgenden PCR-Test wurde das Ergebnis bestätigt. Meldung an das Gesundheitsamt Traunstein und zehn Tage häusliche Quarantäne waren die Konsequenz. Außerdem informierte er alle Tennis-Spezln, sie müssten sich testen lassen, ebenso der Gegner aus Ohlstadt.

Bewusstlos zusammengebrochen

Am 25. Oktober brach der Trostberger nachts auf dem Weg zu einem Getränk in seiner Wohnung bewusstlos zusammen. Der Notarzt wies ihn ins Klinikum Traunstein ein, wo Denkoff zunächst auf Station kam, am 1. November dann auf Intensiv. Am 7. November sendete er ein vorerst letztes Lebenszeichen. »Hallo Jungs, ich liege jetzt schon eine Woche auf Intensiv und das wird noch einige Zeit dauern. Bitte keine Anrufe mehr, ich melde mich, wenn es mir besser geht«, schrieb er in die WhatsApp-Gruppe seiner Tenniskameraden. Das hochgefährliche Virus hatte den rüstigen 75er, der selbst im Hochsommer oft auch drei Stunden lang auf dem Tennisplatz steht und ohne Vorerkrankungen ist, mit voller Breitseite erwischt.

Die Sorgen waren nicht nur bei Angehörigen groß, sondern auch bei der Trostberger Tennis-Familie. Schließlich ist Andi Denkoff nicht nur für seine Herren-65- und -70-Mannschaft verantwortlich, sondern seit 2018 auch für die gesamte Abteilung. Einstimmig war er als Nachfolger von Fritz Wolfsgruber zum Abteilungschef gewählt worden, kümmert sich seither um den Breiten- und Spitzensport, um die Platzinstandsetzung, um den Nachwuchs, den Spielbetrieb, die Zusammenarbeit mit dem TSV Heiligkreuz, dem TSV Altenmarkt und dem SVL Tacherting innerhalb der Tennis-Gemeinschaft Alztal (TeG), um das Tennishaus und vieles mehr. Am 1. Dezember schrieb Rainer Otto, ein Vorstandsmitglied, in die Gruppe: »Hallo Freunde, Andy geht es nach wie vor nicht gut. Ich konnte mit seiner Tochter Simone sprechen. Sie hatte mit ihrem Vater ein kurzes Videotelefonat geführt. Andy konnte dabei nur die Augen öffnen. Er liegt im Wachkoma. Wir können nur hoffen und beten.«

Vieles nicht mitbekommen

Hoffen und beten haben offensichtlich geholfen, denn Andi Denkoff hat – im Gegensatz zu vielen anderen Corona-Patienten – überlebt. »Die Ärzte im Klinikum Traunstein haben mir mein Leben gerettet, dafür bin ich unendlich dankbar«, sagt er heute, auch wenn er sich an sieben Wochen nicht mehr erinnern kann. Er bekam nichts mit, beispielsweise von der Amokfahrt in Trier, von der Sonnenfinsternis, von den Millionen Corona-Toten weltweit. »Ich hatte Alpträume, die schlimmsten, nahm plötzlich wahr, wie es vor 300 Jahren war, ich lag in Ketten gefesselt«, beschreibt er die letzten Wochen in Traunstein. Erst als er am 28. Dezember in die Schön Klinik Bad Aibling-Harthausen verlegt wurde, nahm er das aktuelle Tagesgeschehen wieder wahr, wenn auch nur ganz schwach.

Das Trostberger Tennis-Ass war nicht mehr wiederzuerkennen. Total abgemagert startete Denkoff jetzt die erste Reha-Phase. »Ich habe 15 Kilogramm abgenommen, konnte mich nicht bewegen, konnte nicht schreiben. Von Gehen keine Spur, das war schlimm«, sagt er heute, lobt aber auch sein Betreuer-Team in Bad Aibling. »Dort gibt es wirklich ein breites Spektrum an hochqualifizierter und interdisziplinärer medizinischer Versorgung.« Und: »Das gesamte Personal kümmerte sich rührend um mich.« An der Beatmungsmaschine war er nach wie vor angeschlossen, durfte immer nur ganz kurze Zeit mal weg.

Aus der Schön Klinik schickte Denkoff am 17. Januar dann auch wieder das erste Selfie in die WhatsApp-Gruppe. Für das Bild wurden sämtliche Schläuche entnommen, ebenso das Sauerstoffgerät. Und der Reha-Patient schrieb dazu: »Ich bin gespannt, wie lange ich noch im Krankenhaus bleiben muss. Wenn ich mit dem Rollator zehn Meter gehe, muss ich mich hinsetzen, weil ich fix und fertig bin.« Aber in winzigen Schritten ging es voran. Am 28. Januar folgte eine kleine Frohbotschaft, die da lautete: » Ich bin jetzt 18 Stufen rauf und runter gegangen und heute Morgen habe ich sogar 100 Meter am Stück geschafft.« Am 5. Februar folgte die ganz große Hoffnung: »Hallo Jungs, mir geht es gut, ich denke, dass ich in fünf Wochen heimkomme.«

Patienten lange eingeschränkt

Das mit den fünf Wochen war zwar etwas zu euphorisch, aber die Anwendungen machten sich mehr und mehr bemerkbar. Denkoff gehört auch einer Gruppe an, die zu wissenschaftlichen Zwecken zur Verfügung steht. »Über 60 der Patienten, die wir in einem Jahr Pandemie in der Frührehabilitation nach schwerster Erkrankung behandelt haben, dürfen wir wissenschaftlich nachuntersuchen«, sagt Chefarzt Dr. Friedemann Müller. Und: »Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass viele Patienten wieder mühsam lernen müssen, zu gehen und am Alltag teilzuhaben.« Gerade im weiteren Verlauf der Genesung auch nach der Entlassung seien sie in ihrer körperlichen und geistigen Belastbarkeit noch lange eingeschränkt.

Bevor es für Denkoff nach Hause geht, wurde eine zweite Reha-Phase eingeleitet – jetzt in Schönau. Der Trostberger wurde ins Berchtesgadener Land deshalb verlegt, weil seine Lunge in Mitleidenschaft gezogen wurde und hier Europas größtes Zentrum für medizinische Lungen-Betreuung steht. Und wieder erwischte es Denkoff optimal. »Die Ärzte, Therapeuten und alle Pflegemitarbeiter arbeiten Hand in Hand, ich werde hier optimal versorgt und das nach neuesten Behandlungsmethoden«, strahlt der Patient.

Jetzt sind es also nur noch wenige Tage, bis er zu Ehefrau Christine heimkommen kann. Die hatte ebenfalls das Virus in sich, wurde in der Trostberger Klinik behandelt, hatte aber einen weit weniger schlimmen Verlauf. Wo sich die Denkoffs angesteckt haben, wissen sie bis heute nicht. Am Entlassungstag bekommt er ein mobiles Sauerstoffgerät mit nach Hause geliefert. Mit einem solchen wird er vorerst leben müssen. Und trotzdem sagt er: »Ich will wieder auf den Tennisplatz zurückkehren und vielleicht schon im Juli Bälle schlagen.« Denkoff wird dann mit einem Art Rucksack spielen, in dem das Sauerstoffgerät steckt.

»Ich bin ein positiver Mensch«

Und worauf führt er seine Genesung hauptsächlich zurück? »Ich bin ein positiver Mensch, denke immer vorwärts, habe nur gute Gedanken, nur so geht es«, sagt Denkoff, dem in den letzten Monaten mehr als 30 Mal Blut abgenommen wurde. Und fast so oft wurde er auch auf Corona getestet, obwohl er das Virus hatte, folglich auch Antikörper. Ums Impfen muss er sich keine Sorgen machen. »Bis Ende April bin ich mindestens geschützt, haben die Ärzte gesagt. Vielleicht werde ich im Mai geimpft.«

Drei Dinge hätten ihn immer an ein gutes Ende der Erkrankung glauben lassen: seine Familie, sein Kater und der Tennissport. Zur Familie gehören Ehefrau Christine, Sohn Michael und Tochter Simone sowie die Zwillingsenkel (10). Sein großer Schatz ist Kater »Burli«, der im Juli fünf wird. Mit zehn Wochen hatte er ihn am Tegernsee abgeholt, danach die Wohnung katzengerecht umgebaut. Und seine große Liebe ist und bleibt der Tennissport. Mit 40 kam er durch seine Frau dazu, die aktiv spielte. Er kämpfte sich nach oben, spielte in der Senioren-Bayernliga und schaffte mit dem UTC Fischer Ried in Österreich sogar den Aufstieg in die höchste Liga.

Andi Denkoff ist seit 2009 Rentner, arbeitete 15 Jahre als Kommissionierer bei Heidenhain in Traunreut. Zuvor war der gelernte Koch 30 Jahre bei Michael Lohs in Traunreut, kurzzeitig auch in Tschechien. Mit 13 hatte er die Ausbildung begonnen und brachte es auf über 50 Arbeitsjahre. Geboren ist Denkoff in St. Veit in Kärnten, seit 1973 lebt er in Trostberg.

Andi Denkoff wurde am 25. Oktober vergangenen Jahres ins Klinikum Traunstein eingeliefert. Er kam auf Station 2.5, Zimmer-Nummer 216 B. Tochter Simone hat über die folgenden 66 Tage Buch geführt. Hier die wichtigsten Stationen:

26. Oktober: Schüttelfrost, Fieber 38,7 – es gibt Sauerstoff, ab sofort dauerhaft unter der Nase.

29. Oktober: Oberärztin teilt mit, dass Patient eine bakterielle Lungeninfektion hat. Er bekommt Antibiotika und Kortison.

30. Oktober: Schlimme Nacht, kein Schlaf, Fieber und Husten.

31. Oktober: Katheter gelegt.

1. November: Schweißausbrüche. Großer Blutpfropfen aus der Nase gekommen. Verlegung auf Intensivstation.

3. November: Grausame Nacht mit Luftnot und Schüttelfrost.

8. November: Patient geht es ganz schlecht. Wieder Fieber. Blut wird drei Mal am Tag untersucht.

10. November: Patient ins künstliche Koma gelegt. Er hat keine Kraft mehr.

16. November: Patient atmet selbst mit Druckunterstützung, zeigt aber wenig Reaktion.

17. November. Ehefrau und Tochter bekommen Unterlagen für die Tracheotomie zugefaxt. Sie müssen entscheiden, ob ein Luftröhrenschnitt gemacht werden darf.

22. November: Pfleger Andi teilt mit, dass Patient selber atmen kann, Harnstoff etwas gestiegen, keine Dialyse.

23. November: Lungenfunktion etwas besser.

25. November: Lungensituation macht zu schaffen. Kreatinin und Harnstoff sehr hoch. Wieder Dialyse.

26. November: Leukozyten gestiegen. CT wird vom Brustkorb gemacht, um zu sehen, wie stark die Lunge geschädigt ist.

27. November: Lungenwerte etwas besser. Kreislauf stabil. Augen auf, aber keine Reaktion. Viele Schmerzmittel.

30. November: Sättigungswerte gut, Wachzustand nicht besser geworden.

1. Dezember: Noch keine Reaktion. Lungenwerte etwas besser.

2. Dezember: Dr. Loipold ermöglicht per WhatsApp Videocall mit Sohn und Tochter. Entzündungswerte gesunken.

3. Dezember: CT vom Kopf gemacht. Niere etwas eingeschränkt, wieder Dialyse.

4 Dezember: Erstmals in einem Stuhl gesessen.

6. Dezember: Patient in einem hyperaktiven Delirium. CRP (Entzündungswert) steigt wieder, Katheter gewechselt. Niere in Ordnung.

8. Dezember. Ein paar Stunden ohne Maschine geatmet.

9. Dezember: Schon zwei Stunden am Bettrand gesessen. Erster Sport: Bettfahrrad.

11. Dezember: Es gibt Eis zum Lutschen, damit Zungen-/Mundreflexe gefördert werden.

12. Dezember: Arzt erklärt der Familie am Telefon, dass Patient ein Critical-Illness-Polyneuropathie (Erkrankung des Nervensystems) haben könnte.

14. Dezember: Wieder Antibiotika, weil Entzündungswerte angestiegen. Von der Lunge wird Sekret entnommen. Ergebnis: Lunge hat wieder kleinen Rückschlag erhalten.

15. Dezember: Ehefrau und Tochter wird Formular für Lumbalpunktion zum Unterschreiben zugeschickt. Es soll Nervenflüssigkeit aus Wirbelsäule entnommen und untersucht werden.

16. Dezember: Patient atmet selbst mit Druckunterstützung, zeigt wenig Reaktion. Entzündungswerte fangen an zu fallen. Erfreulich: CT-Bild vom Kopf zeigt, dass alles in Ordnung ist.

17. Dezember: Entzündungswerte gehen zurück, deshalb keine Lumbalpunktion.

18. Dezember: Lunge doch nicht so gut. Bakterielle Lungenentzündung. Bewusstsein/ Reaktion nicht schwach da.

19. Dezember: Patient hat 75. Geburtstag. Krankenschwestern hängen Luftballons auf. Ehefrau und Kinder dürfen kommen. Alle drei genauso verkleidet wie Krankenschwestern mit Mundschutz, Kittel, Visier, Haarhaube.

20. Dezember: Patient hat schlimme Nacht. Kreislauf total im Keller.

23. Dezember: Ein großer Tag: Da Corona-Test »negativ« und Klinikum Traunstein Platz braucht, Verlegung nach Trostberg auf Intensivstation. Patient reißt sich versehentlich Magensonde heraus.

24. Dezember: Seine Liebsten besuchen Patienten an Heiligabend.

25. Dezember: 38,4 Grad Fieber, Schläuche wieder erneuert, Antibiotika verabreicht. Bauchschmerzen.

29. Dezember: Abschied aus Trostberg zur Reha nach Bad Aibling.

Karlheinz Kas


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