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Zwei Tonnen Tannenzapfen im Stadtwald geerntet

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Christian Schindler (links) und Alexander Nickl präsentieren die Ausbeute von fünf schweißtreibenden Arbeitstagen in den Kronen alter Tannen: rund zwei Tonnen Zapfen.

Traunstein – Vier Wochen eher als in früheren Jahren hat die Ernte von Tannenzapfen begonnen. Die Samen in den Schuppen der Zapfen sind begehrtes Saatgut in Baumschulen, die sich auf Forstpflanzen spezialisiert haben. Im Traunsteiner Stadtwald haben Christian Schindler aus Ainring und Alexander Nickl aus Passau rund zwei Tonnen Zapfen geerntet.


In der Samenklenge in Laufen-Lebenau werden aus diesen Zapfen in den nächsten Wochen die Samen geborgen. Als Klenge bezeichnet man eine Einrichtung, in der Forstsamen durch Trocknen, Sieben und andere Arbeitsschritte gewonnen werden. Das Traunsteiner Tagblatt begleitete die beiden studierten Forstwirte.

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Christian Schindler und Alexander Nickl haben sich als Ernteunternehmer selbstständig gemacht. Von Juli bis tief in den Winter und in manchen Jahren bis in den März hinein ernten sie Baumsamen. Den Sommer über betreiben sie Forst- und Baumpflege. Auftraggeber sind vorwiegend Gebietskörperschaften und Behörden wie zum Beispiel das Wasserwirtschaftsamt.

Arbeiten mit doppelter Seilsicherung

Fünf Tage dauerten die Erntearbeiten im Stadtwald. Die Tannen hier sind 35 bis 40 Meter hoch und die meisten Zapfen sind ganz oben am Baum. Der Stamm an der Spitze ist nur noch ein Paar Zentimeter dick. Wehe er bricht, wenn man das Seil anlegt und ihn belastet. Weil das schon tödliche Unfälle nach sich gezogen hat, arbeitet man mit einer doppelten Seilsicherung. Dann geht's im Falle des Falles nur zwei Meter nach unten, ehe das Sicherheitsseil den Sturz auffängt. »Mir ist sowas aber noch nie passiert«, versichert Alexander Nickl beim Gespräch auf der Bank vor dem Forsthaus in Froschham. Zuletzt wurde im Jahr 2011 Tannensamen im Stadtwald geerntet.

Das Seil, es ist das Aufstiegsgerät und Lebensretter in einem, misst in der Regel 60 Meter. Die brauchen die Zapfenernter bereits in den Tagen nach der Ernte im Landkreis Traunstein. Dann werden sie in der Nähe von Bad Griesbach und im Bayerischen Wald auf Douglasien steigen und deren Zapfen ernten. »Douglasien sind bis zu 56 Meter hoch«, sagen die beiden. Wie man diese Höhe so genau messen kann? Das sei überhaupt kein Problem, denn man braucht bloß von den 60 Metern Seillänge auszugehen. Sind noch etwa vier Meter übrig, wenn man ganz oben ist, dann kann man die Höhe leicht errechnen.

Christian Schindler und Alexander Nickl machen sich früh auf. Wenn die Arbeit kurz nach sechs Uhr beginnt, ist es in diesen Tagen aber schon ziemlich warm und bis zum Nachmittag wird es immer wärmer – dazu die schweißtreibende Arbeit. Aber die beiden sind gut durchtrainiert und der Acht-Stunden-Arbeitstag ist für sie auch unter diesen extremen Bedingungen normal. Die Zapfen verstauen sie in Säcken aus Kunststoff. Haben sie zehn bis fünfzehn Kilo beisammen, binden sie den Sack zu und werfen ihn zu Boden. Stehen die Tannen günstig, dann können die Ernter »übersteigen«, also in luftiger Höhe von einem zum anderen Baum wechseln. Das spart den Abstieg und den anstrengenden Wiederaufstieg. Bei einem solchen Übersteigen in großer Höhe zuzuschauen, verursacht Gänsehaut.

Wenn die Ernte nach sechs Stunden in den Bäumen abgeschlossen ist, beginnt die schwere Arbeit erst. Dann müssen die Säcke mit den Tannenzapfen zum nächsten Forstweg geschleppt und zur Sammelstelle beim Forsthaus gefahren werden. Hier werden sie bis zum Abtransport in die Samenklenge zum Vortrocknen aufgeschüttet. Von den zwei Tonnen Zapfen bleiben nach der Reinigung in der Samenklenge gut zehn Prozent, also etwas mehr als 200 Kilogramm, als reines Saatgut übrig.

Schaut man die beiden Ernteunternehmer nach getaner Arbeit an, könnte man meinen, sie kämen gerade von der Schichtarbeit aus einer Kohlezeche. Nur all das Schwarze auf ihrem Gesicht, an Hals, Haar und Händen ist nicht Kohle, sondern Harz. Wer schon einmal ein harziges Stück Holz in die Hand genommen hat und danach das Pech abwaschen wollte, der weiß, wie schwer das ist. Wie lange es dauert, bis man nach einem solchen Arbeitstag wieder halbwegs sauber ist? »Das geht ganz schnell«, erzählt Alexander Nickl. Vor der Arbeit trage man ganz normales Speiseöl auf Haut, Haare und Gesicht auf. Dann kann man das Harz nach Feierabend ganz leicht mit Seife abwaschen.

Traunsteiner Stadtwald ist von der ASP zertifiziert

Stadtförster Gerhard Fischer freut sich, dass ein Teil des 600 Hektar großen Stadtwalds vom ASP, dem Amt für forstliche Saat- und Pflanzenzucht in Teisendorf, für die Ernte von Tannensaatgut zertifiziert worden ist. Das ist ein Beweis, dass die Bäume hier besonders gut gedeihen und gesund sind. Bei Baumschulen sind sie sehr begehrt. Die Zertifizierung hat er bei der Zulassungsstelle der ASP in Teisendorf beantragen müssen.

Christian Schindler ergänzt, dass ein erheblicher Teil des Samens an die Forstbaumschule Sailer in Eurasburg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen geliefert wird. Die zieht aus dem Saatgut Tannen, die von Forstämtern und Waldbesitzern gekauft und gepflanzt werden. Dass der Kunde weiß, dass es sich auch wirklich um Nachwuchs aus dem Traunsteiner Stadtwald handelt, könne ganz leicht gentechnisch nachgewiesen werden, sagt Alexander Nickl.

Christian Schindler hat einen Pachtvertrag mit dem Traunsteiner Stadtforst abgeschlossen. Der beinhaltet, dass er die Tannen auf einer etwa 15 Hektar großen Fläche beernten darf. Dafür muss er 40 Cent pro Kilo Tannenzapfen bezahlen. Die beiden haben einen guten Ruf in der Branche und ihre festen Abnehmer. Wenn Saatgut knapp wird, versuchen sie nicht, den Preis endlos in die Höhe zu treiben, sondern beliefern ihre Stammkunden zu seriösen Preisen. Die danken es ihnen, indem sie treue Abnehmer bleiben, auch wenn das Angebot sehr groß ist.

Die beiden steigen aber nicht nur auf Tannen und Douglasien. Sie beernten auch Lärchen, Fichten und Schwarzkiefern. Bei Buche und Eiche müssen sie nicht in luftige Höhen klettern, sondern legen Netze aus, auf die das reife Saatgut fällt. Dann müssen sie es nur noch einsammeln. Begehrt ist auch der Samen zum Beispiel von Bergahorn und Traubenkirsche.

Sorgen wegen der Erderwärmung

Sorge bereitet den beiden ebenso wie Stadtförster Gerhard Fischer die zunehmende Erderwärmung. Wer weiß, ob es der einen oder anderen Baumart nicht schon bald so geht wie der Ulme oder der Esche? Wie lange wird die Fichte in unseren Breiten noch existieren können? Forstleute müssen in Generationen, in Jahrzehnten und Jahrhunderten denken. Schlüssige Antworten auf ihre derzeit drängenden Fragen wird vielleicht erst die nächste oder übernächste Generation bekommen. -K.O.-