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»Wie kommt man mit vier Kilo Kokain durch mehrere Flughafenkontrollen?« – Rentner fällt auf Betrüger herein

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Wegen Schmuggels von Kokain wurde ein Rentner am Landgericht Traunstein zu drei Jahren Haft verurteilt. Foto: dpa

Traunstein – Unbekannte Betrüger, vermutlich aus einer Nigeria-Connection, legten einen 80-jährigen gebürtigen Priener mit kleiner Rente herein. Für einen »Anwalt Campell aus den USA«, der sich über eine Spamseite im Internet an ihn wandte, sollte er »Immobilienpapiere« von Südamerika nach Hongkong transportieren. Das Ganze endete in einem Fiasko. Der Handwerksmeister landete in Untersuchungshaft, nachdem bei ihm vier Kilogramm Kokain gefunden wurden.


Die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler verhängte drei Jahre Freiheitsstrafe wegen Einfuhr von und Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie eines Waffendelikts.

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Laut Anklage von Staatsanwalt Martin Unterreiner hatte der 80-Jährige aus der Nähe von Rosenheim von Brasilien kommend das Kokain nach Deutschland geschmuggelt und in seinem Hauses gebunkert. Die Polizei fand das Rauschgift bei einer Durchsuchung am 26. November 2019. Griffbereit lagen eine veränderte Schreckschusspistole, ein Teleskopschlagstock und ein Samuraischwert.

Um seine Rente aufzubessern, suchte er im Internet nach Möglichkeiten, wie Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim erklärte. Dabei geriet der Angeklagte an einen »Rechtsanwalt Campell«, der für Immobiliengeschäfte einen »Kurier für Dokumente« brauchte. Ein professioneller Kurier wäre zu teuer. Im August 2019 flog der Angeklagte von München über Zürich nach Brasilien. In Sao Paulo erhielt er einen Trolley und eine Aktentasche, in der er die »wichtigen Papiere« wähnte.

Der 80-Jährige betonte vor Gericht, er habe die Dokumente mehrmals gesehen. Bei seinen Reisen auch nach Hongkong, Zürich, Frankfurt und Amsterdam sei er Mail- und SMS-Anweisungen gefolgt: »Ich habe immer das getan, was die angeschafft haben.« Hin und wieder habe er Geld für Spesen bekommen: »Einmal waren es 1000 Dollar. Das Hotel hat für zwei Tage 660 Dollar gekostet, eine Taxifahrt 180 Dollar. Letztlich konnte ich mir nicht mal mehr eine Brotzeit kaufen.« Und er wurde das Gepäck nicht mehr los. »Es klebte wie eine Zecke an mir«, schilderte er.

In Hongkong habe jemand in seinem Zimmer den Koffer abgeholt. Als er abreisen wollte, sei er wieder an der Rezeption gestanden. Die Kontaktleute hätten ihm mehrmals versichert, es stecke nichts Kriminelles dahinter. Nach Streit mit einem »Lotsen« sei er heimgekehrt.

»An Kokain habe ich nicht im Traum gedacht. Wenn ich von etwas Illegalem gewusst hätte, hätte ich den Koffer weggeworfen.« »Mein Mandant wurde ganz böse ausgenutzt. Ein alter Mann wurde geködert mit Geld, das er wegen der kleinen Rente gebraucht hat«, unterstrich Verteidiger Harald Baumgärtl. Da sich die Familie um den Vater wegen der anstrengenden Reisen sorgte, schaltete diese schließlich die Polizei ein.

Ein Zeuge des Bayerischen Landeskriminalamts berichtete, der 80-Jährige habe »Tausende von Spam-Mails« auf dem Handy gehabt und oft geantwortet. Die Reisen, darunter zweimal nach Südamerika, seien von Nigeria aus gebucht worden. Auch eine obskure Bank dort spiele eine Rolle. Dem Senior seien von »Rechtsanwalt Campell« Millionen Dollar in Aussicht gestellt worden. Der Angeklagte sprach in der Verhandlung von nur 3000 Dollar versprochenem Kurierlohn. Eine Schöffin fragte: »Wie kommt man mit vier Kilogramm Kokain durch mehrere Flughafenkontrollen?« Eine Antwort konnte niemand geben.

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, attestierte dem intelligenten, vitalen 80-Jährigen volle Schuldfähigkeit und keinerlei Suchtprobleme. Tatmotiv könne der Verlust einer angesparten Altersvorsorge durch Betrüger sein.

Der Sachverhalt der Anklage stehe fest, führte Staatsanwalt Martin Unterreiner im Plädoyer auf eine Freiheitsstrafe von drei Jahren zehn Monaten aus. Auf der Suche nach einem Zuverdienst sei der Senior an die falschen Leute geraten – an wen, wisse man nicht. »Dass irgendetwas an der Sache zum Himmel stinkt, hat der Angeklagte gewusst«, meinte er.

Der 80-Jährige habe bedingt vorsätzlich gehandelt – »mit Dollarzeichen im Auge«. Trotz positiver Aspekte scheide ein »minderschwerer Fall« wegen der enormen Menge Kokain bester Qualität mit einem Marktwert von 1,2 Millionen Euro aus.

Verteidiger Harald Baumgärtl hielt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren drei Monaten wegen eines minderschweren Falls für ausreichend. Der voll geständige 80-Jährige sei »schamlos aus- und benutzt worden«. Irgendwann habe er gemerkt, dass etwas nicht stimmen könne. Das sei wohl »bedingter Vorsatz, aber im untersten Bereich«. Der Angeklagte sei »keinesfalls ein normaler Drogenkurier«, sondern immer wieder hinters Licht geführt worden.

Im Urteil hob Vorsitzende Richterin Jacqueline Aßbichler hervor, der Angeklagte sei nicht der arme, hilflose Rentner. Er kenne sich in vielem aus, sei gewandt und misstrauisch: »Und Sie vertrauen blind einem Anwalt Campell. Das glauben wir Ihnen nicht.« Die Glocken hätten läuten müssen aufgrund der verschiedenen Ereignisse. In Sachen »minderschwerer Fall« folge das Gericht dem Verteidiger. kd

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